Grafenegg: In der Hitze der Wolfsschluchtnacht

    20. August 2017, 17:48
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    Webers "Der Freischütz" konzertant zur Eröffnung des Festivals

    Grafenegg – Es ist das Festival des Dazwischen: zwischen St. Pölten und Wien, zwischen dem Ende der Festspielzeit und dem Beginn der Konzertsaison, zwischen dem sorgenfreien Hochsommer und dem milden Ernst des Frühherbstes. Zum elften Mal lädt Rudolf Buchbinder, die pianistische Institution, der späte Impresario und virtuose Netzwerker, nun nach Grafenegg. 2016 fanden gut 30.000 Besucher den Weg zum Hortus musicus auf dem Besitz der Familie Metternich-Sándor. In diesem Jahr ist das Defilee der Spitzenorchester etwas weniger exquisit ausgefallen als in der fulminanten Jubiläumssaison; Gastorchester aus St. Petersburg, Pittsburgh und London musizieren in der niederösterreichischen Freiluft.

    Und so tuckert man am ersten von vier Festivalwochenenden in einem klimatisierten Bus von Wien westwärts. Am vielleicht letzten Hochsommertag des Jahres wird im Schlosspark jeder zweite Schattenfleck bepicknickt, vor dem Eingang zum Wolkenturm gibt das Super Kids Orchestra aus Japan samt seinem Gründer, Yutaka Sado, ein kurzes Stehkonzert. Die gut zwei Dutzend Kinder und Jugendlichen fideln gut gelaunt sowie in dynamischer, beredter, nuancierter Weise: spitze.

    Lustig ausschauende Trauerweide

    Im akustischen Einflussbereich der Superkinder bemühen sich Rudolf Buchbinder und Brad Lubman, Residenzkomponist dieses Sommers, um die Genesung des Weltklimas und pflanzen einen Baum. "Was ist das eigentlich für einer?", fragt Buchbinder mit samtweicher, haraldserafinischer Stimme. "Eine Trauerweide", schallt es vom umstehenden Publikum in Chorstärke zurück. "Schaut aber eher lustig aus", meint der Chef mit Blick auf das bleistiftdünne, fast ast- und blattlose Stämmchen.

    Nach Lubmans gemäßigt moderner Fanfare wird im Wolkenturm Webers Oper Der Freischütz gegeben, konzertant. In schleppender, erratischer Weise stammelt sich Otto Schenk Silbe für Silbe durch die Zwischentexte von Christof Klimke. Im Ausgleich bemüht sich Yutaka Sado an der Spitze des Tonkünstler-Orchesters Niederösterreich nicht nur in der Wolfsschluchtszene um Dynamik, die oft einen rustikal-kompakten Beiklang findet.

    Szenische Nulldiät

    Ebenmäßig und hell singt Michael König den Max, keck und klar ist Daniela Fallys Ännchen. Tuomas Pursio brilliert als Kaspar mit hochdramatischen Sprechpassagen, Gal James ist eine durchwachsene Agathe mit dramatischem Aplomb. Mit nobler Blässe: Adrian Eröd als Graf Ottokar; prägnant Albert Dohmen als Eremit. Der Arnold Schönberg Chor macht den dritten Aufzug zur Demonstration der Chorsingkunst. Aufgrund der szenischen Nulldiät schwinden die Aufmerksamkeitskräfte immer wieder; die akustischen Störfeuer der Grillen tun ihr Übriges dazu. Dennoch: Begeisterung im Wolkenturm für das dreistündige Dazwischen von Oper und Konzert. (Stefan Ender, 20.8.2017)

    Das Grafenegg-Festival läuft bis 10. September

    • Otto Schenk las die Zwischentexte zu Webers konzertantem "Freischütz", Tuomas Pursio sang und Yutaka Sado dirigierte (v. li.).
      foto: grafenegg

      Otto Schenk las die Zwischentexte zu Webers konzertantem "Freischütz", Tuomas Pursio sang und Yutaka Sado dirigierte (v. li.).

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