Diskussion über Chancen und Gefahren der digitalisierten Medizin

15. August 2017, 17:30
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Bei den diesjährigen Gesundheitsgesprächen in Alpbach wird die Digitalisierung der Altersmedizin diskutiert

Alpbach – Die Vorstellung einer digitalisierten Medizin weckt teilweise unangenehme Gefühle: Senioren etwa fürchten eine verstärkte Überwachung, Überforderung und Isolation durch die Digitalisierung ihrer medizinischen Versorgung. Ärzte und andere Gesundheitsdienstleister sehen sich durch die zunehmende Vernetzung mitunter in einer Flut von Patientendaten versinken. Auf der anderen Seite verbindet sich mit der digitalisierten Medizin die Hoffnung auf eine höhere Lebensqualität älterer Menschen, optimierte geriatrische Behandlungsmöglichkeiten und eine bessere Zusammenarbeit der unterschiedlichen Gesundheitsberufe.

Von einem globalen Vergleich verschiedener Gesundheitssysteme, der regionalen Versorgung mit modernen Medikamenten bis hin zu den Möglichkeiten der rasant fortschreitenden Digitalisierung in der Medizin reichen die Themen der Gesundheitsgespräche vom 20. bis 22. August beim diesjährigen Europäischen Forum Alpbach. Im Rahmen einer von Joanneum Research unterstützten Session steht die "multiprofessionelle Altersmedizin im Zeitalter der Digitalisierung" im Zentrum.

"Die Altersmedizin erfordert einen ganzheitlichen Ansatz, der nur durch die Zusammenarbeit verschiedener Fachdisziplinen und Gesundheitsberufe umgesetzt werden kann", sagt Keynotespeaker Markus Gosch, Professor für Geriatrie an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität und Chefarzt an der Geriatrischen Klinik in Nürnberg. "Die Qualität und der Erfolg einer geriatrischen Behandlung bauen deshalb auf einem funktionierenden Team auf."

Da Teamarbeit eine gute Kommunikation und die gezielte Weitergabe von Informationen bedeutet, könne die Digitalisierung hier gute Dienste leisten. "Mit ihr können große Datenmengen gesammelt, gefiltert und weitergeleitet werden", so Gosch. Auch im Patientenmonitoring erweitern digitale Anwendungen die Möglichkeiten: "Durch entsprechende Systeme kann der Arzt oder die zuständige Einrichtung erfahren, ob ein Mensch gestürzt ist, ob er zur üblichen Zeit nach Hause gekommen ist oder ob er seine Medikamente genommen hat."

Anleitung in Minischrift

Das mag technisch zwar möglich und für das Gesundheitssystem und theoretisch auch für die Senioren von Vorteil sein – was aber ist mit den Ängsten und Vorbehalten der Menschen gegenüber einer immer stärker digitalisierten Medizin? "Gerade bei technischen Hilfsmitteln für die ältere Generation müssen komplexe digitale Lösungen anwenderfreundlich und einfach gestaltet werden", verweist Gosch auf eine dringende Aufgabe. "Leider sind bei digitalen Geräten Bedienungsanleitungen in Miniaturschrift oder Verweise auf Internetseiten nach wie vor Standard und stellen für die Benutzer eine Barriere dar."

Dass sich auch unter den Medizinern der Enthusiasmus über die digitale Wende in Grenzen hält, überrascht Gosch nicht. "Aktuell leiden wir noch mehr unter der digitalisierten Medizin, als dass sie uns eine große Hilfe wäre." Das Problem: "Im Krankenhaus werden wir durch die internen Informationssysteme und die zunehmende Vernetzung mit Informationen zu den Patienten praktisch überflutet – gerade bei älteren Menschen sind Daten über viele Jahre abrufbar." Dennoch sei nicht gesichert, dass man in einem der alten Arztbriefe auch die aktuell benötigte Information finde. In Hinblick auf sinnvolle Filtersysteme herrscht also noch beträchtlicher Forschungsbedarf.

Ungelöst ist außerdem die Frage des Datenschutzes: "Gerade die Möglichkeiten des Zu- und Eingriffs von Unberechtigten in medizinische Netzwerke erfordern dringend Lösungen für die Zukunft", sagt Gosch. Neben diesen Bedenken überwiegt jedoch die Hoffnung auf eine verbesserte Patientenbetreuung durch die Digitalisierung. Im Bereich der Polypharmazie etwa, also der gleichzeitigen Verordnung mehrerer Medikamente bei einem Patienten, erwartet er von der digitalisierten Medizin in den kommenden Jahren mehr Sicherheit. In seinem zweiten Forschungsschwerpunkt, der Alterstraumatologie, habe die Digitalisierung schon Verbesserungen gebracht: "Für diesen Bereich haben wir mit der Arbeitsgemeinschaft Osteosynthese etwa eine Schulungs-App für Ärzte entwickelt, die bereits weltweit eingesetzt wird." (Doris Griesser, 15.8.2017)

  • Digitale Anwendungen könnten Altersmedizin verbessern.
    foto: corn

    Digitale Anwendungen könnten Altersmedizin verbessern.

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