Trend zum Wechselwählen: Der Westen ist dem Osten voraus

Blog25. August 2017, 11:05
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Das Wahlverhalten wird insgesamt instabiler, im Westen schreitet dieser Trend aber schneller voran

Einer der großen Trends im Wahlverhalten der Zweiten Republik ist die Abnahme dauerhafter Parteibindungen – im politikwissenschaftlichen Jargon "Parteiidentifikation" genannt. Während in der unmittelbaren Nachkriegszeit noch drei von vier Wählern einer Partei nahestanden, identifiziert sich heute rund jeder Zweite mit einer bestimmten politischen Kraft – und nur eine kleine Minderheit gibt an, einer Partei "sehr nahe" zu stehen.

Die Begleiterscheinungen dieser Entwicklung sind hinlänglich bekannt, darunter etwa sinkende Wahlbeteiligung und eine steigende Bereitschaft zum Wechselwählen. Weniger geläufig ist die Tatsache, dass diese Trends regional recht unterschiedlich verlaufen.

Um diese regionalen Differenzen darzustellen, verwende ich den Pedersen-Index. Dieser Index addiert die Gewinne und Verluste aller Parteien in absoluten Prozentpunkten und dividiert diese Summe durch zwei. Wenn also Partei A fünf und Partei B sieben Prozentpunkte verliert, Partei C hingegen zwölf Prozentpunkte gewinnt, dann liegt der Indexwert bei 12: (5 + 7 + 12) / 2 = 12. Für die Berechnungen hier werden auch Nichtwähler und ungültige Stimmen miteinbezogen (alle Prozentwerte geben daher Anteile an den Wahlberechtigten an). Somit bildet der Indexwert auch ab, wenn es eine starke Änderung in der Wahlbeteiligung gibt.

Der Pedersen-Index misst die Nettovolatilität im Wahlverhalten. Wenn etwa 100.000 Stimmen von Partei A zu Partei B wechseln, genauso aber 100.000 Stimmen von B zu A, dann werden diese Wanderungen im Index nicht registriert. Der Pedersen-Index gibt also eine Untergrenze für die tatsächliche Volatilität an: Wie viele Personen müssen ihr Wahlverhalten zumindest geändert haben, damit die beobachteten Stimmengewinne und -verluste realisiert werden konnten?

Die Grafik oben zeigt den durchschnittlichen Indexwert (in Prozent aller Wahlberechtigten) pro Bundesland bei den Nationalratswahlen zwischen 1986 und 2013. Ein Ost-West-Gefälle wird sichtbar: Vorarlberg, Kärnten und Tirol haben deutlich instabileres Wahlverhalten als etwa das Burgenland oder Niederösterreich. In Vorarlberg ist die Netto-Volatilität im Wahlverhalten in der Regel etwa doppelt so hoch wie im Burgenland.

Dementsprechend unterschiedlich haben sich die Erosion der Wahlbeteiligung und der Stimmenanteile der traditionellen Großparteien entwickelt: Im Jahr 2013 erreichten Rot und Schwarz im Burgenland gemeinsam noch knapp zwei Drittel der Stimmen – und das bei einer Wahlbeteiligung von satten 83 Prozent. In Vorarlberg gaben hingegen weniger als zwei von drei Wahlberechtigten ihre Stimme ab, wobei SPÖ und ÖVP gemeinsam keine 40 Prozent der gültigen Stimmen erreichten.

Die Ursachen für diese regionalen Unterschiede sind (noch) nicht ausführlich erforscht. Ein Erklärungsansatz könnte der geringere Organisationsgrad von Parteien, Vorfeldorganisationen und Gewerkschaften in Westösterreich sein.

Neben kurzfristigen Effekten (Wechsel im Spitzenpersonal, Änderungen der Themenlage) unterliegt das Wahlverhalten in Österreich also langfristigen Trends, die zu größerer Volatilität in der Parteienlandschaft und tendenziell sinkender Wahlbeteiligung führen.

Entscheidend ist aber, dass diese Veränderungen im Bundesgebiet nicht einheitlich ablaufen. Wer die (wahrscheinliche) Zukunft des österreichischen Wahlverhaltens sehen möchte, der sollte demnach einen Blick nach Westen riskieren. (Laurenz Ennser-Jedenastik, 24.8.2017)

Laurenz Ennser-Jedenastik ist Politikwissenschafter am Institut für Staatswissenschaft der Universität Wien.

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