Sensationssieger Gatlin, Bolt nur Dritter

5. August 2017, 23:06
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Der Sprintstar aus Jamaika verliert sein letztes Solorennen bei einem Großevent. Justin Gatlin, Buhmann der Fans, gewinnt die 100 Meter vor US-Landsmann Christian Coleman

London – Drei Hundertstel einer Sekunde. Nicht mehr, aber auch nicht weniger hat Usain Bolt gefehlt. Der jamaikanische Sprintstar hat just sein letztes Finale bei einem Großevent verloren. Bei der Leichtathletik-WM in London musste sich Bolt (30) am Samstag im 100-m-Finale in 9,95 Sekunden den US-Amerikanern Justin Gatlin (9,92) und Christian Coleman (9,93) geschlagen geben. Mehr als 55.000 Zuseher im Stadion waren baff, viele von ihnen buhten, wie sie vor jedem Start Gatlins bereits gebuht hatten.

Mehrfacher Dopingsünder

Sie buhten nicht nur, weil Bolt verloren, sondern vor allem, weil ausgerechnet Gatlin gewonnen hatte. Gatlin, 35 Jahre alt und aus Brooklyn, war Olympiasieger 2004 und Weltmeister 2005. Und er war oder ist ein mehrfach überführter Dopingsünder. Einmal hatte er als Junior einen positiven Test abgeliefert, 2006 wurde er neuerlich erwischt (Testostoreon). Er diente sich der amerikanischen Anti-Doping-Agentur als Kronzeuge gegen seinen Trainer Trevor Graham an, entging so einer lebenslangen Sperre. Zunächst wurde er für acht Jahre gesperrt, später wurde die Sperre sogar auf vier Jahre bis Juli 2010 halbiert.

In London hat Gatlin nun seinen ersten großen Titel nach der Sperre geholt, wenn man vom Hallen-WM-Titel 2012 über 60 Meter absieht. Zuvor war er schon Olympiadritter 2012 und Olympiazweiter 2016 über 100 Meter gewesen, da wie dort hatte Bolt den Titel davongetragen. Nun schlug Gatlin zurück, und mit seinen 35 Jahren (und 176 Tagen) ist er jetzt der älteste Sprintweltmeister aller bisherigen Zeiten. Der Brite Linford Christie war 1993 in Stuttgart 33 Jahre und 135 Tage alt, also doch erheblich jünger.

Gatlin: "Richtig surreal"

"Es ist richtig surreal", diktierte Gatlin wenig später in der sogenannten Mixed Zone den Journalisten. "Usain hat mir gratuliert und gesagt, dass ich den Sieg verdient habe. Die Buhrufe habe ich nicht verdient, auch das hat er gesagt. Usain weiß, wie hart ich arbeite." Die Buhrufe und die Pfiffe der Fans hätten ihn nicht aus dem Konzept gebracht, er habe es geschafft, fokussiert zu bleiben. "Heute ist es um den Sieg gegangen, und ich war in der Lage, ihn mir zu schnappen."

Bolts Dank ans Publikum

"So wollte ich nicht abtreten", sagte Bolt, der nach wieder einmal verhaltenem Start nicht richtig oder rechtzeitig auf Touren gekommen war. Er dankte dem Publikum "für die grandiose Unterstützung". Noch eine Stunde nach seiner Niederlage gab er Interviews, da hallten immer noch "Usain Bolt"-Sprechchöre durchs Stadion. Für den achtmaligen Olympiasieger bleibt es vorerst bei elf WM-Titeln, ein zwölfter könnte am kommenden Samstag im Staffelfinale folgen. Und es bleibt jedenfalls bei drei WM-Titeln über 100 Meter, damit liegt Bolt gleichauf mit den US-Amerikanern Carl Lewis und Maurice Greene.

Beginnend mit den Olympischen Spielen 2008 in Peking hatte Bolt mit einer Ausnahme gewonnen, was es über 100 Meter, 200 Meter und in der Sprintstaffel zu gewinnen gab. Die Ausnahme waren die 100 Meter bei der WM 2011 in Daegu (Südkorea), wo ihm ein Fehlstart unterlief. Seit Sonntag und seit dem WM-Finale von London gibt es eine zweite Ausnahme. (Fritz Neumann aus London, 5.8.2017)

Ergebnis:

Männer, 100 m:

1. Justin Gatlin (USA) 9,92
2. Christian Coleman (USA) 9,94
3. Usain Bolt (JAM) 9,95
4. Yohan Blake (JAM) 9,99
5. Akani Simbine (RSA) 10,01
6. Jimmy Vicaut (FRA) 10,08
7. Reece Prescod (GBR) 10,17
8. Su Bingtian (CHN) 10,27

  • Bolt und Gatlin gratulierend.
    foto: reuters/nicholson

    Bolt und Gatlin gratulierend.

  • Gatlin, Weltmeister, huldigend.
    foto: reuters/martinez

    Gatlin, Weltmeister, huldigend.

  • Es blitzt ein letztes Mal.
    foto: reuters/sibley

    Es blitzt ein letztes Mal.

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