Der Norovirus und das Klagen des Isaac Makwala

    9. August 2017, 16:38
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    Ein Mitfavorit aus Botswana verpasste in London wegen Virusverdachts das 400-m-Finale. Die überraschende IAAF-Kehrtwendung kam zu spät

    London – Bahn 7 blieb leer. Wo Wayde van Niekerks größter Herausforderer hätte starten sollen, stand nur ein einsamer Startblock. Isaac Makwala war nicht da, war nicht einmal im Stadion, war todtraurig. Er war in Quarantäne.

    Schon tagelang geistert eine Magen-Darm-Grippe durch das von Athleten und Betreuern bevölkerte Tower Hotel, in zwei Fällen wurde der Norovirus festgestellt. Public Health England (PHE) empfiehlt bei Verdachtsfällen eine 48-stündige Quarantäne, um die Ausbreitung einzudämmen. Das wurde Makwala nun zum Verhängnis.

    Folgenschwere Untersuchung

    Der 30-Jährige übergab sich am Montagabend im Vorfeld des Vorlaufs über 200 Meter und wurde daraufhin untersucht. Laut der Krankenakte gab er dabei an, sich mindestens ein weiteres Mal übergeben zu haben. Konsequenz: Verdacht auf einen Virus, Quarantäne, Streichung aus beiden Bewerben.

    foto: apa/afp/antonin thuillier

    "Makwala ist im selben Hotel und hatte dieselben Symptome wie die anderen Athleten, bei denen Magen-Darm-Grippe diagnostiziert wurde", erklärte WM-Medizinchefin Pam Wenning der BBC. Der Labortest liefert erst nach 36 bis 48 Stunden Ergebnisse, bis dahin wäre Makwalas Rennen schon vorbei gewesen. So wurde der Test nach beschlossener Quarantäne gar nicht erst durchgeführt.

    Das ist die eine Seite, die rationale, in der es um das große Ganze geht. Auf der anderen Seite steht ein Sportler und Mensch. Einer, der sich gezielt auf ein Großereignis vorbereitet, in Topform anreist und nach überstandener Krankheit tun will, was er eben immer tut: laufen. Makwala fuhr trotz der IAAF-Entscheidung zum Stadion. Schon am Eingang fingen ihn Offizielle ab und schickten den Botswaner zurück in sein Hotelzimmer.

    "Es ist nicht fair, es fühlt sich an wie Sabotage. Sie sagen, ich hätte eine Lebensmittelvergiftung, aber sie haben mich nicht getestet", klagte Makwala gegenüber ITV. Auch sein Verband widerspricht der IAAF-Version. Es sei, anders als von dem zuständigen Arzt festgehalten, kein botswanischer Betreuer bei der Untersuchung gewesen, man habe dem Team auch nichts von einer Quarantäne gesagt. Laut IAAF waren Teamarzt, Teamleader und Physio schon am Montag informiert worden.

    Unter Tränen

    "Es ist so frustrierend, mein Geist ist gebrochen", sagte Makwala dem "Evening Standard" in seinem Hotelzimmer unter Tränen, bevor er van Niekerk neben einer leeren Bahn souverän zu Gold laufen sah. "Ich frage mich, was passiert wäre, wenn ich ein britischer Athlet gewesen wäre", meinte der Botswaner.

    BBC-Analytiker Michael Johnson goss live auf Sendung Öl ins Feuer. "Wayde van Niekerk ist ein IAAF-Liebling, nun wurde sein einziger Herausforderer aus dem Rennen genommen? Die Verschwörungstheorien werden kommen", sagte die Sprinterlegende.

    Von van Niekerk kam Mitleid. "Es war herzzerreißend. Ich habe ihn vor dem 200-Meter-Vorlauf gesehen, wollte ihn einfach nur umarmen und ihm gute Besserung wünschen. Am liebsten würde ich ihm meine Medaille geben", sagte der Weltmeister.

    Rückzieher der IAAF

    Dass die IAAF am Mittwoch eine Kehrtwendung machte, sah dann schon sehr nach schlechtem Gewissen aus. Wollten die Verantwortlichen des Weltverbands einer gehörigen Schadenersatzforderung aus dem Wege gehen? Sie ließen Makwala jedenfalls tatsächlich seinen Vorlauf über 200 Meter nachholen, er stieg mit 20,20 Sekunden ins Semifinale auf, das ebenfalls noch am heutigen Mittwochabend steigt. (schau, Reuters, 9.8.2017)

    • Isaac Makwala verstand die Welt nicht mehr.
      foto: apa/afp/jewel samad

      Isaac Makwala verstand die Welt nicht mehr.

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