Problem Präsenzdienst

    Userkommentar11. August 2017, 16:52
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    Warum militärische Führung nicht den Eindruck von Pädagogik erwecken sollte und auch beim Bundesheer Feingefühl und Takt herrschen sollten

    Der tragische Tod eines Rekruten in Niederösterreich fördert mitunter auch das zutage, was viele feinfühlige und reflektierte erwachsene Österreicher wissen: Die militärischen Ausbildner mögen eine psychosoziale und pädagogische Ausbildung vorweisen können – allein, in der Praxis kommt diese nicht an. Schlimmer noch: Sie ist ganz häufig respektlos, entwürdigend, unangemessen und unreflektiert.

    Ich selbst könnte aus meinem Präsenzdienst im Jahr 1998 eine Unmenge solcher "Geschichten" schildern, von denen zumindest eine auch körperlich in Erinnerung geblieben ist: der Fünf-Kilometer-Marsch im sogenannten Kampfanzug 3 (45 Kilogramm), den ich mit meinen damals 61 Kilogramm Körpergewicht nur mit (verbotener) Hilfe eines lieben Kameraden schaffen konnte. "Weichei" und "Schwächling" waren damals die harmlosesten Worte – wohl auch, weil diese vom einzigen Offizier kamen.

    Taktvolle militärische Führung ...

    Vielleicht muss das ja so sein, steht doch der Präsenzdienst im Zusammenhang mit der "umfassenden Landesverteidigung" (Art. 9a, BVG) und dabei wiederum insbesondere mit der "militärischen". Das führt zu einer problematischen Verwechslung, die von einem Vertreter des Heeres im STANDARD zusätzlich befeuert wurde. Verwiesen wurde darin auf die psychologische und pädagogische Ausbildung der Ausbildner. Aus dem Fundus pädagogischer Theorie und erziehungswissenschaftlich-empirischer Forschung ist längst bekannt, dass der Transfer von Theorie in Praxis eine komplexe Sache ist. Ein wesentliches Moment dabei ist der sogenannte Takt – ein "Feingefühl", engagiertes Unterlassen, jedenfalls aber "Verletzungsverzicht". Der Sozialphilosoph Plessner schrieb über die taktvolle Praxis: "tastend, sichernd, (...) offen, doch nie ohne Reserve, (...) bestimmt, doch biegsam".

    Diese Haltung muss in der Praxis kultiviert werden, wozu das Militär ungeeignet zu sein scheint. Warum? Aus vielen Gründen, von denen sich einer prominent abhebt. Militärische Praxis wird durch militärische Führung strukturiert, deren Dynamik zwischen Auftrag und Befehl entfaltet wird. Dabei ist die Ausführung von der Planung personell entkoppelt und soll keine autonome Willensbildung entfalten. Dies wird durch Wiederholung, Drill, Angst und so weiter sichergestellt – konditioniert, aber eben nicht kultiviert. Das macht militärisch Sinn, ist aber eben parapädagogisch.

    ... und eben nicht Pädagogik

    Pädagogische Führung ist ein dialogischer Prozess, der von außen angeregt (und zunächst präformiert), allmählich aber zu einem inneren transformiert wird. Ihr Ziel heißt Selbstbestimmung, die von der Person selbst zu leisten ist und nicht durch Fremdbestimmung hergestellt werden kann. Das Handeln der ausführenden Person muss allmählich und immer mehr vor deren eigenem Selbst verantwortet werden. Damit wird an die (praktische) Vernunft des Menschen appelliert, die Kant nicht zufällig mit dem Gewissen in Verbindung bringt. Neben dieser pflichtethischen Perspektive gibt es aber auch eine der Tugend: Gewissen ist demnach eine Instanz, die das Wissen um gute Praxis mit anderem Wissen in Verbindung zu setzen vermag und daraus angemessene Entscheidungen durch Praxis kultiviert.

    Wenn militärische Führung überhaupt einen pädagogischen Anspruch erheben könnte, dann nur eingeschränkt und mit besonderem Akzent auf die Fürsorge. Diese richtet sich auf den anderen als Person. Für Pädagogik ist dieser Bezug nur insofern zu akzentuieren, als der andere Mensch noch nicht oder noch eingeschränkt der Selbstsorge fähig ist. Anders beim Militär: Selbstsorge und damit Autonomie ist unerwünscht, dient doch das einzelne Tun "dem Land" und seiner Verteidigung.

    Einmal mehr: Auch Berufsausbildungen müssen bilden

    Gerade deshalb müssen Befehlsempfänger und deren Familien darauf vertrauen können, dass besonderes Feingefühl – und noch einmal: Takt – herrscht. Um dies sicherzustellen, bedarf es einer kritisch-reflexiven Haltung zum Leben, die unentwegt das je eigene Selbst bespiegelt und sein Tun auf es selbst zurückwirft. Diese Selbstsorge ist beim militärischen Personal zu entwickeln, muss einer der Schlüsse lauten, die man aus diesem tragischen Vorfall ziehen kann – neben juristischen.

    Inwieweit ein solcher Marsch bei glühender Hitze verantwortet werden kann, angemessen, taktvoll, das heißt "tastend, sichernd" und "vernünftig" ist, müssen sich die agierenden Personen jeweils selbst fragen. Hinter ihrer Berufsrolle als Soldaten werden sie dabei keinen Schutz finden können. (Robert Schneider, 11.8.2017)

    • Drill, Wiederholung, Angst: Da lässt sich keine autonome Willensbildung entfalten.
      foto: apa/helmut fohringer

      Drill, Wiederholung, Angst: Da lässt sich keine autonome Willensbildung entfalten.

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