Jahrhundertealtes Haus in Seewalchen zu neuem Leben erweckt

    9. August 2017, 15:00
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    Das geschichtsträchtige Objekt stand vor dem Abriss. Familie Tostmann, im Trachtengeschäft tätig, verhinderte das

    Seewalchen – Das Haus mit der Adresse Hauptstraße 4 in der Attersee-Gemeinde Seewalchen hat eine lange, wechselvolle Geschichte. 1537 erstmals in einem Brief, der heute noch im Archiv der Benediktinerabtei Michaelbeuern aufliegt, erwähnt, prägte es unter dem Hausnamen "Püchsenmaister- oder Kochprunn Guetl" das Ortsbild.

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    Im Mai 1919 war dann die neue Eigentümerfamilie namensgebend: Franz und Elisabeth Roither kauften das Haus. An der Ortseinfahrt stand damit ab diesem Zeitpunkt das "Roitherhaus". Doch das Alter lastete mitunter schwer auf dem geschichtsträchtigen Gebälk. Als Frieda Roither im Juli 2004 starb, schien auch die letzte Stunde für das Gebäude gekommen. Feuchte Wände, einsturzgefährdete Decken und ein marodes Dach verhinderten über mehrere Jahre jegliche Weiternutzung.

    Großes Entsetzen

    Nach Jahren des Leerstandes fällte der Hauserbe – ein Linzer Architekt – eine folgenreiche Entscheidung. Da eine Sanierung unmöglich schien, sollte die Abrissbirne den Platz für einen Neubau freimachen. Was nur wenige Türen weiter zu heller Aufregung führte. Am nahen Firmensitz des Traditionsbetriebes Tostmann Trachten wollte man sich mit dem Ende des ortsbildprägenden Hauses nicht so einfach abfinden. "Das Entsetzen war groß, als wir von dem geplanten Abbruch erfuhren. Und jeden Tag, an dem ich an dem Haus vorbeiging, stellte ich mir die Frage, ob es nicht zu verhindern sei", erzählt Juniorchefin Anna Tostmann im STANDARD-Gespräch.

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    Firmenphilosophie

    Und da "Anpacken" im Seewalchner Trachtenhaus zur Firmenphilosophie gehört, war der Kontakt zum damaligen Roitherhaus-Besitzer rasch geknüpft. Und wenig später stand ein erneuter Besitzerwechsel an. "Die Tostmanns haben halt einen Hang zu Bruchbuden", meint Seniorchefin Gexi Tostmann. "Es war immer so: Unser Haus in Litzlberg, der Firmensitz im ehemaligen Post- und Gemeindeamt – beim Erwerb waren die Gebäude alle in einem furchtbaren Zustand."

    Heute haben besagte Immobilien aber eines gemeinsam: Da die Tostmanns neben der Nähmaschine auch den Griff zu Hammer und Meißel nicht scheuten, versprüht die historische Bausubstanz auch heute noch historischen Charme.

    "So schön, so schön"

    2011 wurde dann das Portfolio pflegebedürftiger Attersee-Immobilien neuerlich erweitert: Die Familie Tostmann kauft das Roitherhaus. An die ersten Begehungen mit dem damaligen Besitzer erinnert sich Gexi Tostmann noch gut: "Das war durchaus kurios – der Verkäufer ist durch das Haus gegangen und hat angesichts der Baumängel nur mehr den Kopf geschüttelt. Meine Tochter und mein Schwiegersohn Florian hingegen haben immer gesagt 'so schön, so schön'."

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    Mit viel Liebe zum Detail, dem Geschick der Handwerker aus der unmittelbaren Umgebung, Geduld und Geld ist es gelungen, ab 2013 in zweijähriger Bauzeit dem alten Gemäuer wieder neues Leben einzuhauchen. Aus dem Roitherhaus ist heute die Bandlkramerey geworden. Ebenerdig ist ein gemütliches Café entstanden, im ersten Stock findet sich neben einem Bereich für größere Veranstaltungen ein Trachten- und Hütemuseum. Im zweiten Stock finden sich heute mehrere Mietwohnungen.

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    Bei der Renovierung wurden, so weit dies möglich war, bestehende Elemente wie Böden, Türe, Steine wiederverwendet. Das Holz des Dachstuhls trägt heute die Gäste: Es wurden daraus die Bänke und Stühle für das Café getischlert. In der "Stubn'" schenkt heute der alte Kachelofen wieder Wärme. Und von einem Schwarz-Weiß-Foto an der Wand lächelt Frieda Roither. Ganz offensichtlich zufrieden damit, dass das Haus an vielen Stellen heute seine eigene Geschichte erzählt. (Markus Rohrhofer, 9.8.2017)


    DER STANDARD widmet sich in einer neuen Serie dem Thema Leerstand. Hier finden Sie alle Serienteile.

    Wundern Sie sich, warum das Jugendstilhaus um die Ecke seit Jahren leer steht? Fragen Sie sich, was mit dem Brachland in Ihrer Gemeinde passieren soll? Schreiben Sie uns an leerstand@derStandard.at!

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