Toter Rekrut in Horn: Blutuntersuchung ergab akuten Infekt

Video11. August 2017, 17:34
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Ex-Grundwehrdiener erhebt indes schwere Vorwürfe gegen Mitarbeiter der Gardekompanie – Grüne fordern Feedbacksystem

Krems/Horn/Wien – Die Blutuntersuchung des in Horn verstorbenen 19-jährigen Rekruten hat einen akuten Infekt ergeben – das vorläufige Obduktionsergebnis hatte ergeben, dass der Rekrut an Überhitzung gestorben sei. Es seien die Keime Haemophilus influenzae und Streptococcus pneumoniae festgestellt worden (siehe auch "Wissen" unten), informierte nun die Staatsanwaltschaft Krems an der Donau. Dies habe der Sachverständige am Freitag telefonisch mitgeteilt. Bei der Obduktion konnten demnach keine Entzündungsspuren an den Organen festgestellt werden.

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"Es handelte sich um einen akuten Infekt; die Keimeinschwemmung ins Blut bewirkte offensichtlich das hohe Fieber und war geeignet, eine Sepsis herbeizuführen", teilte die Anklagebehörde am Freitagnachmittag mit. "Diese Form der Erkrankung ist extrem selten", hieß es weiter. Man habe das Bundesheer über dieses Ergebnis informiert, damit über allfällig erforderliche Antibiotikagaben an Heeresangehörige entschieden werden könne.

Erhebungen "auf Hochtouren"

Die bereits von der Staatsanwaltschaft Krems angeordneten Erhebungen werden weitergeführt. Oberst Michael Bauer, Sprecher des Verteidigungsministeriums, sagte: Dies "ändert nichts am tragischen Tod eines Kameraden". Dass eine Vorerkrankung bestanden habe, sei ein "wesentlicher Bestandteil der Untersuchungen". Die Erhebungen zum Tod des Soldaten laufen "auf Hochtouren".

Es sei für die Kommandanten der Garde nicht nachvollziehbar gewesen, dass ein junger, sportlicher Mann bei einem Marsch nach rund drei Kilometern zusammenbricht und "trotz aller medizinischer Fürsorge stirbt". Da der behandelnde Arzt im Krankenhaus Horn den Verdacht einer bakteriellen Infektion des 19-Jährigen geäußert hatte, wurden laut Bauer sofort alle Soldaten in Horn mit Breitband-Antibiotikum behandelt. Die Mediziner des Heeres sowie des Krankenhauses Horn prüfen nun laut Bauer, ob die erfolgte Prophylaxe für die Soldaten ausreicht oder ob weitere Maßnahmen erforderlich sind. Das Heer hat zur Untersuchung des Todes des Rekruten sowohl eine Untersuchungs- als auch eine Sonderkommission eingesetzt.

Selbstverletzungen in Kauf genommen

Ein ehemaliger Grundwehrdiener erhebt indes massive Vorwürfe gegen Mitarbeiter der Gardekompanie. Der Ex-Rekrut (Name der Redaktion bekannt) absolvierte seinen Wehrdienst von November 2016 bis Mai 2017 bei der 1. Gardekompanie – also jener Einheit, der auch der verstorbene Grundwehrdiener angehörte. Die Grundausbildung fand ebenfalls in Horn statt.

"Es sind Sadisten für die Rekruten in Horn zuständig", sagt der ehemalige Grundwehrdiener, der anonym bleiben will. So hätte der zuständige Exerziermeister der Gardekompanie bewusst Selbstverletzungen der Rekruten in Kauf genommen: "Man wird gezwungen, sich selbst möglichst fest mit dem Gewehr zu schlagen, damit das Metall während der Grifffolge möglichst laut hallt", sagte er dem STANDARD.

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Hier exerziert die Garde zur Angelobung des Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen und zum Geburtstag des ehemaligen Bundespräsidenten Heinz Fischer.

"Das muss wehtun. Das ist geil"

Im Bundesheer-Lehrsaal seien vom Exerziermeister mittels Laptop zuvor Fotos von Rekruten an die Wand projiziert worden, die dieser auf einem Datenträger gespeichert haben soll: Gezeigt wurden Verletzungen am Handgelenk, bei der Beckengegend und der Schulter. "So soll das ausschauen", habe der Exerziermeister die Bilder kommentiert. Wer solche Verletzungen nach den Übungen habe, solle kein Weichei sein und brauche nicht bei Sanitätern aufzukreuzen. Der Unteroffizier habe laut dem Ex-Rekruten noch gesagt: "Das muss wehtun. Das ist geil." Dem STANDARD stellte der Mann Fotos von sich und einem weiteren Ex-Grundwehrdiener zur Verfügung, die in der Kaserne in Horn aufgenommen wurden.

Rekruten, die nach den Übungen besonders schlimm ausgeschaut haben, hätten demnach anerkennende Worte erhalten. Andere, die die Übungen nicht zur Zufriedenheit des Unteroffiziers ausgeführt hätten, seien mit Dienstverlängerungen oder Wochenenddiensten "belohnt" worden. "Das war das Druckmittel von Horn. Und wegen Dienstverlängerungen kann man sich ja nicht bei einer Kommission beschweren. Dem Kader war das vollends bewusst."

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Ein Foto eines weiteren Ex-Rekruten, ebenfalls in der Kaserne in Horn aufgezeichnet.

Auch sexistische Äußerungen sollen Ausbildner laut dem Ex-Rekruten getätigt haben: "Wir sollten in der Öffentlichkeit so zackig marschieren, dass die Frauen, die zuschauen, ausrinnen." Von der Veröffentlichung viel vulgärerer Wortspenden, die laut dem Ex-Grundwehrdiener ebenfalls von Vorgesetzten gefallen sein sollen, wird abgesehen.

Völlig überfülltes Fahrzeug

Vorwürfe wurden auch gegen weitere Bundesheerbedienstete erhoben. So habe ein Unteroffizier während des Grundwehrdienstes eine Fahrt in einem völlig überfüllten Fahrzeug vom Truppenübungsplatz Bruckneudorf via Autobahn nach Wien in die Maria-Theresien-Kaserne angeordnet. "Im Pinzgauer mussten sechs Rekruten mit vollem Gepäck ohne irgendeine Sicherung Platz nehmen. Der Verantwortliche wollte einfach kein zweites Fahrzeug anfordern." Dem STANDARD wurde ein kurzes Video zur Verfügung gestellt, das der Rekrut während der Fahrt aufgezeichnet hat. Ein weiteres, längeres Video zeigt alle Insassen im Fahrzeug, weshalb von einer Veröffentlichung Abstand genommen wird.

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"Geht weiter, bis euch anspeibts"

Bei Märschen habe es auch Rekruten gegeben, die – vor allem wegen Blasen an den Füßen – nicht mehr weitergehen konnten. "Die sind dann von Ausbildnern angeschrien worden. 'Geht weiter, bis euch anspeibts', hat es mitunter geheißen." Nach einem Marsch sei ein kompletter Lehrsaal in einen Sanitätsraum umgestaltet worden, um die offenen Füße versorgen zu können. "Das wird in Kauf genommen."

Marschiert worden sei bei seinem Einrückungstermin im Winter auch mitten in der Nacht. "Da frage ich mich schon, wenn es angeblich nur um die Ausbildung geht: Warum wird im Winter in der Nacht und im Sommer in der ärgsten Hitze marschiert?"

Die Vorfälle gemeldet hat der abgerüstete Rekrut nicht. Er habe Angst, dass diese Meldungen rückverfolgt werden könnten. "Die Schikanen nimmt man in Kauf, sechs Monate gehen irgendwann vorbei. Und man hofft, dass nur die lustigen Erlebnisse in Erinnerung bleiben." Zum anonymen Interview habe sich der Mann aber entschlossen, weil anlässlich des Todesfalles in Horn "nicht mit einem Einzelfall argumentiert werden soll. Das verdienen die Angehörigen des Rekruten nicht."

Grüne fordern Feedbacksystem

Die Grünen fordern, dass im Zuge des Grundwehrdienstes ein Feedbacksystem eingeführt werden soll. Bereits nach sechs Wochen und dann noch einmal nach Beendigung des Grundwehrdienstes sollen Rekruten den Dienstbetrieb und vor allem auch die Ausbildner bewerten. "Dieses Feedback muss verpflichtend und anonym durchgeführt werden und sowohl an direkte Vorgesetzte als auch an höhere Stellen zur Evaluierung weitergeleitet werden", sagte am Freitag der Grünen-Jugendsprecher Julian Schmid. Er ruft außerdem Soldaten dazu auf, bestehende Beschwerdemöglichkeiten zu nutzen. Wie berichtet, ist die Anzahl von Beschwerden bei der parlamentarischen Bundesheerkommission zuletzt stark zurückgegangen.

Gabriela Moser, die stellvertretende Klubofrau der Grünen, kündigte eine zweite parlamentarische Anfrage an den Verteidigungsminister an. Unter anderem will sie wissen, wie viele Verurteilungen es in den vergangenen Jahren nach dem strengen Militärstrafgesetz gegeben hat. Laut Paragraf 33 können Ausbildner, die ihre Obsorgepflicht verletzen, mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden. Auf entwürdigende Behandlung von Untergebenen stehen bis zu zwei Jahre Haft. Moser wies darauf hin, dass Rekruten bis ein Jahr nach Ende des Grundwehrdienstes Zeit haben, Vorfälle zu melden. Moser und Schmid sprechen sich außerdem dafür aus, eindeutige Wetterregelungen im Zusammenhang mit Märschen zu erlassen. Schmid will außerdem die Durchsetzung von Schadenersatzansprüchen erleichtern. (David Krutzler, Michael Simoner, APA, 11.8.2017)

Kommentar von Michael Völker: Tod eines Rekruten: Politische Verantwortung

STANDARD-User über ihren Grundwehrdienst: Verlorene Lebenszeit und traumatische Erfahrungen

Wissen

Pneumokokken (Streptoccus pneumoniae) und Haemophilus influenzae B sind zunächst aus der Pädiatrie bekannte Bakterien. Erstere rufen vor allem Mittelohr- und Lungenentzündungen hervor. Pneumokokken können bei Betagten lebensgefährliche Lungenentzündungen verursachen, Haemophilus influenzae B war ehemals wegen tödlicher Kehlkopfentzündungen bei Babys gefürchtet.

Pneumokokken treten bei etwa jedem zweiten Menschen im Nasen- und Rachenraum auf und sind in der Regel harmlos. Ebenso sind sie in der Lage, Mittelohrentzündungen und Sinusitis (Nasennebenhöhlenentzündung; Anm.) auszulösen, eitrige Meningitis oder eben Lungenentzündungen. Für Kinder ist die Immunisierung gegen Pneumokokken im Gratis-Impfplan vorgesehen. Seit vielen Jahren wird auch die Impfung für Menschen ab dem mittleren Lebensalter propagiert. "Im Kindesalter haben wir viele Pneumokokken-Erkrankungen und im Alter auch", sagte dazu vor einiger Zeit der Wiener Impfspezialist Herwig Kollaritsch. Bei den einen ist das noch unreife Immunsystem der Grund, bei den anderen das bereits erschöpfte System.

Während Mittelohr- und Nasennebenhöhlenentzündung äußerst unangenehm, aber per se nicht gefährlich sind, sieht die Sache bei den sogenannten invasiven Pneumokokken-Erkrankungen mit Sepsis inklusive Lungenentzündungen anders aus. Von den 323 Fällen, die in Österreich 2014 erfasst wurden, endeten 14 tödlich. 80 Prozent der Patienten waren über 45 Jahre alt.

Auch Haemophilus influenzae B ist ein Keim, der außerhalb von Spitälern bei älteren Menschen oft Lungenentzündungen hervorruft. Speziell gefährlich ist das Bakterium aber bei Babys und Kleinkindern. Das war auch der Grund, warum die Immunisierung dagegen in das Gratis-Kinderimpfprogramm aufgenommen worden ist (im sogenannten Sechsfach-Impfstoff enthalten). Prinzipiell sind Infektionen durch Pneumokokken oder Haemophilus influenzae B gut mit Antibiotika behandelbar. Aber die Medikamente müssen wegen Resistenzen nicht immer wirken. Menschen mit geschwächtem Immunsystem sind besonders gefährdet. Die Impfungen schützen zu weit mehr als 90 Prozent.

Korrektur, 16.55 Uhr: In der ursprünglichen Version des Artikels stand die Formulierung: "Auf entwürdigende Behandlung von Untergebenen stehen bis zu zwei Jahre Militärgefängnis." Tatsächlich werden Freiheitsstrafen für Bundesheerangehörige in Österreich nicht mit der Unterbringung in "Militärgefängnissen" geahndet. Wir haben die Formulierung korrigiert und bitten um Nachsicht.

  • Der verstorbene Rekrut war gerade zur Grundausbildung in der Radetzkykaserne in Horn gewesen.
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    Der verstorbene Rekrut war gerade zur Grundausbildung in der Radetzkykaserne in Horn gewesen.

  • Ein bereits zuvor abgerüsteter Rekrut dokumentierte seine Verletzung.
    privat

    Ein bereits zuvor abgerüsteter Rekrut dokumentierte seine Verletzung.

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