Mallorca ist außer Rand und Band

5. August 2017, 09:00
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Einheimische finden längst, dass die Grenze des Massentourismus erreicht sei. Sie protestieren und leiden unter der Überfüllung

Anfang August ist Mallorca eine Herausforderung. Nachts hat es immer noch über 30 Grad, die Straßen sind tags leer, die Strände voll, erst am späten Abend füllen sich Cafés und Restaurants. Dieses Jahr kommt eines erschwerend hinzu: Die spanische Insel ist so voll wie nie, fast fünfeinhalb Millionen Touristen kamen im ersten Halbjahr. Am Samstag sollte der absolute Besucherrekord gebrochen werden: 1117 Start- und Landeflüge waren am Flughafen Son Sant Joan programmiert, fast einer pro Minute. Das entspricht etwa 190.000 Passagieren an einem Tag.

Attacken gegen Touristen

Für viele Einheimische ist das nicht mehr der ganz normale Wahnsinn. Sie fürchten den ökologischen Kollaps und leiden besonders in Palma unter Touristifizierung der Viertel. Die linksradikale Gruppe Arran hat jüngst Konfetti auf Restaurantgäste geworfen und im Yachthafen bunte Rauchfackeln gezündet. Dazu wurden Banner mit Aufschriften wie "Der Tourismus tötet Mallorca" hochgehalten. Die Aktion wurde gefilmt, das Video gilt als Zeichen einer Wende.

Tatsächlich kippt auch unter Durchschnittsbürgern die Stimmung. In der Altstadt müssen sie sich an manchen Tagen den Weg zwischen 20.000 Kreuzfahrttouristen suchen. Und mehr als 6000 Wohnungen werden in Palma nicht mehr den Einheimischen, sondern ausschließlich Touristen vermietet.

Aufwachen durch das Rollkoffergeräusch

Pere Perelló lebt in der verkehrsberuhigten Einkaufsstraße Via Sindicat. Der 47-Jährige erinnert sich: "Früher hörte man hier vor allem die Stimmen der Menschen, das Treiben der Nachbarn. Heute wache ich morgens oft vom Geräusch der Rollkoffer auf dem Kopfsteinpflaster auf." An seinem Balkon hängt ein Spruchband mit der Aufschrift: "Die Stadt gehört denen, die sie bewohnen."

Die Landesregierung will dem Wohnungsnotstand in der Inselhauptstadt und der Mietpreissteigerung von 20 Prozent binnen einem Jahr mit einem überarbeiteten Tourismusgesetz beikommen. Es ist diese Woche in Kraft getreten und sieht keine neuen Lizenzen für Ferienvermietung vor.

Die Umweltschutzorganisation Terraferida ("Verletztes Land") hat errechnet, dass auf Mallorca 70 Prozent aller Unterkünfte in Ferienwohnungen und -häusern schwarz angeboten werden. Offiziell gibt es 38.000 Betten, allein Airbnb und Homeway bieten aber 200.000 Plätze an.

Geld geht ins Ausland

Für den Wirtschaftswissenschafter Antoni Riera sind das Alarmsignale. "Wir sollten endlich auf Diversifizierung unserer Wirtschaft setzen", fordert er. Riera hat errechnet, dass die Hälfte der Einnahmen durch den Tourismus auf der Insel gar nicht ankommt, sondern bei deutschen oder britischen Reiseveranstaltern, Mietwagenfirmen und Fluggesellschaften hängenbleibt.

Die negativen Folgen des Massentourismus müsste die Mittelmeerinsel aber zu einhundert Prozent tragen: Ressourcenverbrauch, Müllberge, Mietwagenflut, steigende Preise. Vom viel zitierten Wohlstand des Tourismus habe der Normalbürger also wenig, sagt Riera, "und da kann man dann auch den Unmut besser verstehen".

Wer sich einen drastischen Eindruck vom nicht mehr ganz normalen Wahnsinn machen will, der sollte Mallorcas Müllverbrennungsanlage in der Hochsaison besuchen. Die größte Anlage Spaniens steht nördlich von Palma. Ihre vier Brennöfen laufen Tag und Nacht auf Hochtouren. "Wir sind bei 90 Prozent", sagt ein Arbeiter, während er mit einer ferngesteuerten Kralle den Müll in einem ebenfalls riesigen Betonbecken verteilt, bevor er ihn in die Schlote befördert. 2000 Tonnen kommen hier jeden Tag an. (Brigitte Kramer aus Palma, 5.8.2017)

  • Mallorcas Strände sind vor allem in der Hochsaison voll. Doch nur die Hälfte der Einnahmen durch den Tourismus landet auf der Insel. Auch das ist ein Grund für den wachsenden Unmut der Einheimischen.
    foto: afp / jaime reina

    Mallorcas Strände sind vor allem in der Hochsaison voll. Doch nur die Hälfte der Einnahmen durch den Tourismus landet auf der Insel. Auch das ist ein Grund für den wachsenden Unmut der Einheimischen.

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