Schausteller: "Im Prater braucht man Selbstbewusstsein"

    19. August 2017, 11:00
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    Mit seiner Familie hat Milan Brantusa in den vergangenen Jahrzehnten viele Attraktionen aufgebaut. Er sagt: "Mein Geschäft ist hart"

    Mein Geschäft ist hart. Es läuft sieben Tage in der Woche, 16 Stunden am Tag. Seit fünf Jahren haben meine Frau und ich keinen Urlaub mehr gemacht. Denn so etwas rennt nicht nebenher, auch wenn man verlässliche Mitarbeiter hat. Wir nehmen fast nichts raus, nur so kann man was aufbauen. Geld ist ja nur ein Werkzeug, das war es für mich immer schon. Und wenn man in der Betriebskasse kein Geld hat, kann man auch keine neuen Anschaffungen machen.

    Aber ich bin nicht unzufrieden damit, dass ich so viel arbeite. Wir leisten uns auch was. Wenn man den ganzen Tag nur im Kaffeehaus bei einer Melange sitzt und lästert, darf man sich nicht wundern, wenn man nichts bewegt und kein Geld hat.

    Ich habe in vielen Jobs gearbeitet

    Meine Eltern waren Gastwirte und haben mich ins Lycée Français gesteckt. Weil das damals die einzige Schule war, wo man Essen bekam und hin- und zurückgebracht wurde. Dann besuchte ich das TGM (HTL Technologisches Gewerbemuseum, Anm.), habe die Schule aber nicht abgeschlossen. Man muss nicht unbedingt einen Titel haben, um erfolgreich zu sein. Ich habe in vielen Jobs gearbeitet – Dachdecker, Lackierer, Fotoreporter. Da habe ich überall viel mitgenommen, und das hilft mir jetzt natürlich.

    Mein Vater hat irgendwann mit Spielautomaten angefangen. Er hat sie verkauft und repariert. Auch ich habe damit gearbeitet, war dann Spielautomatenmechaniker. Da habe ich mich blöd verdient, und jeder in Wien hat mich gekannt. Ich war wie der Richard Lugner heute – weil ich habe beim Abrechnen den Stammgästen Freispiele gegeben, das war so Sitte. So bin ich mit dem Prater in Berührung gekommen. Ich habe in eine alteingesessene Praterfamilie eingeheiratet. Wir haben mit einer Schießbude mit 80 Quadratmetern Größe angefangen, und heute haben wir viele Attraktionen.

    Derzeit haben wir in zwei Firmen zehn Mitarbeiter. Geisterbahn, Ringelspiele – wir bauen dauernd um und neu auf. Die Behörden schauen uns da ganz schön über die Schulter, aber Gott sei Dank gibt es Normen, die alles regeln. Die Gondelabstände, die Stufenhöhe, einfach alles.

    Sehr wichtig ist Vertrauen

    Die Arbeit hat einen besonderen Reiz für mich. Man hat hier Freiheiten, die man sonst nicht hat. Ich weiß das, ich habe in vielen Firmen gearbeitet, auch in großen. Da gibt es schon ein Korsett. Hier kann ich jetzt viel gestalten, und wenn mir danach ist, kann ich auch sekkant sein. Ich bin der Chef.

    Natürlich braucht man im Prater viel Selbstbewusstsein, besonders den Kunden gegenüber. Weil sonst machen die dich fertig. Die Angestellten ja nicht so. Die kann man sich aussuchen und formen. Denen sagt man, wie es läuft, und damit hat es sich. Sehr wichtig ist dabei Vertrauen. Die meisten unserer Mitarbeiter haben wir seit vielen Jahren. Einige sind uns weggestorben, und das ist sehr traurig, wie wenn man einen langen Weggefährten verliert. Unser Wohlstand ist auch die Leistung unserer Mitarbeiter.

    Kein Ort zum Schulstangeln

    Investitionsentscheidungen sind auch mit einer so langen Erfahrung, wie ich sie habe, nicht einfach und man greift immer wieder daneben. Zum Beispiel haben wir ein neues Fahrgeschäft (eine Vergnügungsattraktion, Anm.) aufgestellt. Das wurde ein absoluter Flop, die Leute sind einfach nicht eingestiegen. Die haben wir dann abgebaut und eine neue Geisterbahn hingestellt, und die ist ein absoluter Hit, das ist wie eine Bank. Warum etwas funktioniert und was anderes nicht – oft ist dass nicht nachvollziehbar. Deshalb meine ich: Wichtig ist, dass man was macht. Fehler kann man korrigieren.

    Ich sitze sehr viel selbst im Geschäft, an der Kassa. Da ist man beschäftigt, und das hält jung. Man hat den Überblick, und Spaß macht es auch. Es ist ja phänomenal, was man so sieht im Laufe eines Tages. Wenn es Probleme gab mit Besuchern – und das passiert doch häufig -, hat man das früher meistens auf die schnelle Tour erledigt. Heute ist es nicht so. Es gibt eine Security, und bei großen Problemen kommt die Polizei. In den 1970er- und 1980er-Jahren traf sich hier ja die Halbwelt. Heute nicht mehr so, die haben andere Treffpunkte. Und zum Schulstangeln kommt auch kaum mehr wer her. Die Schüler gehen lieber in ein Einkaufszentrum. (Johanna Ruzicka, 19.8.2017)

    • "Warum etwas funktioniert und was anderes nicht – oft ist dass nicht nachvollziehbar. Deshalb meine ich: Wichtig ist, dass man was macht. Fehler kann man korrigieren", sagt Schausteller Milan Brantusa.
      foto: johanna ruzicka

      "Warum etwas funktioniert und was anderes nicht – oft ist dass nicht nachvollziehbar. Deshalb meine ich: Wichtig ist, dass man was macht. Fehler kann man korrigieren", sagt Schausteller Milan Brantusa.

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