Gender-Bias in der Diagnostik: Autismus könnte bei Mädchen unerkannt bleiben

10. August 2017, 07:20
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Autismus ist bei Buben häufiger als bei Mädchen. Neue Studien legen jedoch nahe, dass Mädchen die Krankheit lediglich besser verbergen

Buben leiden deutlich öfter an Autismus als Mädchen. Das ist eine weitverbreitete Annahme über die Entwicklungsstörung. In den USA etwa kommt auf vier Buben mit Autismus nur ein autistisches Mädchen. Diese Häufung der Krankheit bei Buben legt nahe, dass es genetische Faktoren gibt, aufgrund deren es für sie wahrscheinlicher ist, an Autismus zu erkranken. Das ist neuen Forschungen zufolge jedoch nur teilweise für das ungleiche Verhältnis verantwortlich. Denn zusätzlich dazu finden sich immer mehr Hinweise darauf, dass es in der Diagnostik der Erkrankung einen Gender-Bias gibt, der dazu führen könnte, dass Autismusspektrumsstörungen bei Mädchen erst später oder gar nicht diagnostiziert werden.

Die gängigen Merkmale von Autismus sind Zurückgezogenheit, obsessives Verhalten und stark fokussierte Interessen, beispielsweise das Sammeln von Steinen oder ein übersteigertes Interesse an Zugfahrplänen. Einige kürzlich erschienene Studien weisen darauf hin, dass ebendiese für Autismus "typischen" Merkmale bei Kindern verstärkt auf Symptome und Verhaltensweisen fokussiert sind, die bei autistischen Buben auftreten, jedoch nicht bei Mädchen mit Autismus. Das liegt einigen ForscherInnen zufolge vor allem daran, dass die meisten Studien zum Thema hauptsächlich anhand von Samples mit autistischen Buben durchgeführt wurden. Die daraus ermittelten Symptome würden auf Mädchen und Frauen daher vielleicht gar nicht zutreffen.

Mädchen spielen anders

In einer kürzlich im Fachmagazin "Autism" veröffentlichten Studie analysierten die AutorInnen das Verhalten von Kindern mit und ohne Autismus-Diagnose am Schulhof. Dazu beobachteten sie insgesamt 96 Kinder, 48 Buben und 48 Mädchen. Jeweils eine Hälfte der Kinder war autistisch. Durch ihre Beobachtungen fanden die StudienautorInnen heraus, dass das Verhalten von sich normal entwickelnden Buben stärker von dem autistischer Buben abwich als das Verhalten von sich normal entwickelnden Mädchen von dem ihrer autistischen Mitschülerinnen.

Das zeigte sich vor allem dadurch, dass die autistischen Buben überproportional häufiger alleine spielten und deutlich weniger an den "typischen" Gruppenspielen ihrer Geschlechtsgenossen teilnahmen. Für das ungeschulte Auge eines Lehrkörpers ist demnach relativ leicht zu erkennen, wenn ein Bub Verhalten zeigt, das ein Zeichen für Autismus sein könnte.

Camouflage erschwert die Diagnose

In der Gruppe der beobachteten Mädchen fiel das Ergebnis anders aus. Zum "typischen" Verhalten von Mädchen am Schulhof gehört, dass sie eher weniger Teamsportarten nachgehen, sich mehr unterhalten und vor allem zwischen mehreren Aktivitäten im Lauf einer Pause wechseln. Die Gruppen, die sie dabei bilden, sind meist kleiner als die der Buben, und es gelten andere soziale Regeln dafür, wer ein Teil davon sein darf und wer nicht.

Die Mädchen schienen diese sozialen Normen trotz Autismus zu erkennen und imitierten das Verhalten ihrer Kolleginnen deutlich besser als die Buben und waren kaum alleine unterwegs. Die ForscherInnen fassen dieses Verhalten unter dem Begriff "Camouflage" zusammen. Diese Ergebnisse legen nahe, dass autistische Mädchen es besser als Buben schaffen, ihre Krankheit nach außen hin zu verbergen. Das könnte ein Grund dafür sein, dass weniger Mädchen mit ASD (Autism Spectrum Disorder) diagnostiziert werden.

Große Unterschiede bei Asperger-Syndrom

Bei hochfunktionalem Autismus oder Asperger-Syndrom, also Autismus, bei dem die Betroffenen trotzdem einen IQ größer als 70 aufweisen, ist der Unterschied bei diagnostizierten Fällen zwischen Buben und Mädchen besonders groß, man spricht hier von einem Verhältnis von 9:1. Eine Studie aus dem Jahr 2014 hat versucht herauszufinden, warum der Unterschied gerade bei dieser Form des Autismus so hoch ist. Die ForscherInnen gingen dabei von zwei möglichen, einander nicht ausschließenden Hypothesen aus. Entweder hängt diese Form des Autismus besonders stark mit den genetischen Voraussetzungen für die Erkrankung zusammen, oder die Diagnose für diese Form des Autismus ist besonders auf Symptome bei männlichen Patienten fokussiert und erschwert damit die Diagnostik bei Mädchen und Frauen.

Die Ergebnisse liefern Hinweise darauf, dass beide Hypothesen richtig sind. Gerade bei hochfunktionalem Autismus sind repetitives Verhalten und stark fokussierte Interessen wichtige Merkmale in der Diagnostik. Laut der Studie treten beide Symptome bei Mädchen mit dieser Form des Autismus deutlich weniger auf als bei Buben.

Autismus und Verhaltensauffälligkeit

ForscherInnen einer Studie aus dem Jahr 2012, bei der 15.000 Zwillingspaare analysiert wurden, haben herausgefunden, dass Mädchen mit derselben Anzahl an autistischen Eigenschaften wie Buben auch noch andere Verhaltensauffälligkeiten oder deutliche intellektuelle Schwierigkeiten zeigen mussten, um eine Diagnose anhand zweier in den USA gängiger Diagnostikmaßstäbe zu erhalten.

Eine der Autorinnen der Studie, Francesca Happé, meint außerdem, dass die Symptome von Autismus bei Mädchen aufgrund ihrer Unterschiede zu jenen bei Buben oftmals als Anzeichen für eine andere Krankheit gesehen werden. Bei autistischen Mädchen komme es daher häufig zu einer Fehldiagnose von beispielsweise ADHS, einer Zwangsstörung oder in manchen Fällen sogar Anorexie, obwohl es sich eigentlich um Autismus handle.

Auch eine Studie, die speziell auf die Faktoren in der Diagnostik fokussiert war, zeigte, dass es die Wahrscheinlichkeit für Mädchen erhöhte, mit Autismus diagnostiziert zu werden, wenn ihre Symptome stärker ausgeprägt waren oder denen von Buben mit Autismus glichen. Die ForscherInnen vermuten aufgrund ihrer Ergebnisse außerdem, dass andere Verhaltensauffälligkeiten, beispielsweise Hyperaktivität oder emotionale Schwierigkeiten, bei Mädchen die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sie mit Autismus diagnostiziert werden. Hierbei sieht das Forschungsteam die Gefahr, dass Mädchen, bei denen keine solche Auffälligkeiten bemerkt werden, zu spät oder gar nicht diagnostiziert werden.

Die Resultate der Studie legen damit ebenfalls nahe, dass die Parameter für die Diagnostik von Autismus bei Kindern jene von Mädchen erschweren. Sie sind eher auf die Auffälligkeiten im Verhalten von Buben ausgelegt, und das erschwert für Laien wie Eltern oder Lehrpersonal das Erkennen von Autismus bei Mädchen. Da die Diagnostik von autistischen Kindern aber sehr häufig über Lehr- und Betreuungspersonal an Schulen oder Ähnlichem initiiert wird, ist das Erkennenkönnen von Symptomen durch sie von großer Bedeutung. (jvs, 10.8.2017)

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