Kinder haben: Wie sich Vorstellung und Realität unterscheiden

Blog25. August 2017, 06:00
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Erwachsene glauben aufgrund ihrer Erfahrungen zu wissen, wie das Leben funktioniert. Kinder zeigen ihrem Umfeld aber schnell auf, dass das nicht immer stimmt

Helena, drei Jahre alt, wirft sich seit Tagen in regelmäßigen Abständen auf den Boden und schreit, was das Zeug hält. Schafft sie es beispielsweise nicht, ihrer Puppe die Schuhe auszuziehen, fängt sie zu weinen an, schreit und tobt. Schlussendlich schlägt sie dann vor lauter Wut mit ihren kleinen Fäusten auf den Fußboden ein. Das passiert immer öfter. Esther und Rainer sind schon ziemlich verzweifelt und versuchen solche Situationen gar nicht erst entstehen zu lassen, zumal sich das Mädchen immer seltener beruhigen oder ablenken lässt.

Sebastians Sohn, der achtjährige Philipp, spielt Fußball im Verein. Sehr oft muss Sebastian Philipp zu diversen Matches bringen. Die meisten Wochenenden hat der Papa wenig Zeit für sich. War das am Anfang noch spannend und sozusagen ein "reiner Männerausflug", findet Sebastian es schön langsam nur mehr mühsam. Immer öfter erwischt er sich dabei, dass er die Fußballleidenschaft seines Sohnes verflucht. Allerdings will er Philipp die Freude an seinem Sport nicht nehmen, deshalb hält er seine Meinung zurück, wenn das Thema Fußball in Gesprächen mit Verwandten und Freunden zur Sprache kommt.

Regina und Gerd haben ihre beiden Kinder nach der Volksschule ins Gymnasium geschickt. Während ihre Tochter Jessica keine großen Probleme hat, selbstständig lernt und relativ gute Noten bekommt, macht ihnen der 16-jährige Manuel große Sorgen. Er kämpft mit den Fremdsprachen, macht keine Hausübungen und hat schon wieder die Mathe-Schularbeit verhaut. Zu Hause sitzt er lieber vor dem Computer oder trifft sich mit seinen Freunden. Es zeichnet sich ab, dass er die Klasse wiederholen muss. Er raucht und trinkt auch mal ganz gerne mit seinen Freunden etwas zu viel. Gerd erwartet sich, dass sein Sohn später die Firma übernimmt, und daher ist es ihm ein Dorn im Auge, dass Manuel nicht ordentlich lernt. Alle Gespräche und Zugeständnisse der Eltern scheinen nichts zu nützen, sie machen sich große Sorgen, und ihre Nerven liegen blank.

Romantisierte Vorstellung

Kinder kosten viel Geld – darüber haben wir im vorigen Blogbeitrag geschrieben. Der Nachwuchs verlangt Eltern und Bezugspersonen aber so viel mehr ab als Geld und die finanzielle Investition in Bildung oder Kleidung. Ist erstmal ein Kind da, stellt dieses die Partnerschaft und das ganze Leben jedes Elternteils und jeder nahen Bezugsperson auf den Kopf. Damit gehen viele Veränderungen einher, über die man sich zuvor niemals im Klaren hätte sein können.

Bei der Überlegung, ein oder mehrere Kinder zu bekommen, träumen viele Eltern in spe von einem glücklichen Familienleben mit wenigen Schwierigkeiten. Sie malen es sich wunderschön aus, ein Kind zu erziehen und für dieses da zu sein. Auch wenn Eltern einkalkulieren, dass die Umstellungen in ihrem Leben groß sein und sie wahrscheinlich Einschränkungen haben werden, so ist die Realität, ein Kind großzuziehen, meist doch anders als erwartet oder gar geplant.

Ein Kind bringt Veränderung

Denn ein Kind kostet auch noch viele Nerven, Zeit – und vor allem den Abschied von der Überzeugung zu wissen, wie das Leben geht. Eltern, Großeltern und Bezugspersonen, Erwachsene ganz allgemein glauben, aufgrund ihrer Erfahrungen zu wissen, wie das Leben funktioniert. Doch ein Kind lehrt sein Umfeld meist sehr schnell, dass die Erfahrungen für das einzelne Kind nicht immer passen – für jedes Kind ist etwas anderes richtig und gut.

Einerseits prallen hier die Vorstellungen der Erwachsenen aufeinander und oft auch unterschiedliche Erziehungsstile, die aus der eigenen Erfahrung mit der individuellen Sozialisation entstanden sind und selbstverständlich an den Nachwuchs weitergegeben werden sollen, oder eben nicht. Kompromisse müssen gefunden werden, denn nicht jede Handlung der Partnerin beziehungsweise des Partners wird für passend befunden werden.

Weniger Spontaneität

Ein Kind fordert heraus, und Eltern lernen, sich im Laufe des Zusammenlebens darauf einzustellen, oder aber sie verlangen von ihrem Kind, sich auf den elterlichen Lebensstil einzustellen. Die eigenen Vorstellungen vom Leben mit Kind und der Erziehung und die Ideen der anderen Familienmitglieder dazu werden diskutiert, hinterfragt oder einfach auch nur angenommen.

Andererseits werden auf einmal Ansprüche an Flexibilität gestellt, die man so früher nicht für notwendig gehalten hat und deren Umsetzung manchmal schwerfällt. Plötzlich können die Elternteile nicht mehr einfach nach Lust und Laune agieren, spontane Ideen können mit Rücksicht auf das kleine oder große Kind nicht schnell mal kurzerhand umgesetzt werden.

Ihre Erfahrungen?

Kleine Kinder, kleine Sorgen, große Kinder, große Sorgen, lautet ein Sprichwort. Eltern machen sich ganz automatisch über vieles Gedanken, denn Verantwortung für ein anderes Leben zu übernehmen, ist eine große Herausforderung. Und das Leben mit den Sprösslingen verläuft nicht immer reibungslos. Auch wenn der Nachwuchs irgendwann selbstständig ist, kann es sein, dass Eltern sich immer wieder noch verantwortlich für dessen Handeln und Leben fühlen. Es ist letztlich nicht möglich zu wissen, was das Leben mit Kindern für Veränderungen bringt und wie es sich gestalten wird.

Wie haben Sie sich Ihr Leben mit Kind oder Kindern vorgestellt, und ist es jetzt so, wie Sie sich das ausgemalt haben? Worüber machen Sie sich Sorgen? Was ist für Sie das Schöne und Bereichernde am Leben mit Ihrem Kind/Ihren Kindern? Posten Sie Ihre Erfahrungen, Fragen und Ideen im Forum! (Andrea Leidlmayer, Christine Strableg, 25.8.2017)

Andrea Leidlmayr und Christine Strableg bloggen auf derStandard.at/Familie und geben Eltern Tipps für den täglichen Erziehungsalltag.

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