Lieber hungrig als ohne Akku – Smartphone als "Freund auf der Flucht"

    17. August 2017, 10:49
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    Kommunikationswissenschafterin Katja Kaufmann untersucht, wie Flüchtlinge das Smartphone nutzen

    "Treuer Freund", "Soldat", "meine Waffe" oder "Life Manager" – so nennen Flüchtlinge aus Syrien ihr Smartphone. Es helfe ihnen, die Flucht physisch wie auch psychisch zu bewältigen, so Katja Kaufmann von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gegenüber der APA. Die Kommunikationswissenschafterin untersucht, wie Flüchtlinge ihre Smartphones nutzen – unterwegs und im Ankunftsland.

    "Das Smartphone ist auf der Flucht lebensnotwendig"

    "Das Smartphone ist auf der Flucht lebensnotwendig", erklärte die Expertin. Sie hat im Rahmen eines Forschungsprojektes der ÖAW mit dreizehn Syrern zwischen 20 und 32 Jahren gesprochen, die 2015 nach Österreich kamen, und darüber in der Fachzeitschrift "SWS-Rundschau" berichtet. Hierzulande könne man sich das schwer vorstellen, so Kaufmann: "Viele junge Menschen in Österreich sehen das Smartphone als Unterhaltungsgegenstand an. Auch älteren Menschen wird dies über die Werbung vermittelt. Deshalb fragen sie sich: 'Wie kann jemand, der alles verloren hat, so ein Gerät besitzen?'"

    Mit Unterhaltung habe die Nutzung des Smartphones auf der Flucht aber nichts zu tun, dafür sei die Akkuladung viel zu kostbar, so Kaufmann. Die meisten Befragten hätten sogar angegeben, dass Strom wichtiger als Essen gewesen sei. "Ohne Nahrung kommen wir ein, zwei Tage aus, aber ohne Smartphone und Strom wird es schwierig", wird ein Flüchtling in der Publikation zitiert.

    GPS

    Ein Smartphone ermögliche Flüchtenden zum Beispiel, per GPS zu überprüfen, ob der Schlepper sie in die richtige Richtung bringe, berichtete die Wissenschafterin. Auch der Seenotrettung könnten sie im Ernstfall die exakten Koordinaten durchgeben, um schneller gefunden zu werden. Postings in sozialen Medien würden ferner dabei helfen, Personen wiederzufinden, von denen man getrennt wurde. Denn wer ein Smartphone besitzt, ist auch oft für Angehörige verantwortlich, ergänzt Kaufmann.

    Die zuverlässigste Informationsquelle seien Menschen, die die Flüchtenden persönlich kennen, wurde ihr erzählt. Über die Kommunikationssoftware Whatsapp würden Routen oder aktuelle Informationen über die Situation an der Grenze ausgetauscht. Auf Facebook könne man hingegen nicht genau feststellen, von wem ein Beitrag stamme. Misstrauisch zu sein, sei notwendig, um durchzukommen, so die Expertin.

    'Wenn ihr nicht aufhört, verbreiten wir das Video.'"

    Oft höre man davon, dass Ungerechtigkeit und Gewalt mit dem Smartphone dokumentiert und veröffentlicht werde. Aus den Erzählungen der Geflüchteten sei jedoch hervorgegangen, dass das Smartphone auch Gewalt verhindern könne, berichtete Kaufmann: "Die Flüchtlinge haben bei Übergriffen mitgefilmt und zur Polizei gesagt: 'Wenn ihr nicht aufhört, verbreiten wir das Video.'" Das habe sie an der Gewaltausübung gehindert.

    Als in vielerlei Hinsicht lebensbedrohliche Ausnahmesituation stelle die Flucht eine Zäsur in der Biografie der Betroffenen dar. Daher würden sie die Reise dokumentieren und auch Fotos von sich verschicken, um zu zeigen, dass sie am Leben sind. Zudem sorgten sie sich um ihre Angehörigen, die sie im Herkunftsland zurückgelassen haben. "Während Flüchtende ins Ungewisse gehen, ist die Familie noch im Krieg", so Kaufmann. Um psychisch durchzuhalten, hätten deshalb viele Studienteilnehmer auf dem Smartphone Bilder von Familienmitgliedern und Freunden gespeichert.

    Kommunikation mit der Familie

    Erst nach Ankunft in einem sicheren Land wird der Konsum von Musik und Fernsehserien wieder ein Thema. Viel wichtiger bleibe aber auch dann die Nutzung zur Orientierung in der neuen Umgebung – Google Maps und Qando seien dabei hilfreich, so Kaufmann. Sie arbeitet derzeit an der Auswertung von Interviews zum Thema Gebrauch von Smartphones nach der Flucht, die sie mit Unterstützung der Stadt Wien geführt hat. "Die Kommunikation mit der Familie, die in manchen Fällen über mehrere Kontinente verteilt ist, und der Austausch mit neuen Bekannten via Smartphone sind zentral", so die Wissenschafterin.

    Auf dem Gerät oder in virtuellen "Clouds" speichern die Flüchtlinge digitale Kopien ihrer wichtigsten Dokumente ab, die sie für das Asylverfahren oder die Anerkennung von Bildungsabschlüssen brauchen. Die Originale blieben oft in sicherer Verwahrung bei Verwandten, hat Kaufmann herausgefunden. In Österreich helfe das Smartphone auch beim Deutschlernen. Während die Flüchtenden unterwegs mit Englisch durchgekommen seien, sei der Spracherwerb hier notwendig, um sich zurechtzufinden, so Kaufmann.

    Ein wichtiges Bindeglied zur syrischen Flüchtlingsgemeinschaft in Wien sei ihr syrischer Projektmitarbeiter Mouhamad Alhassan gewesen, der über die ÖAW-Flüchtlingsinitiative "Flüchtlinge fördern, Flucht erforschen" ein Praktikum am Institut für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung absolviert hat. Seine Unterstützung sei vor allem bei der Suche nach Studienteilnehmern und der Durchführung der Interviews mit elf Männern und zwei Frauen notwendig gewesen. "Ich hoffe, dass sich dank unserer Arbeit ein paar Flüchtlinge weniger dafür rechtfertigen müssen, dass sie ein Smartphone besitzen", so die Forscherin. (APA, 17.8. 2017)

    • Artikelbild
      foto: apa
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