"Falsch verstandener Corpsgeist beim Bundesheer"

Kolumne11. August 2017, 17:52
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Die Spitze des Bundesheeres übt sich bereits im Nebelwerfen

Ob man das Gefühl hat, dass dieser Staat noch auf dem halbwegs richtigen Weg ist, hängt auch vom Ausgang der Affäre um den bei einem stupiden und schikanösen Hitzemarsch zu Tode gekommenen Bundesheer-Rekruten ab. Ob die Normen des Rechtsstaats, der Demokratie und der Verantwortlichkeit noch gelten.

Die Spitze des Bundesheeres übt sich, in Komplizenschaft mit der rechten Massenpresse, bereits im Nebelwerfen. Es werde alles untersucht, aber man dürfe keine "Pauschalverurteilung" vornehmen, sagt Minister Doskozil. Der Ausbildner, der bei 35 Grad den Marsch angeordnet habe, wird laut Bundesheer nicht suspendiert, weil das eine "Vorverurteilung" wäre. Der Chef der Landstreitkräfte, Franz Reißner meint, "das System" funktioniere gut, aber es gebe "bedauerliche Ausreißer".

Und die Persönlichkeiten, die zu solchen "Ausreißern" führen, sind nicht längst bekannt? Des Antimilitarismus unverdächtige Personen wie Walter Rettenmoser, der frühere Pressesprecher des ÖVP-Verteidigungsministers Lichal, sieht hingegen in einem Brief an den STANDARD ein systemisches Versagen: "Leider gab und gibt es beim Bundesheer – so wie in jedem Bereich der Gesellschaft – Psychopathen. Doch beim Bundesheer kann deren Handeln zu Toten führen. Beim Bundesheer besteht das Problem leider in einem falsch verstandenen Corpsgeist! Diese 'Typen' sind in der Regel für ihr krankes Verhalten in der Truppe und deren Führung längst bekannt und werden weder hinausgeworfen noch – zumindest – von der Ausbildung unserer Kinder abgezogen."

Rettenmoser zu Doskozil: "Gerade ein Minister, der auch aus einem uniformierten Bereich kommt, hätte von Beginn seiner Tätigkeit an wissen müssen, dass da bei der Ausbildung und beim falsch verstandenem Corpsgeist Handlungsbedarf besteht."

Dieser Corpsgeist droht eine rücksichtslose Aufklärung zu behindern. Schon melden sich ja drei anonyme Kompaniekameraden des toten Grundwehrdieners, die in einem in bemerkenswert professionellen PR-Stil verfassten Brief das Ganze herunterspielen und die kritische Presse der "Fake News" bezichtigen. Die "Krone" druckt das begeistert ab und verfasst militärfromme Kommentare.

Andere Bundesheer-Insider richten die Aufmerksamkeit auf den Truppenkörper, bei dem es zu diesem Vorfall kam: Die Garde sei bekannt für Ausbildner mit Menschenverachtung. Es werde nur nichts dagegen unternommen.

Das deckt sich mit den Aussagen eines Ex-Rekruten bei der Garde in Horn. Man müsste bei dieser Einheit einmal genauer hinschauen. Es ist die Pflicht der politischen und militärischen Führung, darauf zu achten, dass problematische Persönlichkeiten ihre Komplexe nicht an Rekruten abarbeiten dürfen.

Das Bundesheer ist die Armee eines demokratischen Rechtsstaats, und das bedeutet nicht, dass "demokratisch" über irgendwelche militärische Maßnahmen entschieden wird, sondern dass die Prinzipien der Verhältnismäßigkeit und der Verantwortlichkeit auch dort gelten.(Hans Rauscher, 11.8.2017)

Leserbrief

Der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Michael Bauer, antwortete am Samstag mit einem Leserbrief auf die Kolumne von Hans Rauscher:

Hans Rauscher reagierte darauf wie folgt:

Sehr geehrter Herr Oberst,

Ihre Reaktion auf meine Kolumne ist unprofessionell, vor allem für einen Sprecher des betroffenen Ministeriums. Ihre Behauptungen sind unwahr: zunächst einmal habe ich selbstverständlich Ihr Ministerium kontaktiert und zwar am Freitag am frühen nachmittag Herrn Mag. Dietmar Rust, der als Kontaktperson für Presseanfragen auf der Website des Ministeriums steht. Es ging dabei primär um eine Anfrage, ob es detaillierte Statistiken über Soldatenselbstmorde gibt.

Bei der Internetrecherche bin ich nämlich auf einen Artikel der Zeitschrift "Truppendienst" aus dem Jahr 2007 gestoßen, wo von erhöhten Selbstmorden und entsprechenden Maßnahmen die Rede war. Mag. Rust versprach, sich darum zu kümmern. In der Folge haben wir auch über psychologische Betreuungsmaßnahmen, auch Seelsorge, für Rekruten gesprochen und dann auch über den konkreten Fall des verstorbenen Rekruten – wie sich das mit solchen Märschen verhält und wann und wie ein Ergebnis zu erwarten sei.

Das war vor der Ministeriumsverlautbarung, dass der junge Mann an einem Infekt litt. Dass man vielleicht trotzdem an derart heißen Tagen keine Gewaltmärsche ansetzt , steht auf einem anderen Blatt. Sie werden unter den Postings zu meiner Kolumne eine von einem früheren Ausbildungsoffizier finden, der genau das sagt. Jedenfalls sollten Sie sich selbst besser darüber informieren, was in Ihrer Abteilung vorgeht, ehe Sie Vorwürfe mangelnder Recherche und Verletzung journalistischer Sorgfaltspflicht gegen Journalisten erheben.

Der Vorwurf, ich hasse das Heer und Soldaten, ist sowohl unprofessionell wie geradezu kindisch. Sie werden in meiner jahrzehntelangen Karriere keinen Beleg dafür finden, vor über 20 Jahren habe ich sogar den Preis für geistige Landesverteidigung erhalten. Einfaches Googeln hätte Ihnen gezeigt, dass ich mich anlässlich der Volksbefragung vor ein paar Jahren für ein Wehrpflichtigenheer, allerdings ein vernünftig reformiertes , ausgesprochen habe. Gegen ein Berufsheer war ich damals hauptsächlich, weil da die Gefahr rechter Unterwanderung groß (noch größer als heute) ist. Aber auch, weil in einer geschlossenen Institution die Gefahr der Borniertheit hoch ist.

Ihre Schlussfolgerungen aus meinen Kolumnen zu diesem Thema sind falsch und uninformiert. Ich darf Ihnen höflich raten, sich aus dieser engen Sicht zu befreien.

Hans Rauscher

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