Kastenwesen in Indien: Diskriminierung der Unberührbaren

15. August 2017, 08:00
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70 Jahre nach Erlangung der Unabhängigkeit ist die Kastenproblematik in Indien explosiv wie eh und je

Neu-Delhi/Wien – Die Statue musste weg. Ein paar Dalits hatten sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion auf öffentlichem Grund im nordindischen Dorf Rudauli errichtet. Die Dalits sind die "Unberührbaren", gehören also nicht den vier traditionellen Gruppen im Kastenwesen an.

Auf dem Platz thronte nun ihr Idol: Bhimrao Ramji Ambedkar. Er war selbst Dalit und trotzdem Hauptautor der indischen Verfassung, die 1949 unterzeichnet wurde. Als Anti-Gandhi der Unabhängigkeitsbewegung trat er vehement gegen das Kastenwesen und damit das hinduistische System ein. Das Abbild Ambedkars verstörte die Hochkastigen im Dorf. Wenn, dann möchten sie eine Statue des Freiheitshelden Mahatma Gandhi sehen.

Die "backward castes"

Schlägerbanden zogen los, um die Statue zu demolieren. Doch hunderte Dalits wehrten sich. Einem Angreifer hackten sie die Arme ab, einen anderen verprügelten sie bis zur Bewusstlosigkeit. Das war im Jahr 1997, fünfzig Jahre nachdem Indien ein unabhängiger Staat geworden war. Bis heute findet die Bahujan Samaj Party (BSP), die 1984 gegründete Partei der "backward castes", der unteren Kasten, dass der Statuen-Vorfall gut war: "Die Leute haben endlich verstanden, dass die Unterprivilegierten gefährlich sind", sagte ein BSP-Aktivist.

Dalits dürfen streng nach Tradition nicht mit Hochkastigen essen oder trinken und oft nicht den gleichen Brunnen benützen. Polizeigewalt und Gewalt von Hochkastigen stehen an der Tagesordnung. 2015 wurden im Staat Uttar Pradesh allein 8538 Gewaltakte gegen Dalits registriert.

1997 war zum ersten Mal eine Unberührbare zur Ministerpräsidentin von Uttar Pradesh, der Hochburg der Dalits, gewählt worden. Im selben Jahr wurde auch der erste unberührbare Präsident gewählt. Bis dahin war das in der größten Demokratie der Welt undenkbar. Die neue Dalit-Ministerpräsidentin Kumari Mayawati packte nach ihrer Wahl die Gelegenheit beim Schopf: Laut Indienforscher Nicolas Jaoul der Pariser École des Hautes Études wurden allein 1997 mindestens 15.000 Ambedkar-Statuen aufgestellt. Denn "ihr" Indien ist nicht das der Hindu-Eliten, ihr Vater der Nation ist nicht der hochkastige Gandhi: Ihr Vater der Nation ist der Unberührbare Ambedkar.

Der Anti-Gandhi

Gandhi war zwar gegen die Kastenhierarchie, aber nicht gegen die Einteilung in Kasten. Er selbst mag Indien gewaltlos aus der Herrschaft der Briten geführt haben, aber hat er die unterprivilegierten Kasten aus der Herrschaft der Elite geführt? Das fragen die Anhänger Ambedkars.

Er, der Dalit, war für die "Auslöschung der Kaste". Das ist auch der Titel eines seiner bekanntesten Werke, einer Rede, die er nicht halten durfte. 1956 konvertierte er zum Buddhismus. Anders als Gandhi feierte Ambedkar stille Erfolge.

Dabei, so attestiert Martin Gaenszle vom Institut für Südasien, Tibet- und Buddhismuskunde der Universität Wien, hatte Ambedkar als Hauptautor der Verfassung eine nachhaltigere Wirkung auf die indische Politik als Gandhi. Bis heute weht ein stilles Zeugnis seines Schaffens über Indien. Das Rad auf der Nationalflagge geht auf ein buddhistisches Symbol zurück. Hier konnte er sich gegen Gandhis (hinduistisches)_Spinnrad durchsetzen. Meist konnte er das nicht. Gandhis Kongress-Partei gewann nach der Unabhängigkeit die Oberhand, Indien exportierte Gandhi in den Westen, Ambedkar war zu gewöhnlich.

Die radikale Bhim-Armee

Fast cartoonhaft zeigen die Ambedkar-Statuen einen Mann in blauem Anzug. Unter dem Arm hält er die Verfassung, auf der Nase sitzt die dicke Brille – oft aus Plastik. Diese Erscheinung macht ihn zu einer Pop-Ikone der Unterprivilegierten, zum König des Ghettos, wie ihn die indische Schriftstellerin Arundhati Roy nennt. Vor allem in den Slums Indiens findet man die Statuen zuhauf. Doch umso stärker es die Dalits vermochten, ihre Statue im öffentlichen Raum zu platzieren, umso häufiger kam es zu Vandalismus, der oft in Gewalt mündete.

Für viele Hochkastige, so Gaenszle, seien Ambedkar und seine Darstellungen noch immer ein rotes Tuch. Heutzutage hat es Ambedkar ins Zentrum der Macht geschafft. Die regierende Bharatiya Janata Party (BJP) integriert ihn in ihre hindunationalistische Politik, um sich die Wählerstimmen der großen Gruppe der Dalits zu sichern. Doch nie wird er als "Führer der Dalits" dargestellt, sondern immer als "Vater der Verfassung".

Gleichzeitig radikalisieren sich manche Dalits. Zwanzig Jahre nach Rudauli treibt die Bhim Army in Uttar Pradesh ihr Unwesen. Enttäuscht vom zähen Fortschritt, nehmen sie ihr Glück selbst in die Hand. Erst im Mai gab es bei Zusammenstößen in Saharanpur einen Toten und etliche Verletzte. Und immer ist die Verschandelung von Statuen Teil der Unruhen. Wenn sie Ambedkars beschmiertes Gesicht sieht, sagt eine Anhängerin der Bhim-Armee dem Online-Magazin The Quint, "ist es, als ob jemand unserem Vater ins Gesicht schlagen würde". (Anna Sawerthal, 15.8.2017)

  • Ambedkar ist die Pop-Ikone der Unterprivilegierten Indien.
    foto: imago/hindustan times

    Ambedkar ist die Pop-Ikone der Unterprivilegierten Indien.

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