Kaum Interesse an Allgemeinmedizin bei angehenden Ärzten

    10. August 2017, 14:48
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    Nur zwei Prozent der österreichischen Medizinstudenten wollen praktischer Arzt werden. Wenig Zeit für Patientengespräche und Vorgaben der Krankenkassen sind Entscheidungsgründe dagegen

    Wien – Schon jetzt finden viele Hausarztpraxen keinen Nachfolger. In Salzburg mussten von den 440 Kassenstellen für Allgemeinmedizin seit 2011 mehr als 140 neu besetzt werden. In den nächsten zehn Jahren wird sich das Problem verschärfen. Zwei Drittel der rund 4.000 praktischen Ärzte in Österreich sind über 55 Jahre alt. Die Krankenkassen rechnen mit einem jährlichen Bedarf von 400 neuen Allgemeinmedizinern.

    Doch nur zwei Prozent der Medizinstudenten sind sich sicher, nach dem Studium Allgemeinmediziner werden zu wollen. Bei den Turnusärzten sind es 16 Prozent, lautet das Ergebnis einer Umfrage unter Medizinstudenten und Turnusärzten zur Attraktivität des Berufs Allgemeinmediziner.

    Die Medizinische Universität Graz hat gemeinsam mit der Österreichischen Ärztekammer (ÖAK) die Umfrage durchgeführt. "Das Ergebnis ist ein Alarmsignal", sagt Johannes Steinhart, Obmann der Bundeskurie der niedergelassenen Ärzte und Vizepräsident der ÖAK. Das Gesundheitssystem brauche dringend mehr Allgemeinmediziner. Seit 1999 ist die österreichische Bevölkerung um acht Prozent gewachsen, die Zahl der Ordinationen von Allgemeinmedizinern mit einem Kassenvertrag aber um sechs Prozent gesunken.

    System braucht mehr Allgemeinmediziner

    Der Bedarf an Kassen-Allgemeinmedizinern könne damit nicht gedeckt werden, merkt Stephanie Poggenburg vom Institut für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung (IAMEV), die den Fragebogen entwickelt hat, an. Das größere Interesse der Turnusärzte an Allgemeinmedizin führt sie darauf zurück, dass Turnusärzte, die sich für Allgemeinmedizin interessieren, den Fragebogen eher beantwortet hätten. Befragt wurden mehr als 34.500 angehende Mediziner mit einer Rücklaufquote von 13,7 Prozent, darunter rund 700 Turnusärzte.

    Für den Beruf des Allgemeinmediziners spricht die langjährige Patientenbeziehung, die große Bandbreite der medizinischen Aufgaben – von banalen Krankheiten bis zu Notfällen. Zu wenig Zeit für den Patienten, zu viele Vorgaben von der Krankenkasse und im Vergleich zu Fachärzten eine geringere Bezahlung sind für die Teilnehmer die wichtigsten Faktoren, die gegen einen Kassenvertrag sprechen.

    Nur fünf Prozent schätzen das Gesundheitssystem als attraktiv für Allgemeinmediziner ein, gleichzeitig gehen 60 Prozent der Teilnehmer aber davon aus, dass die Bedeutung der Allgemeinmedizin zunehmen werde. Das Ansehen sei bei Patienten und auch in der Gesellschaft hoch, aber nur neun Prozent der Studierenden und fünf Prozent der Turnusärzte gaben an, dass Hausärzte ein hohes Ansehen bei den politischen Entscheidungsträgern genießen.

    Bessere Berufsvorbereitung

    Handlungsbedarf sieht die ÖAK auch bei der Vorbereitung der Studierenden auf die Hausarzttätigkeiten. Nur 15 Prozent der teilnehmenden Studenten und sechs Prozent der Turnusärzte gaben an, dass das Studium ausreichend auf die Aufgaben von praktischen Ärzten vorbereitet. Der Obmann der Bundessektion Turnusärzte der ÖAK, Karlheinz Kornhäusl, fordert in diesem Zusammenhang, dass die öffentliche Finanzierung für Lehrpraxen endlich zu garantieren. "Oft sind es die konkreten Erfahrungen in der Lehrpraxis, die den Ausschlag für die Niederlassung als Allgemeinmediziner geben", sagt er.

    Zum gleichen Thema wurden auch rund 17.000 Medizinstudenten in Deutschland befragt. Dort zeigt sich ein anderes Bild: Elf Prozent halten das Gesundheitssystem für attraktiv (in Österreich fünf Prozent). 16 Prozent sagen, das Ansehen der Allgemeinmedizin sei bei politischen Entscheidungsträgern gut. Und immerhin fünf Prozent der Medizinstudenten wollen später Allgemeinmediziner werden. (Gudrun Ostermann, 10.8.2017)

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