Das größere Kindergartenproblem

Kommentar8. August 2017, 17:53
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Bei der Betreuung der Kleinsten läuft vieles falsch – nicht nur in Islamkindergärten

Der Konflikt zwischen Ednan Aslan und der Stadt Wien geht in die nächste Runde. Man bezichtigt einander der Lüge und der politischen Ranküne, erwägt sogar Klagen. Das "Problem Islamkindergärten" ist in aller Munde, das kommt einigen Wahlkämpfern gerade recht. Wer nicht in Wien wohnt, könnte meinen, das Wiener Stadtgebiet sei durchsetzt von schwarz vermummten, übelwollenden Kindergartenhelferinnen, die den lieben Kleinen nichts anderes als finstersten Islamismus beibringen.

Das ist natürlich Unsinn, aber es zeigt das hierzulande stark verbreitete Talent, sich so lange über Nebenschauplätze zu echauffieren, bis das Hauptproblem völlig untergeht. Und das Hauptproblem ist: Österreichs Kindergärten funktionieren bei weitem nicht so, wie sie sollten. Wobei die Situation in Wien besser ist als in den meisten anderen Bundesländern – zumindest, was Öffnungszeiten und das Angebot an Ganztagsplätzen betrifft. Bei der Qualität der Betreuung sieht die Sache schon weniger gut aus, wobei es an Vergleichbarkeit mangelt: Es gibt keine bundesweit einheitlichen Qualitätskriterien für Kindergärten.

Föderale Zersplitterung

Einmal mehr erweist sich die föderale Zersplitterung der Bildungskompetenzen als massiver Hemmschuh. Bundesländer machen einander die Pädagoginnen abspenstig. So lockt etwa Niederösterreich in Wien ausgebildete Kindergartenpädagoginnen mit elf Wochen Urlaub und kürzeren Arbeitszeiten bei gleichem Lohn. Gleichzeitig geht die Betreuungsquote bei den unter Dreijährigen in diesem Bundesland besonders stark zurück.

In Wien führt das wiederum dazu, dass in vielen Kindergärten die Personalfluktuation sehr hoch ist. Das ist insofern fatal, als gerade in der frühkindlichen Entwicklung Stabilität und Ruhe die beste Entfaltung ermöglichen. Ständig wechselndes Personal ist das Gegenteil davon.

Das bewirkt auch, dass Kindergartenhelferinnen mit Minimalausbildung im pädagogischen Alltag wesentlich mehr tun, als sie dürften. Sie sind, obwohl schlecht darauf vorbereitet, wichtiger Teil des pädagogischen Teams.

Angespannte Personalsituation

Bei solch angespannter Personalsituation kann kaum die Rede davon sein, dass sich Pädagoginnen mit jedem Kind individuell beschäftigen können. Das wäre aber notwendig, gerade im Kleinkind- und Vorschulalter sind die Entwicklungsunterschiede massiv. Spracherwerb etwa gelingt am besten mit allen Sinnen – und das braucht Zeit, genauso wie der Erwerb sozialer Fähigkeiten. Zeit fehlt jedoch, und das ist umso fataler – nicht nur für Kinder mit Migrationshintergrund.

Mit der nahezu überfallsartigen Einführung des Gratiskindergartenjahres pünktlich vor der Wiener Wahl hat Bürgermeister und SPÖ-Chef Michael Häupl zwar inhaltlich das Richtige getan, aber formal Zwänge geschaffen, an denen die Stadtverwaltung bis heute nagt. Es mussten von heute auf morgen dringend Betreuungsplätze her, und da hat die unter Druck geratene Stadtverwaltung lieber nicht so genau geschaut, sondern gut gefördert. Problematische Islamkindergärten sind eine Folge. Eine andere ist der nun schon zweite Großkonkurs eines privaten Betreibers. Jetzt muss im Nachhinein "ausgeputzt" werden – das ist allemal mühsamer als eine ordentlich vorbereitete Reform, die alle Umstände bedenkt.

Eine solche wäre einheitlich für ganz Österreich vonnöten. Sonst bleibt die "Bildungseinrichtung Kindergarten", die eigentlich alle Parteien predigen, nur ein Wahlkampf-Gag. (Petra Stuiber, 8.8.2017)

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