Salzburger Festspiele: Walzer und Landler als ironischer Reigen

    11. August 2017, 14:46
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    Teodor Currentzis und MusicAeterna mit Berg und Mahler

    Salzburg – Teodor Currentzis und sein Orchester MusicAeterna of Perm Opera verändern mit jeder ihrer Interpretationen ein klein wenig, aber nachhaltig, die weitere Sicht auf Werke des "klassischen" Repertoires. Das war jüngst, ebenfalls bei den Festspielen, beim Mozart-Requiem der Fall und wiederholte sich nun mit der 1. Symphonie Mahlers und mit Alban Bergs Violinkonzert Dem Andenken eines Engels mit der Solistin Patricia Kopatchinskaja als kongenialer Partnerin für querdenkerisches Musizieren.

    Der zu erinnernde "Engel" in Bergs 1936 uraufgeführtem Konzert ist die mit 18 Jahren an Polio verstorbene Manon Gropius, Tochter Alma Mahlers aus ihrer Ehe mit Walter Gropius – vom befreundeten Ehepaar Berg geliebt wie eine Tochter. Ohne diesen Hintergrund wäre das Werk wohl tatsächlich nicht genau so ausgefallen, hat doch die Tragödie dem Komponisten den letzten Anstoß zu einem schon länger geplanten Violinkonzert gegeben. Längst bewegt das Werk ohne diesen Hintergrund. Es fasziniert als Dokument einer etablierten Moderne, durch die die "wienerische" Vergangenheit durchschimmert, als freundliche, aber bewusst Abschied signalisierende Geste. Bergs Meisterwerk ist Äonen von Folklore entfernt.

    Abschied von Walzer & Co

    Und gerade deswegen sind die vorüberhuschenden Zitate – Volkslied, Walzer, Bach-Choral – so bewegend. Sie wirken wie der Abschied im Lied von der Erde: "Er fragte ihn, wohin er führe. Und auch warum es müsste sein ...". Der Abschied von Walzer & Co musste nicht nur sein, er war zu diesem Zeitpunkt längst vollzogen. Die glasklare Interpretation von Teodor Currentzis machte das umso deutlicher, als gerade diese Zitate mit äußerster Sachlichkeit und Transparenz musiziert wurden. Ein Currentzis biedert sich nicht an, Kopatchinskaja auch nicht: Energieschübe wie Vulkanausbrüche sind ihr Ding, das sie nicht selten mit kräftigem Fußaufstampfen unterstreicht. Aufschrei, Kampf und Tod im zweiten Satz gingen ins Mark.

    Vergleichbar war Currentzis' Zugang zu Gustav Mahlers Symphonie Nr. 1 D-Dur. Die Eröffnung mit ihrer Anweisung "Wie ein Naturlaut" war ätherisch flirrend, kaum von dieser Welt, so leise. Im zweiten Satz, sofern nicht deftig, tanzten Walzer und Landler einen ironischen Reigen: Das Marienglas wurde zum Zerrspiegel. Raffiniert böse! Fast bösartiger als der ohnehin ironisch konzipierte darauffolgende Trauermarsch des dritten Satzes. Dieser mutierte unter den Händen von Currentzis zu einer Filmmusik für Emir Kusturica. Fanfare Ciocărlia ist nix dagegen. (Heidemarie Klabacher, 11.8.2017)

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