Quereinsteiger in der Politik: Marionettentheater

Kolumne10. August 2017, 16:00
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Rudolf Taschner hat zum Glauben an Sebastian Kurz gefunden

"Woran glauben?" waren die 10 Angebote an aufgeklärte Menschen betitelt, mit denen Rudolf Taschner, damals noch Verfasser gelegentlich leicht schrulliger Presse-Kolumnen, einst seinem irdischen Vergnügen in Gott frönte. Nun sind wir aufgeklärt: Er hat zum Glauben an Sebastian Kurz gefunden. Auf dem Weg Vom 1 mal 1 zum Glück, wie sein nächstes Buch heißen wird, ist er damit nach eigener Aussage ein Stück weitergekommen. Wann, wenn nicht jetzt, gratulierte sich der 64-jährige ao. Universitätsprofessor zu dem Quereinstieg in die Politik, den ihm ein dreißigjähriger Student gewährt, der sich als Zwanzigjähriger gesagt hat: Wann, wenn nicht jetzt? Kaum berufen, entfiel seine Kolumne "Quergeschrieben" in der Presse, die dort donnerstags ihren festen Platz hatte.

Geschenkt, dass die "Koryphäe im Bereich Bildung", wie Menschenfischer Kurz sein Gespür für Personal Resources lobte, schon den pädagogischen Wert der g'sunden Watschen gelobt und den Klimawandel bezweifelt hat – auf Kleinigkeiten soll es nicht ankommen, wenn es am großen Ziel mitzuarbeiten gilt, die Liste Kurz und irgendwie neue ÖVP zur Nummer eins zu machen. Da ist die gegen jede juristische Vernunft erhobene Forderung nach einer Verschärfung der Strafen für Sexualdelikte genauso willkommen wie ein Gesicht, das politische Erneuerung vortäuschen soll. Wobei Taschner einen guten Grund für seine Hingabe anführen konnte: "Ich hätte mich geärgert, wenn ich nicht Ja gesagt hätte." Na dann!

Immer wieder können Menschen der Verlockung nicht widerstehen, ohne sich den Mühen politischer Kleinarbeit unterzogen zu haben, in die oberen Ränge der Politik aufzusteigen, dorthin, wo sie glauben, etwas beeinflussen zu können, und das besser als jene, die in langen Jahren Politik zum Beruf gemacht haben. Dagegen wäre im Prinzip gar nichts zu sagen, sprächen nicht die überwiegend schlechten Erfahrungen dagegen, die einerseits die Förderer des Quereinstiegs, andererseits die Quereinsteiger selber immer wieder machen. Selbst erstklassige fachliche Qualifikation auf anderen Gebieten lässt sich im Getümmel der Politik, wo widerstreitende Interessen, auch innerhalb der Parteien, aufeinanderprallen, kaum je so umsetzen wie erhofft. Umso größer noch die Enttäuschung beiderseits, wenn es sich bei den Quereinsteigern um Personen handelt, die außer ephemerer Popularität und etwas Tagesfreizeit nicht viel zu bieten haben.

Der Zynismus dieses Systems besteht darin, dass die Eingeladenen sich einbilden, es gelte ihrer einmaligen Persönlichkeit, während sie für ihre Förderer zumeist Spielmaterial darstellen, das sich nach Ablauf ihrer Nützlichkeit leichter entsorgen lässt als ein gut vernetzter Parteifunktionär. Nur ganz selten werden Quereinsteiger in der Politik alt. Wenn sie eine Legislaturperiode überdauern, ist das schon viel. Die angeblich selbstgewünschte Entsorgung der quer eingestiegenen Bildungsministerin Karmasin nach vier Jahren und der gleichzeitige Auftritt Taschners erinnern an ein Marionettentheater, bei dem ein Einziger die Fäden zieht, der seine Vorstellung als politische Erneuerung verkauft, wo altes Theater gespielt wird. (Günter Traxler, 10.8.2017)

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