Ein königlich nackter Körper

5. August 2017, 10:00
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"Heute" überpixelte die privaten Teile des Außenministers, nicht ohne aufgewühlte Fans sittenwidrig auf die Seite 14 zu locken

Und wieder einmal wurde offenbar, in welchem österreichischen Medium noch Keuschheit wohnt und wo Zügellosigkeit herrscht. Star-Künstlerin malt Kurz nackt, konnte "Heute" am Montag einer habituell schönheitstrunkenen Leserschaft auf der Titelseite in Wort und Bild eröffnen. Ort der Handlung war das Bank-Austria-Kunstforum, anwesend waren, wie das Foto von der Aktion zeigte, die Star-Künstlerin und das Modell, dieses allerdings nur in gemalter Form, so wie sie der Fantasie der Künstlerin entsprang. Um diese Fantasie nicht in voller Wucht auf das Publikum prallen zu lassen, griff "Heute" zensierend ein und überpixelte die privaten Teile des Außenministers, nicht ohne aufgewühlte Fans mit dem Zusatz Was an diesem Bild nicht stimmt sittenwidrig auf die Seite 14 zu locken.

Dort wiederholte sich die bildliche Anordnung, ohne dass klar wurde, was an dem Bild auf Seite 1 nicht stimmt – der Minister war nach wie vor partiell überpixelt, und zwar an derselben Stelle, was auch durch den Titel Kurz und knackig: Jiny Lan malt "Basti" live nicht klarer wurde. Als Erklärung wurde geboten: Die chinesische Konzeptkünstlerin Jiny Lan präsentierte gestern Abend bei der Vernissage ihrer Ausstellung eine kleine Sensation: Neben 20 ausgestellten Werken malt die Künstlerin zusätzlich vier Bilder live vor Publikum. Den Kopf des ersten Werkes – mit königlich nacktem Körper – zierte dabei niemand Geringerer als ÖVP-Obmann Sebastian Kurz.

"In China wäre diese Aktion nicht möglich"

Gemeint war offenbar: Der Kopf von Sebastian Kurz zierte einen Körper, der schon deshalb nicht der seine sein konnte, weil ihm in der Republik Österreich bestenfalls die Charakterisierung "ministerlich nackt" zugestanden wäre. Der Hang zum Absolutismus, den "Basti" gegenüber seiner Partei hervorkehrt, würde eine Erhebung in den Königsstand nicht einmal in nacktem Zustand rechtfertigen.

In China wäre diese Aktion nicht möglich, so die mutige Malerin, die großen Spaß am Austesten kultureller Grenzen hat. In Österreich hingegen ist alles möglich, sogar die Umdeutung einer Vernissage in eine Wahlkampfveranstaltung für den "Basti", was als Austestung kultureller Grenzen nur unzureichend beschrieben ist und wozu nicht einmal der Mut gehört, den "Heute" der Malerin unterstellt – immerhin war es ja nicht sie, die ihn überpixelt gemalt hat. Warum man die unterleiblichen Zierden eines königlich nackten Körpers verpixeln zu müssen glaubt, nur weil auf diesem der Kopf des Außenministers sitzt, ist eine Frage, die man in China beantworten könnte.

Schmuddelblatt "Falter"

Das Schmuddelblatt "Falter" hingegen brachte das Foto unverpixelt mit dem Text: Die chinesische Konzeptkünstlerin Lily Lan malt vor Publikum Außenminister und ÖVP-Chef Sebastian Kurz ganz hüllenlos. Den Leserinnen und Lesern kann es letztlich egal sein, ob es sich bei der Malerin um eine Jiny oder eine Lily handelt, aber ob das, was am ganz hüllenlos gemalten Außenminister und ÖVP-Chef unten dranhängt, nun königlich ist oder ministerlich, kann in Wahlkampfzeiten nicht ganz wurscht, weil womöglich wahlentscheidend, sein.

Eben deshalb wäre es interessant zu erfahren, wen die Malerin auf den zusätzlich vier Bildern darstellte, die sie live vor Publikum gemalt hat. Es könnte sich dabei ja um Kern, Strache, Pilz und Strolz und somit um eine Wahlveranstaltung des Wiener Aktionismus gehandelt haben, wie sie in China nicht möglich wäre.

Mit Peter Pilz im Tiergarten Schönbrunn

Auch Aktionismus liegt vor, wenn sich Peter Pilz mit dem freiheitlichen Kolumnisten der "Kronen Zeitung" Tassilo Wallentin im Tiergarten Schönbrunn zum Plausch vor dem Affenkäfig trifft, dann aber leicht inkonsequent damit prahlt: "Ich bin der Hecht im politischen Karpfenteich!" Als Grund für den Treffpunkt wird genannt: Da das Parlament derzeit umgebaut wird, fand das Treffen im Schönbrunner Affenhaus statt. Wo auch sonst in Wien?

Schwer zu sagen, der wievielte Hecht er nun ist, den sich die "Krone" auf den Hut steckt. Als gutes Omen hat sich das für die selbsternannten Hechte bisher jedenfalls nicht erwiesen. Bei der "Krone" einen Gesprächstermin zu bekommen, wenn man gegen die Grünen ist, führt eher zu einem Treffen der Populisten als zu einem Gewinn an Glaubwürdigkeit. Pilz: Es hat sich weltweit, auch in Österreich, eine Kaste aus einflussreichen und immens reichen Personen und Konzernen gebildet, die sagt: Uns gehört eh alles, also wollen wir über alles bestimmen. Welch ein Glück, dass die "Krone" mit dieser Kaste nichts zu tun hat. (Günter Traxler, 5.8.2017)

  • Günter Traxlers Blattsalat.

    Günter Traxlers Blattsalat.

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