Clemens Berger: Letzte Abschiede

Essay13. August 2017, 13:00
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Als ich elf, zwölf oder dreizehn Jahre alt war, war alles noch gut. Alle, die für mich Zuhause bedeuteten, waren noch am Leben. Doch dann ... Erinnerungen an den Verlust geliebter Menschen

foto: andreas duscha
Solange der Mensch auf dieser Welt noch keine menschlichen Verhältnisse eingerichtet hat, sind es andere Menschen, die die "Heimat" oder das "Zuhause" sind: Autor Clemens Berger.

Sie waren "die Buben". Immer "die Buben". Selbst als Kurt und Eugen, zwei kleine, aber wohlgenährte Bauern, längst über siebzig waren, wurden sie immer noch "die Buben" genannt – oder "die Buam", wie meine Großmutter ihre Cousins nannte, als sie noch sprechen konnte. Als sie noch kochen konnte, mehr als fünfzehn Jahre bevor sie nach einem langen und schrecklichen Alzheimerleiden starb, saßen die Buben in ihrer Küche, tranken Bier und Schnaps, machten sich über ihre deftigen Speisen her und vertilgten, ohne ein Wort zu viel zu verlieren, riesige Portionen. Die Buben, so sah es jedenfalls meine geliebte Großmutter, benötigten nach einem langen Tag harter Arbeit im Wald Energie, wenn mein Großvater und ich mit ihnen Bäume gefällt, das Holz zerkleinert, es auf einen Anhänger geladen und zu uns nach Hause gefahren hatten, die Buben auf ihrem Traktor, wir im Auto meines Großvaters voraus.

Ich beobachtete sie stets mit Staunen. Sie waren dick, rund und robust, trugen mit roten Gesichtern riesige Baumstämme, als wögen sie nichts, die Kraft, die von einem Leben schwerer Arbeit stammte, war enorm. Sie sprachen nicht viel, manchmal verstand ich sie kaum, ihren schweren Dialekt, die genuschelten Worte, die seltsamen Betonungen. Bei der Arbeit waren sie schnell und geschickt, sie fällten und hackten und spalteten umsichtig, schnaufend und schwer atmend. An einem nasskalten Morgen im Winter 2000, als sich die blau-schwarze Regierung unter wütenden Protesten formierte, meinte einer der beiden während des Holzfällens: Bekäme er einen dieser demonstrierenden Nichtsnutze zu Gesicht, würde er ihm schon zeigen, wo Gott wohne. Er könne mit mir beginnen, sagte ich, das Thema war erledigt, wir arbeiteten weiter, nichts schien geschehen, nichts gesagt worden zu sein. Ein anderes Mal, an einem anderen Tag, Jahre später, fragte mich einer der beiden, ob ich ein gewisses Mädchen aus ihrem Dorf kennte, das in Wien studiere – ob ich ihm manchmal begegnete?

Als mein Großvater, der seine Kraft in den Jahren verloren hatte, in denen er sich um meine kranke und hilflose Großmutter kümmerte, nicht mehr in seinen Wald gehen konnte, ging ich mit den Buben dorthin, manchmal begleitete uns mein Vater. Mit den Buben zu arbeiten bedeutete ein ums andere Mal, sehr früh aufzustehen, in den Wald zu fahren und sich stundenlang abzuplagen, um im Winter unseren Kamin beheizen zu können. Um sieben Uhr morgens tranken die Buben ihr erstes Bier, dazu einen Schnaps, und aßen einen Apfel. Das blieb mir von unserem letzten Tag im Wald in Erinnerung. Um sieben lehnte ich noch ab, um neun konnte ich es aber nicht mehr, wenn ich wollte, dass sie mich weiterhin ernst nähmen – immerhin war Arbeit nicht alles auf der Welt. Nachdem die Bäume gefällt und die Stämme zersägt worden waren, schleppten die Buben und ich das Holz zu ihrem Traktor, auf dessen Anhänger es einer der beiden mit einer sehr scharfen und mir äußerst gefährlich erscheinenden Maschine in zwei – oder, wenn die Stücke sehr groß waren, vier – Scheite spaltete. Die Angelegenheit hatte einen Namen, den ich nie gehört hatte, ein Wort, das in keinem Wörterbuch zu finden ist: kliam.

Was in den frühen Morgenstunden nach einer kaum bewältigbaren Aufgabe aussah, wurde allmählich erledigt, Baum für Baum, Stamm für Stamm, Scheit für Scheit, während ich mit meinem Großvater durch seinen Wald huschte, auf den er sehr stolz war. Im sogenannten Fuchsengraben verbrachte ich viele Stunden mit ihm, nicht immer arbeitend, manchmal einfach nur so, um nach Füchsen und ihren Bauten Ausschau zu halten, oder um die Bäume in der Hoffnung zu inspizieren, sie seien nicht vom Borkenkäfer befallen. Manchmal fand ich blaue Patronenhülsen, und das Kind, das ich war, erfuhr vor vielen Jahren, als es in Oberwart noch eine Kaserne gab, dass Soldaten hier geübt hatten. Eines Tages versprach mir mein geliebter Großvater, der Polizist war, einmal werde er mich zum Schießen in den Wald führen. Meine Freude war grenzenlos. Ich sehnte den Tag herbei, an dem wir mit einer Pistole auf Dosen schießen würden. Das ist das einzige Versprechen, das mein Großvater, der seit einem halben Jahr tot ist, jemals gebrochen hat. Er habe keine Waffen mehr zu Hause gehabt, sagte mein Vater, als ich ihm kürzlich von diesem einen gebrochenen Versprechen erzählte, nach seiner Pensionierung habe er sie zurückgegeben.

Als ich an einem kalten Tag Anfang Jänner an seinem offenen Grab stand, die Polizeikapelle spielte und eine Trompete von der Friedhofsmauer ertönte, sah ich die schneebedeckten Wipfel des Fuchsengrabens in der Ferne, zwischen dem Dorf und der Stadt, über den schwarzen Hüten und den geröteten Gesichtern, und der Wind fuhr durch die Bäume, die allesamt bald gefällt werden müssen, weil sie in seinem letzten Lebensjahr vom Borkenkäfer befallen wurden. Da hatte er sich nicht mehr viel daraus gemacht, die Nachricht schien an ihm abzuprallen, stattdessen hatte er über den Tod zu sprechen begonnen, aber nicht mehr kokettierend wie zuvor, und ich sagte ihm ein ums andere Mal, dass er, der schwach geworden war, nicht mehr gehen konnte, nichts mehr sah und kaum noch etwas hörte, immer noch jung sei, und dass wir ihn bräuchten. Der alte Mann, der bis dahin groß und stark und sehr beherrscht gewesen war, weinte und schluchzte nun immer öfter, warum er, warum müsse er all das erleben – schon Jahre zuvor, in einem großen Grazer Krankenhauszimmer mit vielen Betten, nach einer weiteren Augenoperation, die seine Sicht nicht verbessert, sondern verschlechtert hatte.

Als ich mich letzte Weihnachten von ihm verabschiedete, als ich ihn umarmte und küsste und ihm sagte, dass ich ihn liebte, wusste ich, dass es das letzte Mal war. Vier Tage später war er tot. Er war am Abend des Tages, an dem ich nach Wien gefahren war, ins Krankenhaus gebracht worden, hatte ein paar Tage dort verbracht und unmissverständlich deutlich gemacht, er wolle nach Hause, um zu Silvester bei seiner kranken Frau zu sein. Man ließ ihn gehen. Drei Stunden nach seiner Entlassung war er tot. Er war in dem Haus gestorben, das er gebaut hatte, neben seiner Frau, seiner Tochter und seinem Schwiegersohn. Natürlich waren die Buben beim Begräbnis. Als wir anschließend im Lieblingswirtshaus meines Großvaters aßen, sprach ich mit ihnen. Sie waren immer noch stark, sahen aus, wie sie immer ausgesehen hatten, zumindest für mich, und schienen immer noch im Besitz ihrer geistigen Kräfte.

Nach qualvollen Jahren, fünf Monate nachdem ihr Mann aus dem gemeinsamen Haus getragen worden war, starb meine Großmutter. Eine Stunde vor dem Begräbnis standen und saßen wir vor ihrem Sarg in einer kleinen Aufbahrungshalle mit Milchglasfenstern, die vom Nachmittagslicht orange gefärbt wurden. Die ersten Menschen kamen, um zu kondolieren, unter ihnen einer der Buben. Er trug ein weißes Hemd, sein Gesicht war rot, er gab meiner Mutter die Hand, dann meinem Vater, der ihm sagte, er solle sich doch zu uns setzen, immer gehöre er zur Familie. Er lehnte ab, reichte mir, meinem Bruder, meiner Schwester, meinem Schwager und zuletzt meiner kleinen Nichte die Hand. Menschen kamen, kondolierten und gingen, als ich einen dumpfen Knall hörte.

Ich blickte ins Freie, vorbei am Sarg und dem Bild meiner Großmutter, das zwischen zwei Kerzen stand, vorbei an dem Weihwasserbehälter und dem Tischchen, auf dem die Erinnerungskärtchen lagen, und sah jemanden vor einer Wand auf die Knie sacken. Während weiterhin Menschen den Raum betraten, um zu kondolieren, spürte ich eine Aufregung draußen, hörte Stimmen und Gemurmel, bemerkte, dass man den Gestürzten wiederbeleben wollte, sah den Schrecken im Gesicht eines Freundes meines Bruders, als er unsere Hände schüttelte. Auf einmal wurde aus dem Orange des Milchglases blinkendes Blau. Ich sah Sanitäter und dann einen Haarschopf, den ich kannte – jenen meines Onkels, eines Notarztes, der nicht zum Begräbnis hatte kommen können, weil er Bereitschaftsdienst hatte.

Als wir zur kleinen Kirche von St. Martin in der Wart gingen, wo meine Großmutter geboren worden und aufgewachsen war, erfuhr ich, dass einer der beiden Buben in dem Rettungswagen mitgenommen worden war. Es sehe nicht gut aus, sagte mir der Bestatter, gar nicht gut. Welcher der beiden es war, konnte niemand mit Bestimmtheit sagen. Einige Stunden des Tratsches und Geraunes später sollte jemand meinen Vater fragen, ob es seinem Bruder, dem Notarzt, mittlerweile besser gehe.

Es regnete, als wir schweigend die Hauptstraße des kleinen Dorfes entlanggingen, Menschen duckten sich unter schwarze Schirme, mir rannen Tränen aus den Augen, als wir an der Schule vorbeikamen, in die meine Großmutter gegangen war und in der sie meine Mutter geboren hatte, ein Gebäude, in dem seit Jahrzehnten keine Schüler waren. Und dann las ich neben einer Klingel zu meiner Rechten den Nachnamen der Buben, der auch der Mädchenname meiner Großmutter war. Ich hatte nicht gewusst, vielleicht hatte ich vergessen, wo sie oder einer der beiden – weil sie für mich immer "die Buben" und also einer waren – wohnten, und ich hoffte, es sei nicht geschehen, was wahrscheinlich geschehen war.

Einer der Buben, Kurt, hatte einen Herzinfarkt erlitten, als er aus dem Raum getreten war, in dem er sich zum letzten Mal von seiner Cousine verabschiedet hatte, deren deftige Mahlzeiten er mehr als fünfzehn Jahre zuvor zum letzten Mal verspeist hatte. Zweimal sei er wieder zu Bewusstsein gekommen, wurde berichtet, und solle gesagt haben, er wolle nicht – ob leben oder sterben, konnte niemand für ihn sagen. Beim anschließenden Totenmahl, das wieder im Lieblingswirtshaus meines Großvaters stattfand, schüttelte man ungläubig die Köpfe, und ich erinnerte mich, wie ich an einem Fenster im Krankenhaus gestanden war, nachdem ich ein letztes Mal das Gesicht und die Hände meiner Großmutter gestreichelt und ihr Zimmer verlassen hatte, erinnerte mich an die grüne Wiese, durch die der Wind gefahren war, und wie ich geweint hatte, während mein Bruder seinen Arm um meine Schulter gelegt hatte. Heimat, fiel mir ein, dieses seltsame deutsche Wort, das so schrecklich missbraucht wurde und wird, das weder home noch terra ist und das ich nur im Sinne Ernst Blochs benutzen kann, wie er es nach Tausenden von Seiten als letztes Wort nach einem Doppelpunkt im Prinzip Hoffnung benutzt: Heimat als etwas, das erst entstehe, wenn der Mensch menschliche Verhältnisse auf dieser Welt eingerichtet habe, etwas, das allen in die Kindheit scheine und worin niemand noch gewesen sei. Aber bis dahin, dachte ich, als ich mir später Notizen machte, bedeutet Heimat oder Zuhause Menschen. Und mir dämmerte, dass ich in den letzten Monaten einen großen Teil davon verloren hatte.

Am nächsten Tag sollte ich im Literaturhaus lesen und über mein "Album für die Ewigkeit" sprechen. Ich hatte The Cure gewählt: Boys don't cry. Ich war elf, zwölf und dreizehn, als ich wieder und wieder dieses eine Album hörte. Das war damals, als alles noch gut war, als alle, die Zuhause bedeuteten, noch am Leben waren. Als der Titelsong gespielt wurde, dachte ich an meine Großeltern und den einen der Buben. Aber selbst damals, als ich so oft dieses eine Lied hörte, wusste ich, dass Boys don't cry in Wirklichkeit auch das Gegenteil bedeutet. (Clemens Berger, Album, 13.8.2017)

Clemens Berger, Jg. 1979, ist Schriftsteller. Zuletzt erschien 2016 sein Roman "Im Jahr des Panda" bei Luchterhand.

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