Hauptverband-Chef Alexander Biach: Ritter der Verbindlichkeit

    24. August 2017, 09:00
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    Ende Juni wurde Alexander Biach zum Chef des Hauptverbands gewählt. Schon im Vorfeld streuten ihm alle Rosen: "Kompetent, informiert, sozialpartnerschaftlich geschult" lauteten die Attribute. Die Wahrheit ist: Ihn treibt eine heimliche Leidenschaft fürs Verhandeln

    Wenn Alexander Biach einen persönlichen "Schmäh" hat, dann wohl den, einfach nett zu sein. Zum Beispiel sagt er gerne Sätze wie: "Ich will gar kein großer Reformer sein." Oder: "Ich setze auf persönliche Gespräche statt auf Systemdebatten." Oder: "Ich renoviere gerade mein Wochenendhaus, das geht nur Schritt für Schritt. In der Sozialversicherung ist es genauso." Freilich vergisst er bei aller Bescheidenheit, wenig später nicht seine Erfolge zu erwähnen – aber das kommt unaufdringlich, ganz beiläufig daher.

    Ob Schmäh oder nicht: Biachs Art kommt gut an im Hauptverband der Sozialversicherungsträger, über Partei- und Lobbygrenzen hinweg. Seit Mai dieses Jahres ist der 43-jährige Betriebswirt und Wirtschaftsbündler der neue Vorsitzende des Hauptverbands. Er ist zuständig für 22 Krankenkassen und insgesamt 8,5 Millionen Versicherte. Und er legt diesen Job offenbar so an, dass Sozialversicherungsmenschen, die täglich mit ihm zu tun haben, nur Gutes über ihn sagen wollen – egal, ob es sich um "rote" oder "schwarze" Funktionäre handelt.

    Das ist durchaus auch als Nachtreten gegen Biachs vorzeitig freiwillig ausgeschiedene Vorgängerin Ulrike Rabmer-Koller zu verstehen. Die habe sich eben nicht so gut im Detail ausgekannt, obendrein sei sie in Verhandlungen zu ungeduldig gewesen und habe Alleingänge probiert. Dieser Vorwurf wiegt schwer in Sozialversicherungskreisen. Man ist dort auch immer noch verschnupft, weil Rabmer-Koller im Abgang gesagt hatte, sie vermisse den politischen Willen zur Veränderung im Hauptverband.

    Bewusst vorsichtig mit Reform

    Alexander Biach dagegen betont bei jeder Gelegenheit, er sei bewusst "vorsichtig mit dem Wort Reform", auch weil "das System bei Weitem nicht so schlecht ist, wie alle tun". Es funktioniere im Gegenteil eigentlich erstklassig, daher arbeite er lieber maximal an "Verbesserungen". Solche Worte sind natürlich Balsam auf verletzte Sozialversichererseelen.

    Biach ist seit Jahren geübt in den sozialpartnerschaftlichen Abläufen im Sozialversicherungswesen, schließlich war er bereits Landesvorsitzender der Wiener SVA und Vize-Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse. Biach: "Mein Vorteil ist wahrscheinlich, ich kenne alle Akteure." Sei der Hauptverband etwa ein Männerverein, der eine weibliche Vorsitzende schlicht und einfach ausrutschen ließ? Nein, sagt Biach brüsk, das glaube er auf keinen Fall – immerhin gebe es ja auch an der Spitze der Wiener Gebietskrankenkasse eine Frau.

    Alexander Biach ist offenbar jemand, der mit jedem kann und mit dem jeder kann. Er lächelt viel, bleibt stets höflich und freundlich und lässt doch nicht an Klarheit vermissen, was er sich unter einer Sozialversicherung im 21. Jahrhundert so vorstellt: Moderner müsse sie sein, effizienter, gerechter und schneller, sagt Biach und streicht kurz über seine aufgekrempelten hellblauen Hemdsärmeln.

    Für einen Moment erinnert er ein wenig an Sebastian Kurz, mit dem er als ÖVP-Obmann von Margareten natürlich befreundet ist und zu dessen Ehren er auch für das STANDARD-Fotoshooting einen türkisen Pullover mitbrachte. "Aber nur zum Spaß", sagt Biach augenzwinkernd. Dann, ernst: "Politik hat in der Sozialversicherung nichts verloren."

    Sitzfleisch am grünen Tisch

    Dass eine seiner ersten öffentlichen Forderungen war, auf E-Cards sollten Fotos der Versicherten sein, und dass dies prompt vom bereits emsig wahlkämpfenden Kurz aufgegriffen wurde, das sei tatsächlich Zufall, beteuert Biach: "Das hat der Hauptverband immerhin zuvor einstimmig beschlossen, und wir gehen ja auch nicht so weit wie der ÖVP-Chef. Wir wollen das auf freiwilliger Basis ermöglichen."

    Biach begründet die Entscheidung sachlich, er zeigt sich dabei inhaltlich firm und mit klarem Plan im Kopf und dem Willen, am grünen Tisch Sitzfleisch zu beweisen. Verhandeln ist auch privat die Leidenschaft: Alexander Biach, verheiratet und Vater von zwei Kindern, beschäftigt sich gerne mit Geschichtlichem, vor allem mit dem Mittelalter, und hier mit dem Heiligen Römischen Reich ab Karl dem Großen. Was ihn daran fasziniert? "Das System des Aushandelns von Interessen", kommt prompt.

    Biachs Bilanz nach knapp drei Monaten als Hauptverbandschef ist nicht übel: So wurden bereits im Juni elf von 23 Versicherungsleistungen harmonisiert, die gesetzlichen Rahmenbedingungen für die sogenannten Primärversorgungszentren geschaffen und der Gesundheitsfahrplan bis 2021 zwischen Sozialversicherung, Ländern und Ministerium festgelegt.

    Gerechtigkeit als Leitmotiv

    Für die nahe Zukunft hat sich Biach einiges vorgenommen: Die elektronische Krankenakte Elga soll endlich umgesetzt werden, er will pragmatischer bei der Genehmigung von Kassenverträgen für niedergelassene Ärzte vorgehen (etwa Verträge "splitten", damit Kassenstellen auch geteilt werden können), mehr in die Ausbildung und die Praxisorientierung junger Ärzte investieren und die Doppelt- und Dreifachversicherungen abschaffen.

    Ein Viertel aller Unternehmer, vor allem Kleinstunternehmer, zahlten doppelt Versicherungsbeiträge ein, ereifert sich der neue Chef des Hauptverbands: "Das ist Schwachsinn, und da geht es um Gerechtigkeit. Leistungen gibt's ja auch nicht doppelt."

    Gelernte Diplomatie

    Seine politische Vergangenheit kann Biach – er war sowohl im Kabinett von Exwirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner als auch Kabinettschef beim ehemaligen ÖVP-Verkehrsstaatssekretär Helmut Kukacka, nicht verleugnen: Er hat dort nicht nur die sozialen Fähigkeiten gelernt, die man braucht, um in der Welt der Sozialpartnerschaft zu reüssieren, er habe auch gelernt, wichtige Inhalte selbst zu erarbeiten, um sie zu verstehen – und sie rasch auf den Punkt zu bringen.

    So erklärt er etwa in einfachen Worten, wie der Teilchenbeschleuniger Med Austron in Wiener Neustadt funktioniert – um damit gleich unauffällig auch noch auf einen weiteren Erfolg seiner kurzen Amtszeit hinzuweisen: dass es diese weltweit außergewöhnliche Bestrahlungsbehandlung für Hirntumorpatienten in Österreich seit kurzem "auf Kasse" gibt.

    Diplomatie hat er damals wohl auch gelernt: Die Ärztekammer umgarnt Biach heute etwa mit der Bemerkung, sie sei ein "immens wichtiger Systempartner", ohne die nichts gehe: "Der Gast und der Wirt können sich alles ausmachen, was es zu essen gibt – wenn der Koch nicht mitspielt, wird das trotzdem nichts." (Petra Stuiber, CURE, 24.8.2017)

    • Alexander Biach hat gute Startbedingungen als Chef des Hauptverbands:  Er ist einer, der mit allen kann und mit dem alle können.
      foto: katsey

      Alexander Biach hat gute Startbedingungen als Chef des Hauptverbands: Er ist einer, der mit allen kann und mit dem alle können.

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