Kanada verzeichnet starken Anstieg von Flüchtlingen aus den USA

    7. August 2017, 05:51
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    Unter den Asylsuchenden befinden sich vor allem Haitianer

    Montreal/Wien – Inancien Milien zog vergangene Woche ins Olympiastadion von Montreal. Dieses dient seit Anfang August als provisorische Unterkunft für hunderte Einwanderer. Der gebürtige Haitianer, über den der "Toronto Star" berichtet, hat eigenen Angaben zufolge die letzten 17 Jahre in den USA verbracht. Er ist einer von einigen tausend, die derzeit nach Kanada kommen. Die Einwanderer hätten, so berichtet die Zeitung, offenbar die Vorstellung, dass Kanada sie mit offeneren Armen aufnehme als die USA.

    Seit Mitte Juli hat sich die Zahl der Asylsuchenden an der Südgrenze des Landes Behörden zufolge verdreifacht. In der Provinz Québec wurden im Juli laut "New York Times" 1500 Ankünfte registriert, gegenüber 180 Ankünften im Juli 2016. Insgesamt soll es 4300 inoffizielle Grenzübertritte seit Jahresbeginn gegeben haben, mehr als 3300 davon in Québec.

    Großteils gebürtige Haitianer

    90 Prozent der Ankommenden derzeit seien Haitianer, heißt es von Behördenseite. Neben den Haitianern sollen auch Somalier, Jemeniten, Türken und Nigerianer um Asyl ansuchen.

    In der Regel erfolgen inoffizielle Grenzübertritte, da zwischen den USA und Kanada seit 13 Jahren die Abmachung gilt, dass im Land der Erstankunft Asyl zu beantragen ist. Wer die Grenze unbeobachtet passiert und erst im Land um Asyl ansucht, kann die Regelung umgehen.

    "Keine Freikarte nach Kanada"

    Das sorgt für Kritik: "Sich so über die Grenze zu schummeln ist gegen das Gesetz und keine Freikarte nach Kanada", zitiert die "New York Times" Hursh Jaswal aus dem Büro des Migrationsministers. Kanadas Premier Justin Trudeau forderte Einwanderungswillige dazu auf, die Landesgrenze zu respektieren. Man wolle eine ordnungsgemäße Einwanderung, sagte der Premier laut "Toronto Star". Zugleich versicherte Trudeau den Kanadiern, dass das Land die Kapazität habe, mit dem Anstieg an Asylanträgen umzugehen.

    Reaktion auf US-Politik

    Im Mai hatte US-Präsident Donald Trump damit gedroht, den besonderen Schutzstatus für Haitianer aufzuheben, der es rund 58.000 Haitianern nach dem Beben von 2010 erlaubte, in den USA zu bleiben. Das Programm wurde nun noch bis Jänner verlängert. Als Trump zu Jahresbeginn einen Einreisestopp für Bürger aus sieben muslimischen Staaten verkündete, bekräftigte Trudeau, dass Kanada weiter Flüchtlinge aufnehme: "An jene, die vor Verfolgung, Terror und Krieg flüchten, die Kanadier werden euch willkommen heißen, ungeachtet eures Glaubens. Vielfalt ist unsere Stärke", twitterte er damals.

    Die Menschen würden die Aussagen weitererzählen und deshalb einwandern, ist Marjorie Villefrance, Direktorin des Gemeinschaftszentrums Maison d‘Haïti in Montreal, überzeugt. "Das ist ein neues Phänomen", sagt sie. (Gudrun Springer, 7.8.2017)

    Die ursprünglich hier veröffentlichte Agenturmeldung wurde am Nachmittag durch einen ausführlicheren Bericht ausgetauscht.

    • Beamten der Royal Canadian Mounted Police nehmen die Daten von Flüchtlingen an einer provisorischen Registrierungsstelle an der US-kanadischen Grenze bei Blackpool nahe Montreal auf.
      foto: reuters/christinne muschi

      Beamten der Royal Canadian Mounted Police nehmen die Daten von Flüchtlingen an einer provisorischen Registrierungsstelle an der US-kanadischen Grenze bei Blackpool nahe Montreal auf.

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