Cambridge-Zeitschrift im Visier von Pekings Zensur

21. August 2017, 07:00
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Weltweit herrscht Aufregung über das chinesische Vorgehen gegen ein renommiertes britisches Verlagshaus

Das in London herausgegebene Journal "China Quarterly" gilt als akademische Bibel moderner Chinakunde. Historiker, Sozialwissenschafter und Ökonomen schöpfen seit Jahrzehnten ihr Wissen über die Politik von Peking und Taipeh aus dem 1960 gegründeten, vierteljährlich erscheinenden Magazin. Seine Seriosität wird weltweit anerkannt.

China macht hier die Ausnahme. Chefredakteur Tim Pringle schockte Ende vergangener Woche die Öffentlichkeit mit seiner Enthüllung über eine besonders dreiste Form Pekinger Einflussnahme auf seine Zeitschrift. Die staatliche Verlags- und Pressebehörde (GAPP) verlangte vom Verlag Cambridge University Press (CUP), bei dem "China Quarterly" erscheint, den chinesischen Zugang zu 315 digitalen Artikeln und Buchbesprechungen zu blockieren. Chinas oberster Zensurbehörde passten diese politisch nicht.

Pringle twitterte, er sei "tief besorgt und enttäuscht". Diese Einschränkung der akademischen Freiheit sei kein "isolierter Fall, sondern die Ausweitung einer Politik, die den Raum für öffentliches Engagement und Diskussionen innerhalb der chinesischen Gesellschaft einengt".

Schadensbegrenzung für Verlag

Der Verlag argumentierte, er hätte Pekings Forderungen nachgeben müssen. Er befürchtete, dass ansonsten die Volksrepublik über ihre große Firewall alle seine Online-Publikationen für die Nutzung innerhalb Chinas sperren lassen würde. So widerfuhr es einst Google als Strafe, weil sich der US-Internetsuchdienst der Kontrolle der Zensur nicht unterwerfen wollte. CUP sagte zur Nachrichtenagentur Reuters: "Wir haben der Forderung zugestimmt, individuelle Artikel zu entfernen. Dadurch stellen wir sicher, dass andere von uns publizierte akademische oder zur Erziehung gedachte Materialien Chinas Forschern und Pädagogen weiter zugänglich bleiben."

Britische und US-Medien nannten die Vorgänge am Wochenende einen "Skandal". Menschenrechtsorganisationen sprachen vom "Verkauf der eigenen Seele". Das älteste und renommierteste Verlagshaus der Welt hätte sich einer Erpressung gebeugt. Hinzu kam, dass CUP neben den tabuisierten Artikeln auch den chinesischen Zugang zu mehr als 1000 E-Books auf seiner Webseite blockieren musste.

Sorge um Mitarbeit ausländischer Forscher

Thomas Heberer, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der "China Quarterly" und Chinawissenschafter an der Universität Duisburg-Essen, erfuhr vergangenen Donnerstag von den Pekinger Forderungen. Er sorge sich, dass "ausländische Forscher zögern könnten, wie gewohnt für 'China Quarterly' zu schreiben. Vor allem schrecken sie Chinas Akademiker von der Mitarbeit bei uns ab", sagte er dem STANDARD.

Bei Pekings Einflussnahme handelt es sich um den jüngsten Streich des vor seiner Wiederwahl Anfang November auf dem 19. Parteitag stehenden KP-Chefs Xi Jinping. Von seinem Amtsantritt 2012 an und besonders seit Anfang 2017 lässt Xi Akademien und Universitäten, Zeitungen und soziale Onlinedienste ideologisch auf Parteilinie bringen und auf sich einschwören.

Nach innen hat die KP-Führung liberale Reformzeitschriften wie die "Yanhuang Chunjiu" zum Schweigen gebracht, ließ unliebsame Bücher wie das die Unmündigkeit der Bürger enthüllende "Riesenbabyland China" des Psychologen Wu Zhihong auf den Index setzen. Pekings Zensur verbot Romane wie "Ruanmai", in dem die bekannte Schriftstellerin Fang Fang die Grausamkeiten der 70 Jahre zurückliegenden Bodenreform anprangert. Chinas Propagandisten diffamieren jede ehrliche Aufarbeitung der Geschichte als historischen "Nihilismus."

Firewalls nach innen

Nach der Abschreckung der Intellektuellenszene in Hongkong, wo mehrere Buchverleger und Händler chinakritischer Literatur drangsaliert und sogar entführt wurden, damit künftig keine "subversiven" Publikationen nach Festlandchina gelangen, ist nun das Ausland an der Reihe. Chefredakteur Pringle sagte zur "South China Morning Post", er befürchte, dass die Onlinezensur für "China Quarterly" nur der erste Fall sei, wo Peking versucht, auf die ausländische Chinaforschung Einfluss zu nehmen.

Nach innen haben Chinas Kontrolleure die technologisch ausgefeiltesten Firewalls der Welt zur Abschottung gegen unliebsame Informationen aus dem freien Netz errichtet. Sie versperren die Zugänge zu Google, Twitter oder Facebook und zu tausenden unerwünschten Webseiten. Bisher konnten technisch versierte chinesische Nutzer die Sperren mithilfe sogenannter virtueller privater Netzwerke (VPN) umgehen, die sich direkt über Satelliten mit dem Netz verbinden. Doch Peking hat begonnen, die im Inland angebotenen VPN-Umgehungswerkzeuge zu verbieten.

Penible Arbeit der Zensoren

Die Zensoren müssen monatelang gebraucht haben, um die 315 von ihnen geächteten Artikel im riesigen Onlinebestand von "China Quarterly" entdeckt zu haben. Ihre Liste ist 51 Seiten lang und beginnt mit digital nacherfassten Artikeln aus dem Jahr 1960. Zu den in Peking unwillkommenen Beiträgen gehören Aufsätze von China-Experten wie Roderick MacFarquhar, Ezra Vogel oder David Shambaugh.

Auch deutschsprachige Akademiker, die in "China Quarterly" publizierten oder deren Bücher dort besprochen wurden, werden genannt. Die meisten indizierten Beiträge fallen unter die "drei T-Tabus", sind also Berichte über die Lage in Tibet, auf Taiwan und über das Tiananmen-Massaker 1989. Auch Chinas Unruheprovinz Xinjiang, die Verfolgung der Falun-Gong-Bewegung und Analysen der Politik Maos und seiner Kulturrevolution werden in den verbotenen Artikeln behandelt.

Geschichtsbewältigung unerwünscht

Die Zensurliste gibt ungewollt Einblick, bei welchen Themen die Partei kritische ausländische Sichtweisen nicht mehr tolerieren will. Chinas Geschichte soll nicht aufgearbeitet oder bewältigt, sondern nach altem sozialistischem Gusto neu erzählt werden. Daran, so das drohende Kalkül der Pekinger Zensoren, soll sich auch das chinaakademische Ausland orientieren, wenn es seinen Zugang zur Volksrepublik behalten möchte. (Johnny Erling aus Peking, 21.8.2017)

  • Chinas Präsident Xi Jinping (vorne) bringt Universitäten und Medien auf Linie.
    foto: reuters / damir sagolj

    Chinas Präsident Xi Jinping (vorne) bringt Universitäten und Medien auf Linie.

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