Das größte Gesundheitsproblem heißt Armut

    21. August 2017, 17:00
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    "Gesundheit in allen politischen Bereichen", ist der Grundtenor der Alpbacher Gesundheitsgespräche. Die Fakten dazu sind zwar nicht neu, aber eine Argumentationsbasis für notwendige Veränderungen

    Eine dunkle Wolkendecke hängt über dem Alpbachtal. Der Wind reißt immer wieder Lücken in das dichte Grau. In solchen Momenten dringen die Sonnenstrahlen durch, die stellenweise für Erleuchtung sorgen. Das Wetter konnte keine passendere Kulisse für die diesjährigen Gesundheitsgespräche liefern, dreht sich doch heuer alles um Konflikte und Kooperationen im System.

    Kämpferisch fiel auch das Eröffnungsstatement von Alpbach-Vizepräsidentin Ursula Schmidt-Erfurth aus: "Gesundheitsversorgung ist ein Menschenrecht, das nicht der Profitmaximierung untergeordnet werden darf." Die passenden Daten dazu lieferte ihr eine Lancet-Studie: Demnach lebt in den USA das reichste Prozent der Bevölkerung im Schnitt um 15 Jahre länger als jene Menschen, die sich sozioökonomisch am untersten Ende befinden.

    In die gleiche Kerbe schlug auch Catherine Bertini von der Syracuse University in New York und ehemalige Generaldirektorin des Welternährungsprogramms der Uno. "Die größte Gesundheitsgefahr beginnt nicht mit dem Zugang zur Gesundheitsversorgung oder deren Kosten, sondern mit der Armut", betonte die Expertin. Damit meinte sie konkret: Wer arm ist, arbeitet in den ungesündesten Jobs, ernährt sich von minderwertigen Lebensmitteln, lebt in prekären Wohnverhältnissen und hat die geringste formale Bildung – alles Faktoren, die der Gesundheit schaden und das Leben verkürzen.

    Prognosefaktor Postleitzahl

    Auch Bertini weiß um die Macht der Zahlen: 70 Prozent der weltweiten Todesfälle von 30- bis 69-Jährigen gehen auf das Konto von nichtübertragbaren Krankheiten. Sie sind das Ergebnis eines ungesunden Lebensstils und krankmachender Umweltfaktoren wie Luftverschmutzung, Lärm oder Wärmeinseln im urbanen Raum. Jo Ivey Boufford, Präsidentin der New Yorker Akademie für Medizin, zufolge belaufen sich in New York die Unterschiede in der Lebensspanne je nach Stadtbezirk auf bis zu neun Jahren. Ihr Fazit: "Die Postleitzahl ist ein besserer Prognosefaktor für die Gesundheit als die genetische Veranlagung."

    Ein Lösungsansatz, dem unisono zugestimmt wurde: "Health in all Policies". Demnach wird Gesundheit in allen politischen Bereichen gemacht, angefangen von der Agrar-, Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik über die Stadt- und Raumplanung bis hin zum Verkehrssektor. Dieser Ansatz ist keineswegs neu, das weiß auch die österreichische Gesundheitsministerin Pamela Rendi-Wagner, die dieses Konzept bereits während ihrer Zeit als Sektionschefin und Generaldirektorin für die öffentliche Gesundheit propagierte.

    Was in Alpbach vielmehr deutlich wurde: An den Schrauben und Rädchen, mit denen die Gesundheit der Menschen verbessert werden kann, lässt sich nur langsam drehen. Österreich ist dabei kein Einzelfall: "Eine wesentliche Schwäche der europäischen Gesundheitspolitik liegt darin, das vorhandene Wissen über notwendige Schritte nicht in die Praxis umsetzen zu können", so EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis.

    Privatwirtschaftliche Preisgestaltung

    Ein weiteres virulentes Problem, das in Alpbach erörtert wurde: der Zugang zu leistbaren innovativen Therapien. "Die quasi rein privatwirtschaftliche Preisgestaltung von internationalen Pharmakonzernen für patentgeschützte und bis zum Vorhandensein von Konkurrenzprodukten singulär vorhandenen neuen und wirkungsvollen Arzneimitteln greife möglicherweise zu kurz", räumte Rendi-Wagner ein.

    Auch dazu wurden Fakten präsentiert: So hat der US-Pharmakonzern Gilead für die Entwicklung des antiviralen Wirkstoffs Sofosbuvir, mit dem eine chronische Hepatitis C in den meisten Fällen geheilt werden kann, zwölf Milliarden US-Dollar investiert. Der Gewinn: 35 Milliarden US-Dollar.

    Die Stärken der diesjährigen Gesundheitsgespräche: Die einzelnen Panels zeichnen ein Gesamtbild der dringlichsten Gesundheitsprobleme und lassen Lösungsansätze erkennen. Die Fakten liegen auf dem Tisch, bis tatsächlich alle Stakeholder an einem Strang ziehen, wird es aber noch lange dauern. Konflikte sind programmiert. (Günther Brandstetter, 21.8.2017)

    • Wer wenig Geld hat, arbeitet in den ungesündesten Jobs, ernährt sich von minderwertigen Lebensmitteln, lebt in prekären Wohnverhältnissen und hat kaum Zugang zu leistbaren Therapien.
      foto: istock

      Wer wenig Geld hat, arbeitet in den ungesündesten Jobs, ernährt sich von minderwertigen Lebensmitteln, lebt in prekären Wohnverhältnissen und hat kaum Zugang zu leistbaren Therapien.

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