Lenin-Biografie: Der rote Revolutionär, der Druckerfarbe schwitzte

    22. August 2017, 16:08
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    Mit seiner mitreißend erzählten Lenin-Biografie gelingt dem britischen Historiker Victor Sebestyen ein großes Kunststück auf wissenschaftlich wohlbestelltem Boden: Wladimir Iljitsch Uljanow alias "Lenin" war ein russischer Radikaler von kleinbürgerlicher Statur

    Wien – Wladimir Iljitsch Uljanow besaß eine Menge Humor. Doch bei angeblichen Verfehlungen seiner revolutionären Mitstreiter hörte für ihn jeder Spaß auf. Uljanow (1870-1924), der sich während der Exilzeit Lenin zu nennen begann, war unermüdlich, wenn es darum ging, Konkurrenten zu beflegeln. "Windbeutel" war noch die harmloseste Beschimpfung.

    Lenin warf mit Unmengen von Verbalkot um sich. Sein ganzer Hass galt ausgerechnet jenen, deren Meinung nur geringfügig von der seinen abwich, den "Menschewiken" oder den Sozialrevolutionären. Lenin, der Berufsumstürzler, hatte sich ein solides Expertenwissen in Sachen Marxismus angelesen. Die bevorzugte Rolle dieses sonst überwiegend zurückhaltenden, spöttischen Mannes mit den asiatischen Zügen war jedoch die des Rohrspatzes.

    Lenin, so lehrt es Victor Sebestyens neue Biografie, verlor in Momenten der dramatischen Zuspitzung jede Contenance. Die Anbahnung der Revolution in der rückständigen Heimat betrieb er kalkuliert. Sobald die 1917 im Handstreich errungene Macht aber verteidigt werden musste, brachen bei dem äußerlich unscheinbaren Intellektuellen aus Simbirsk sukzessive alle Dämme.

    Man kann nicht sagen, dass der britische Historiker Sebestyen in Sachen Lenin politisch besonders neuwertige Einsichten auftischen würde. Die Verletzungen dieses radikalsten aller "progressiven" Weltveränderer datieren zurück auf die Kindheit und Jugend. Zum frühen Tod des Vaters gesellte sich die Tragödie von Uljanows Bruder, der als Verschwörer gegen das autokratische Zarenregime blutjung sein Leben ließ.

    Lebensform des Revoluzzers

    Lenins Entscheidung, in den Untergrund zu gehen und den Zarismus mit vor allem illegalen Mitteln zu bekämpfen, prägte fortan die Lebensform des Berufsrevolutionärs und nachmaligen Staatenlenkers. Er reiste quer durch Europa, die Spitzel der Geheimpolizei "Ochrana" dicht auf den Fersen. Eine gewisse Vorliebe für Katz-und-Mausspiele paarte sich bei Uljanow mit dem oft säuerlichen Phlegma des Schreibtischtäters.

    Man ist verblüfft: Mit dem Charisma des Bibliothekenhockers zog er mehrere Generationen von kettenrauchenden Desperados in seinen Bann. Als Prophet der Gewaltherrschaft der Arbeiterklasse glich er, der unermüdlich Leitartikel dichtete und Resolutionen ausschwitzte, einem Rufer in der Bleiwüste. Zahlreiche Zeitzeugen waren fassungslos über Lenins unwirsche Art. Dabei konnte der natürlich auch anders. Während ihm seine Frau Nadja Krupskaja das Leben im Exil, in muffigen Zimmern mit spärlichem Mobiliar, so angenehm wie möglich gestaltete, zog er Genossinnen und Genossen mit dem Anschein äußerster Tatkraft in seinen Bann.

    Die persönliche Bedürfnislosigkeit sicherte dem Organisator der Bolschewiki moralische Glaubwürdigkeit. Dazu kam eine erstaunliche Flexibilität in ideologischen Fragen. Russland war unter der Herrschaft Nikolaus II. weit davon entfernt, auch nur die Grundzüge einer bürgerlich-liberalen Gesellschaft zu entwickeln.

    Lenins Kühnheit bestand darin, die Revolution eben dort zu entfesseln, wo sie gemäß der eigenen Lehre nicht die geringste Chance auf Verwirklichung besaß. Der Vorgriff auf die Zukunft einer kommunistischen Gesellschaft bestand in der äußersten Härte, mit der der "Staat" – die "Sowjetmacht" der Bolschewisten – Vertreter "rückständiger" Gesellschaftsgruppen unterdrückte.

    Jede Form der Repression wäre zusammen mit dem "Staat" verschwunden. Dazu kam es bekanntlich nie. Doch Lenin schob während der zahllosen Sitzungen des Zentralkomitees Zettel an Geheimdienstchef Dserschinski weiter. Deren Lektüre meinte dieser, die Aufforderung zur Exekution inhaftierter "Konterrevolutionäre" entnehmen zu müssen. Lenins Unbedenklichkeit im Umgang mit Gegnern entbehrt nicht sadistischer, auch absurder Züge.

    Sebestyens Buch ersetzt nicht die Bibliotheken von Biografien. Man denke aus jüngerer Zeit an Wolfgang Ruges kluge Engführung der Lenin'schen Politik, von Robert Service zu schweigen. Doch es malt in allen grellen Farben eine widersprüchliche Figur. Heute liegt der präparierte Leichnam dieses Kleinbürgers mit dem Sendungsbewusstsein des Religionsgründers noch immer als Schaustück aus. Die Denkmäler aber werden immer weniger. (Ronald Pohl, 22.8.2017)

    Victor Sebestyen, "Lenin. Ein Leben". Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz, Karin Schuler und Henning Thies. € 29,95 / 704 Seiten. Rowohlt, Berlin 2017

    • Geburtstagsputz im April des laufenden Jahres im sibirischen Krasnojarsk: Wladimir Iljitsch Lenin blickt noch immer prüfend in die Zukunft.
      foto: naymushin/apa

      Geburtstagsputz im April des laufenden Jahres im sibirischen Krasnojarsk: Wladimir Iljitsch Lenin blickt noch immer prüfend in die Zukunft.


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