Evgeny Kissin: Hammerklaviersonate locker gehämmert

6. August 2017, 17:17
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Der Pianist mit Beethoven und Rachmaninov im Großen Festspielhaus

Salzburg – Evgeny Kissin eröffnete sein Solistenkonzert im Großen Festspielhaus – es war bis auf den letzten Podiumsplatz besetzt – mit einer auffallend leichtfüßigen und flinkfingrigen Interpretation von Ludwig van Beethovens Sonate B-Dur op. 106, der Hammerklaviersonate. Den ersten Satz Allegro spielte Kissin eher gespannt als spannungsvoll, mit mehr Kraft als Energie. Das passte als Stilmittel zu den "heroischen" Momenten, nahm aber den vielgestaltigen harmonischen Kehrtwendungen vieles von ihrer immer wieder überraschenden Wirkung.

Vulkanausbruch en miniature

Schon das Scherzo irrlichterte geisterhaft. Und das große Adagio sustenuto ließ Kissin als eine Folge zarter oder erhabener, düsterer oder glitzernder Traumsequenzen vorüberziehen. Gegen diese großen, behutsam angeschlagenen Akkorde, die Kissin in Zartheit ersterben ließ, hatte selbst das aufbegehrende Fortissimo gegen Ende keine Chance. Vom Schönsten war die Largo-Einleitung zur Schluss-Fuge: der markante Triller, ein wahrer Kopfsprung ins Thema, hatte Signal- und Weckfunktion – ein Vulkanausbruch en miniature.

Was folgte, war ebenso energiegeladen, doch spielerischer und weniger aus den Tasten gestanzt als der erste Satz. Tatsächlich scherzte Kissin geradezu mit dem kontrapunktischen Hin-und-Her zwischen den beiden Themen: ein schillerndes Changieren zwischen motorischer Getriebenheit und ausschwingender Gesanglichkeit.

Langatmigkeiten Brillanz verleihen

Sergej Rachmaninov, einem großer Beethoven-Verehrer, widmete Kissin den zweiten Teil. Auch Rachmaninov wollte der Nachwelt 24 Präludien in allen Dur- und Moll-Tonarten hinterlassen. Das Prélude cis-Moll op. 3 Nr. 2 (1892) war sein erster großer Erfolg als Komponist (als Klaviervirtuose spielte er es beinah routinemäßig als Zugabe). Im Laufe der Jahre komponierte Rachmaninov die Préludes op. 23 und op. 32. Daraus wählte Kissin, um das Dutzend voll zu machen, elf Stücke, darunter das bizarre Prélude g-Moll Alla marcia oder das monumentale Grave des Prélude Des-Dur op. 32. Evgeny Kissin ist der Virtuose, diesen pathetisch-russischen Langatmigkeiten Brillanz zu verleihen. Jubel. (Heidemarie Klabacher, 6.8.2017)

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