Elektroschocks: Der Schatten der Wiener Psychiatrie

    6. August 2017, 09:00
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    Bis zur Psychiatriereform in den 1970er-Jahren wandten Ärzte der Wiener Klinik Hoff umstrittene "Schocktherapien" an. Oft landeten die Patienten danach in "Nervenkliniken"

    Wien – Die Frage, ob "Malaria-Opfer" entschädigt werden, liegt bis Ende August auf Eis. Da gibt es ein Gespräch von Wiener Patientenanwältin Sigrid Pilz und Sozialstadträtin Sandra Frauenberger (SPÖ), wie ihr Sprecher bestätigt. Die Sache sei "eine politische Angelegenheit, man muss abwarten", heißt es auch im Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV).

    "Die Sache" spielt, wie berichtet, in den Jahren bis 1968, als u. a. Heimkinder in der Wiener Uniklinik für Psychiatrie (Klinik Hoff, benannt nach ihrem Leiter Hans Hoff) mit "Malariafieberkuren" behandelt wurden. Obwohl sich dafür "kaum Begründungen fanden", wie es im unveröffentlichten Bericht der Historikerkommission unter Gernot Heiss heißt. Sie untersuchte Krankenakten der Jahre 1951 bis 1969 und beschäftigte sich mit Malaria-, Insulinkoma-, Elektrokrampf- und Cardiazolkrampftherapie.

    Krämpfe und Unterzuckerung

    Bei Letzterer wird so viel kreislaufanregendes Pentetrazol verabreicht, dass es Krämpfe auslöst. Beim Insulinschock wurde eine künstliche Unterzuckerung herbeigeführt, die den Patienten ins Koma bugsierte.

    Die Frage ist, ob das State of the Art war, in anderen Kliniken wurden diese Therapien nämlich weit früher abgeschafft. Festgelegt haben sich die Historiker diesbezüglich nicht. Symptomatisch mag das Zitat aus ihrem Bericht sein, mit dem Peter Berner, der die Wiener Klinik 1971 bis 1991 leitete, die Lage beschrieb: Hoff "war auf Grund seines ungestümen Temperaments von seinem Standpunkt nicht abzubringen, daher wurden Malaria- und Insulinschockbehandlungen an der Wiener Klinik erst nach seinem Ausscheiden (1969, damals starb Hoff; Anm.) beendet."

    "Unbeliebte" Elektroschocks

    Die Lektüre des Berichts erlaubt jedenfalls tiefe Einblicke ins Schicksal der Patienten. Die häufigste "Kur" war der ("bei Patienten unbeliebte") Elektroschock: In rund 15.000 Akten fand man 5900 Anwendungen, noch 1969 waren es 123. In sehr vielen Fällen wurden die "alten Kuren" (Bericht) kombiniert, der Erfolg war oft mäßig, sodass die Patienten auf anderen Psychiatrien landeten.

    Im Folgenden ein paar Beispiele. Ein 18-Jähriger mit der Diagnose "Hebephrenie" (eine Form der Schizophrenie) bekam um 1960 herum gleich nach seiner Aufnahme vier Elektroschocks, gleichzeitig wurde eine "Malariakur" begonnen. Fieberschübe blieben aus, also wurde er mit Typhus infiziert. Als das Fieber wieder ausblieb, brach man die "Kur" ab und verfrachtete den jungen Mann in die niederösterreichische Landesnervenklinik Gugging.

    Monatelang in der Klinik

    Bei Insulinkomatherapien bekamen die Patienten mindestens 40 bis 60 Insulinschocks an sechs Tagen der Woche. Oft setzten die Ärzte "aufs Insulinkoma" sechs bis zehn Cardiazol-Schocks drauf, heißt es im Bericht, der dazu einen "extremen Fall" aus 1954/55 beschreibt. Ein 14-Jähriger ("Hebephrenie") verbrachte 142 Tage auf der Klinik. Die Behandlung: Malariafieber, Insulinkoma (mit 70 Komas), 15 Cardiazol-Schocks. Danach landete er in Gugging.

    Überhaupt fand ein reger Patientenaustausch statt. Neurosyphilis-Patienten wurden oft von der Wiener Heil- und Pflegeanstalt Steinhof in die Uniklinik zur Malariakur gebracht, die dann am Steinhof weitergeführt wurde. 18 Steinhof-Patienten dürften laut Recherchen der Kommission als "Stammträger" für Malaria gedient haben. Anders gesagt: Bei ihnen ging es nicht um Therapie, sondern sie dienten dem Erhalt des Erregers, der nur im menschlichen Blut überlebt.

    Injektionen mit Muttermilch

    Manchmal wurde statt Malaria-Erregern "Frauenmilch" injiziert, mit dieser "Fiebertherapie" setzte sich die Kommission aber nicht auseinander. Eva K. zum STANDARD: "Ich bekam als Kind in der Klinik Hoff Muttermilch injiziert, das hätte gegen Gehirnhautentzündung helfen sollen. Es war eine grauenhafte Therapie."

    Malariatherapien waren nämlich auch in der Kinderstation gebräuchlich. Acht bis zwölf Fieberanfälle empfahlen die Ärzte und beruhigten: "Die Kinder vertragen die Malariakuren recht gut, obwohl sie schon etwas hergenommen werden." (Renate Graber, 6.8.2017)

    • An der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie wurden bis 1969 umstrittene Therapien angewendet.
      foto: votava

      An der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie wurden bis 1969 umstrittene Therapien angewendet.

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