Kavlak: "Im Käfig willst du nur gewinnen"

    Interview10. August 2017, 11:57
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    Veli Kavlak hat es aus den Wiener Parks in den internationalen Profifußballbetrieb geschafft. Im Interview spricht er über die Regeln des Käfigs, sein Verhältnis zu Marko Arnautovic und sinnloses Mitleid

    Sechs Wochen sind es diesmal. In Landau in der Pfalz hat Veli Kavlak Mitte Juni eine Reha beim Physiotherapeuten des österreichischen Nationalteams, Mike Steverding, angetreten. In den vergangenen vier Jahren ist der Besiktas-Spieler sechsmal an der rechten Schulter operiert worden, zuletzt war ein Muskelfaserriss im Bizeps die Ursache. Kavlak ist aus Wien angereist, wo er alle seine Urlaube verbringt. Dort ist er aufgewachsen, dort leben sein Vater und die engsten Freunde, dort hat er seinen Stammfriseur, und nur dort schmeckt ihm der Kebab. "Wien wird immer meine Heimat bleiben", sagt Kavlak, während er in einem türkischen Restaurant in Landaus Innenstadt an seinem Tee nippt.

    ballesterer: Sie haben als Kind auf dem Stöberplatz in Wien-Ottakring mit dem Fußballspielen begonnen. Der Park ist nach einer Sanierung gerade wieder eröffnet worden. Wann waren Sie zum letzten Mal dort?

    Veli Kavlak: Letztes Jahr im Sommer. Ich habe nur schöne Erinnerungen an den Stöberplatz. Ich habe damals in der Römergasse gewohnt, der Park war zehn Meter von meiner Haustür entfernt. In der Früh bin ich rausgegangen, habe dort meine Freunde getroffen, wir haben abwechselnd herumgeblödelt und Fußball gespielt. Erst am Abend um acht bin ich wieder nach Hause gekommen.

    ballesterer: Sind Ihnen nicht irgendwann schulische Verpflichtungen in die Quere gekommen?

    Veli Kavlak: Nur am Vormittag. Mein Vater wollte immer, dass ich mich draußen beschäftige, statt drinnen zu hocken. "Das ist besser für deine Entwicklung", hat er gesagt.

    ballesterer: Im Alter von acht Jahren sind Sie nach Floridsdorf gezogen. Wie schnell haben Sie Anschluss an die Fußballszene im Grätzl gefunden?

    Veli Kavlak: Der Marie-Schuller-Park war abgelegener, da habe ich mit der Straßenbahn hinfahren müssen. Am Anfang war dort nicht so viel los wie am Stöberplatz, aber irgendwann haben wir uns täglich duelliert.

    ballesterer: Wie haben die Teams zusammengefunden?

    Veli Kavlak: Das hat sich einfach ergeben. Wir haben keine Handys gehabt und nichts organisiert, nach der Schule sind wir in den Park gegangen. So wie sich andere in ihrem Stammcafé treffen, haben wir jeden Tag Fußball gespielt. Uns hat nichts anderes Spaß gemacht.

    ballesterer: Fußball auf öffentlichen Plätzen wird immer wieder ein hohes Integrationspotenzial zugesprochen. Wie haben Sie das erlebt?

    Veli Kavlak: Serbien, Kroatien, Bulgarien, Albanien und die Türkei waren vertreten, Österreicher waren aber selten dabei. Wenn wir gespielt haben, war es völlig egal, woher man kommt und ob man reiche oder ärmere Eltern hat.

    ballesterer: Welche Sprachen wurden gesprochen?

    Veli Kavlak: Nur Deutsch. Sonst hätten wir uns untereinander nicht verstanden.

    ballesterer: Wie haben die Hierarchien im Käfig funktioniert?

    Veli Kavlak: Die Älteren haben dich nur mitspielen lassen, wenn du gut warst. Leistung war wichtig.

    ballesterer: War das tägliche Spiel mehr Zeitvertreib, oder haben Sie schon als Kind gewusst, dass Sie Profifußballer werden möchten?

    Veli Kavlak: Ich wollte immer Fußballer werden, in der Türkei gibt es nichts Größeres. Mein Vater hätte mich auch zum Tennis schicken können, aber das interessiert dort niemanden. Jeder türkische Vater will seinen Sohn Fußball spielen sehen. Hätte ich als Kind gewusst, dass es so schwer werden würde, hätte ich mich vielleicht anders entschieden.

    ballesterer: Wann ist Ihr Talent zum ersten Mal aufgefallen?

    Veli Kavlak: Ich habe als Siebenjähriger zweimal beim Post SV trainiert, dann hat mich Rapid zum Probetraining eingeladen. Mein Vater ist ein großer Hans-Krankl-Fan. Er wollte immer, dass ich dort spiele.

    ballesterer: Sie sind fünf Monate älter als Marko Arnautovic, den Sie in Floridsdorf beim Kicken kennen gelernt haben. Im ballesterer-Interview hat er behauptet, seine Käfigmannschaft sei die beste in ganz Wien gewesen. Wie haben Sie sich mit anderen gemessen?

    Veli Kavlak: Sonntags, wenn wir frei hatten, sind wir manchmal zu fünft oder zu sechst in andere Bezirke gefahren und haben gegen die Käfigteams dort gespielt. Einen Schiedsrichter hat es nicht gegeben, nur ein hartes Foul war ein Foul. Das Spiel war aus, wenn eine Mannschaft zehn Tore geschossen hat. Der Sieger ist am Platz geblieben.

    ballesterer: Ein Wiener Sozialträger hat vor fünf Jahren versucht, ein ähnliches System in einigen Bezirken wieder zu installieren, allerdings endeten die Partien regelmäßig in Schlägereien. War es bei Ihnen ähnlich?

    Veli Kavlak: Wenn fünf gegen fünf spielen, hast du viele Charaktere und viel Ehrgeiz versammelt. Es hat immer wieder Psychopathen gegeben, die durchgedreht sind und damit Massenschlägereien provoziert haben. Ich war dann auch mitten drin: Deine Freunde kannst du nicht im Stich lassen. Am nächsten Tag haben wir aber alle wieder zusammen gespielt.

    ballesterer: Waren einige Ihrer Mitspieler ähnlich talentiert wie Sie? Und warum sind aus denen keine Profis geworden?

    Veli Kavlak: Es hat Spieler gegeben, die viel besser waren als ich. Aber das Talent allein reicht schon lange nicht mehr aus. Du brauchst Leidenschaft, Durchhaltevermögen und Disziplin. Du musst bereit sein, Opfer zu bringen. Viele haben das Kicken als Hobby gesehen. Wenn du dich für den Fußball als Beruf entscheidest, musst du dem alles unterordnen.

    ballesterer: Wann ist Ihnen das klar geworden?

    Veli Kavlak: Als ich zu den Rapid-Profis gekommen bin, war die Frage nicht mehr: "Ist morgen Training?", sondern: "Wann ist morgen Training?". Nach zwei Wochen habe ich kurz überlegt, ob ich das wirklich machen will. Der Druck war enorm, aber der Traum immer stärker.

    ballesterer: Ihr Profidebüt haben Sie mit 16 gegeben, mit 18 sind Sie zum ersten Mal für das Nationalteam aufgelaufen. Wie haben Ihre Käfigkollegen auf Ihre Erfolge reagiert?

    Veli Kavlak: Ich bin von allen beglückwünscht worden, an Neid kann ich mich nicht erinnern. In den ersten Jahren als Profi habe ich auch immer, wenn ich konnte, nachmittags im Käfig gespielt.

    ballesterer: Hat man Ihnen das erlaubt?

    Veli Kavlak: Nein, der Verein hat das nicht gewusst. Ich war damals ja noch ein Kind und habe nicht darüber nachgedacht, dass ich mich schonen muss, um am nächsten Tag wieder fit zu sein. Der Park hat einfach dazugehört, auch für den Marko.

    ballesterer: Glauben Sie, dass es heute noch möglich ist, vom Käfigkicker zum Profifußballer zu werden?

    Veli Kavlak: Auf jeden Fall. Ob man noch zum Spielen in den Park gehen kann, wenn man in der Nachwuchsmannschaft eines Profivereins spielt, weiß ich aber nicht. In meiner Zeit hat es ja noch keine Akademien gegeben. Ich habe neulich bei der U14 von Rapid zugeschaut, die einen eigenen sehr schönen Platz hat. Bei uns ist es längst nicht so professionell zugegangen, wir waren viel unbekümmerter.

    ballesterer: Fallen ehemalige Käfigkicker unter den Profifußballern auf? Unterscheiden sich Spieler wie Ümit Korkmaz, Tanju Kayhan und Aleksandar Dragovic in ihrem Stil von anderen?

    Veli Kavlak: Da muss ich gleich etwas klarstellen: Der "Drago" ist keiner. Der hat wahrscheinlich irgendwo auf einer schönen Wiese gespielt, wir auf Beton. Einen echten Parkspieler erkenne ich aus einem Kilometer Entfernung. Woran das liegt, ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall daran, wie er Sachen ausspricht. Wenn wir uns begrüßen, beschimpfen wir uns. Da sagt man nicht: "Servus, wie geht’s dir?" Sondern: "Was machst du, Trottel?" Wenn Marko und ich uns sehen, reden wir in unserer eigenen Sprache.

    ballesterer: Es gibt ein Werbeplakat der Stadt Wien aus Ihrer Rapid-Zeit, auf dem Sie sich gegen Sachbeschädigung einsetzen. Waren Sie in Ihrer Jugend oft mit Kleinkriminalität konfrontiert?

    Veli Kavlak: In den anderen Bereichen des Parks ist viel passiert, aber wir wollten nur Fußball spielen. Hätte uns jemand Drogen angeboten, hätten wir ihn hundertprozentig mit Schlägen vertrieben.

    ballesterer: In der Öffentlichkeit treten Sie zumeist sehr bescheiden auf. Hat Ihre Persönlichkeit es Ihnen erschwert, sich im Käfig zu behaupten?

    Veli Kavlak: Wir haben ja nichts gehabt, mit dem wir hätten angeben können. Niemand von uns hat eine Playstation gehabt. Im Käfig willst du irgendwann nur noch gewinnen, sonst nichts. Da geht es auch nicht mehr darum, Spaß zu haben, sondern jeder haut sich richtig rein. Die Narbe an meinem Auge stammt von einem Parkmatch.

    ballesterer: Sie haben im Zusammenhang mit Ihrer lange nicht diagnostizierten Schulterverletzung eine hohe Schmerzresistenz bewiesen. Haben Sie Ihre Anfänge im Käfig hart im Nehmen gemacht?

    Veli Kavlak: Es könnte damit zusammenhängen. Wer im Käfig hinfällt und sich das Knie oder den Ellbogen aufschürft, steht auf und spielt weiter. Inzwischen weiß ich, dass es nicht immer vorteilhaft ist, den Schmerz zu ignorieren, wie man an meiner Schulter sieht. Gegen den Schmerz kannst du nicht gewinnen. Irgendwann sagt dir der Körper: Ich habe dich lange genug getragen. Und streikt.

    ballesterer: Wann haben Sie das letzte Interview gegeben, bei dem sich die erste Frage nicht um Ihre Schulter gedreht hat?

    Veli Kavlak: Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, und ich kann das auch nicht mehr hören. Der Besiktas-Fanklub aus Mannheim hat mich gerade zu einer Feier eingeladen. Ich weiß genau, was bei so einer Veranstaltung passiert: Jeder will wissen, wie es um meine Schulter steht. Also habe ich abgesagt und treffe mich nur mit den Vertretern in kleiner Runde.

    ballesterer: Können Sie mit Mitleid etwas anfangen?

    Veli Kavlak: Überhaupt nicht. Wer solche Schmerzen nicht erlebt hat, weiß sowieso nicht, wovon er spricht. Ich trage meinen eigenen Kampf aus – und den werde ich gewinnen.

    ballesterer: Ein Redewendung in Ottakring lautet: "Veli ist Legende." Nehmen Sie das ernst?

    Veli Kavlak: Es erfüllt mich natürlich mit Stolz, wenn mich die Kinder bewundern. Ich war ja genauso wie sie. Ich wollte Profi werden und habe meine Vorbilder gehabt.

    ballesterer: Wie erleben Sie die Parkkultur, wenn Sie heute nach Wien kommen?

    Veli Kavlak: Ich glaube, es gibt nicht mehr so viele Käfigspieler wie früher. Zumindest sehe ich sie nicht. Jetzt hat jeder ein Smartphone und Facebook, da kann man sich anders beschäftigen.

    ballesterer: Wo kickt die Istanbuler Jugend?

    Veli Kavlak: Dort gibt es keine Käfige. Die Kinder spielen in Seitengassen und markieren die Tore mit Schuhen. Arda Turan, der heute beim FC Barcelona spielt, hat so begonnen. Ideal ist das nicht, Wien macht es viel besser.

    ballesterer: Im April sind Gerüchte über Ihre leihweise Rückkehr zu Rapid aufgekommen. Hat es bereits Gespräche gegeben?

    Veli Kavlak: Nein. Ich werde jetzt die Reha zu Ende bringen und versuchen, bei Besiktas ins Mannschaftstraining einzusteigen. Erst dann kann ich sagen, ob die Schulter hält und wie es weitergeht. (Mareike Boysen, 10.8.2017)

    Veli Kavlak (28) spielte als 16-Jähriger erstmals für die Profis von Rapid, 2011 wechselte er zu Besiktas JK. Sowohl in Wien als auch in Istanbul gewann er zwei Meistertitel. Der 31-fache österreichische Teamspieler zog sich 2012 im Spiel gegen Island eine Schulterverletzung zu und fiel seither immer wieder monatelang aus.

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