Muslime-Studie: Große Unterschiede bei Wertehaltungen

    10. August 2017, 12:35
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    Menschen aus Somalia und Tschetschenien eher religiös geprägt als Personen mit iranischen Wurzeln

    Wien – "Sollte eine Muslimin ein Kopftuch tragen?" Diese Frage wurde 1129 Muslimen in Österreich gestellt. 54 Prozent der Frauen und 43 Prozent der Männer fanden: "Nur wenn sie das selbst möchte." Selbst trägt etwa jede zweite Frau der bei der Befragung als "Flüchtlinge" zusammengefassten Gruppe immer Kopftuch sowie jede fünfte Türkin und elf Prozent der Bosnierinnen. Das zeigt eine Studie der Donau-Uni Krems über Einstellungen von Muslimen zu Religion und Gesellschaft, die je nach Herkunft Unterschiede bei Wertehaltungen zeigt.

    Die Auswahl ist nicht repräsentativ, was Politologe Peter Filzmaier, der die Studie mit Flooh Perlot koordinierte, damit erklärt, dass keine Muslimen-Datenbank existiere. Die Auswahl erfolgte mittels Schneeballsystem: Personen warben weitere Interviewpartner (ab 16 Jahre) an.

    Bekenntnis zum Islam

    Voraussetzung für eine Befragung war ein Bekenntnis zum islamischen Glauben und ein türkischer bzw. bosnischer Hintergrund (auch hier Geborene) oder ein Status als Asyl- oder subsidiär Schutzberechtigter – aufgrund der Asylstatistik vor allem aus den Ländern Afghanistan, Irak, Iran, Somalia und Syrien (in der Studie unter "Flüchtlinge" zusammengefasst) – sowie Tschetschenen, die schon länger in Österreich sind.

    foto: öif

    Von den befragten Somaliern beschrieben sich gut zwei Drittel als sehr, knapp ein Viertel als eher gläubig. Auch relativ viele Tschetschenen, Syrer und Türken bezeichneten sich als sehr (32 bis 50 Prozent) oder eher (39 bis 49 Prozent) gläubig, während sich gut die Hälfte der Iraner als eher / gar nicht gläubig sieht.

    Durch ihre Religionszugehörigkeit benachteiligt sehen sich vor allem Türken der ersten Generation, Afghanen und Tschetschenen. Die größten Probleme treten laut Befragten bei Job- und Wohnungssuche auf.

    In Österreich willkommen?

    Etwa jeder dritte Flüchtling fühlt sich in Österreich völlig willkommen, weitere 45 Prozent "eher schon". Ähnliche Werte ergaben sich bei Bosniern und Türken. Die Conclusio: "Die reine Anwesenheit verbessert bzw. verschlechtert den Eindruck nicht."

    Der Großteil der Befragten – mit Ausnahme der Somalier und Tschetschenen (Syrer sind gespalten) – spricht sich gegen eine starke gesellschaftliche Rolle des Islam aus. 74 Prozent der Somalier und 60 Prozent der Tschetschenen sind dafür.

    Der Frage, ob Männer Frauen aus religiösen Gründen nicht die Hand geben sollen, stimmen 30 Prozent der "Flüchtlinge", ein Viertel der Türken und acht Prozent der Bosnier sehr, noch weitere eher zu. Diese Frage stieß auch auf klare Ablehnung, etwa bei 60 Prozent der Bosnier.

    Österreichs Gesetze angemessen

    Sind Österreichs Gesetze für gläubige Muslime angemessen? Drei Viertel der Bosnier und zwei Drittel der Türken sagten Ja. Gut die Hälfte der Flüchtlinge ebenso – von diesen meint ein Viertel, dass islamische Rechtsvorschriften auch berücksichtigt werden sollten, was vor allem Tschetschenen und Afghanen meinen. Eine Einführung der Scharia fände so gut wie keine Zustimmung.

    Gewalt zur Verteidigung des Glaubens wird von 75 bis rund 80 Prozent aller Gruppen abgelehnt. So auch die Frage, ob man bereit sein müsse, für den Glauben zu sterben – hier fallen wieder Somalier auf, 30 Prozent meinen: "Auf jeden Fall." Die gewaltsame Verteidigung der Familienehre wird in allen Gruppen mehrheitlich abgelehnt, am meisten (17 Prozent) befürworten sie Flüchtlinge.

    "Keine politischen Absichten"

    Herausgeber der Studie ist der Österreichische Integrationsfonds (ÖIF), Partner des Integrations- und Außenministeriums. Dass der Studienauftrag politische Absichten verfolgen könnte, stellte Filzmaier laut Austria Presse Agentur in Abrede. Man arbeite seit vergangenem Jahr an der Studie.

    Außen- und Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) sieht sich durch Ergebnisse in seiner Haltung bestätigt und forderte die "massive Reduzierung" der Migration, eine Reform der Sozialsysteme sowie die konsequente Sprach- und Wertevermittlung im Bildungssystem "anstatt Parallelstrukturen wie Islam-Kindergärten". In Österreich leben geschätzt rund 700.000 Muslime. (spri, 10.8.2017)

    Link

    Integrationsfonds.at: ÖIF-Forschungsbericht: Muslimische Gruppen in Österreich (PDF, 330 KB)


    Der hier ursprünglich veröffentlichte APA-Bericht wurde am Abend durch einen Autorentext ersetzt und um eine Grafik ergänzt.

    • Bei der Ausprägung der Religiosität zeigen sich deutliche Unterschiede nach Herkunftsländern.
      foto: axel heimken/dpa

      Bei der Ausprägung der Religiosität zeigen sich deutliche Unterschiede nach Herkunftsländern.

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