Raubprozess: Die greisen Opfer und der SPÖ-Slogan

    5. August 2017, 12:00
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    Eine 26-Jährige soll gemeinsam mit der Tochter ihres Partners auf Raub- und Diebstour gegangen sein. Als Opfer wählte man nur alte Menschen

    Wien – Alexandra Skrdla ist nicht nur Vorsitzende des Schöffensenats, der über Dijana V. richtet, sondern allem Anschein nach auch politisch interessiert. Jedenfalls ist ihr der neue Slogan der SPÖ aufgefallen – und der ärgert sie so, dass sie ihn in ihre Urteilsbegründung einbaut. "Was Sie gemacht haben, ist ja frei nach: 'Nehmt euch, was euch zusteht', wie es neuerdings die SPÖ plakatiert! Wenn ich mir die Geburtsjahre der Opfer ansehe – 1927, 1935 –, das ist das Aller-, Allerletzte", erklärt sie der 26-jährigen Angeklagten.

    Diese soll mit der 16 Jahre alten Tochter ihres Lebensgefährten einen Raub und mehrere Diebstähle begangen haben. Einen Teil der Vorwürfe gibt sie zu; da sie andere leugnet, müssen an diesem Verhandlungstag Zeugen gehört werden.

    Zeugin von Sanitätern gebracht

    Die erste ist Frau K., die im Rollstuhl sitzt und bereits eine Stunde vor Verhandlungsbeginn von Sanitätern in den klimatisierten Saal geschoben wird. Seit drei Jahren hat sie ihre Wohnung nicht mehr verlassen, hat sie Skrdla verraten, die sich für das Erscheinen der Pensionistin bedankt.

    Bei K.s Aussage zeigt sich, dass der eigentlich in anderem Zusammenhang geprägte Ausspruch vom gesunden Geist im gesunden Körper Humbug ist. Die Dame ist geistig mehr als klar und verfügt über ein ausgezeichnetes Gedächtnis.

    Sie kann sich erinnern, wie sie 2012 im Stiegenhaus von einem Mädchen angesprochen wurde, die sich nach einer Nachbarin erkundigte. Das Kind – die dafür bereits verurteilte erwähnte Tochter des Freundes von V. – habe um einen Block gebeten, um eine Nachricht hinterlassen zu können.

    Schmuckschatulle ausgeräumt

    "Sie wollte unbedingt in der Küche schreiben und hat mich weggedrängt", erinnert sich die Zeugin. Dann sei plötzlich die Angeklagte dagestanden. Wie die in die Wohnung gelangte, kann sich die 82-Jährige nicht erklären. Das Duo verschwand, erst dann entdeckte das Opfer, dass eine Schmuckschatulle in ihrem Schlafzimmerschrank leergeräumt war.

    "Ich war so verwirrt momentan und habe geweint. Am nächsten Tag bin ich dann zur Polizei gegangen." Man zeigte ihr Bilder, die verdächtigen Frauen waren nicht darunter. Das nächste Mal sah sie die Angeklagte und deren Komplizin erst wieder in der Zeitung – Ende Jänner 2017. "Meine Heimpflege hat mir eine 'Österreich' mitgebracht. Da habe ich die Fotos bemerkt." Um sicherzugehen, ließ sich Frau K. von ihrer Betreuerin auch noch eine "Kronen Zeitung" holen, die Seite mit dem Bericht über die Festnahme der beiden gibt sie nun dem Senat.

    Zweimal identifizierte sie die Angeklagte dann auch bei der Polizei aus mehreren vorgelegten Fotos. Verteidiger Timo Gerersdorfer versucht Zweifel an ihrer Erinnerung zu säen, was ihm bei der resoluten Dame aber nicht recht gelingt.

    "Verdrängt, aber nicht vergessen"

    Sein Argument im Schlussplädoyer ist allerdings nicht ganz von der Hand zu weisen: "Man kennt die Bilder ja schon aus der Zeitung. Auf welche deutet man also bei der Polizei? Auf die, die man schon einmal gesehen hat." Was allerdings nicht entkräftet, dass Frau K. die Angeklagte nach fünf Jahren wiedererkannt hat. "Ich habe das verdrängt, aber nicht vergessen", erklärt sie Skrdla dazu.

    Die Vorsitzende bekommt dann noch mehr mit Politik zu tun: Der nächste Zeuge ist der Gatte einer ÖVP-Nationalratsabgeordneten. Auch der 76-Jährige ist lädiert und trägt seinen rechten Arm in einer Schlinge. Im Juni 2016 sei er auf der Straße plötzlich von einer Frau umklammert worden, erinnert er sich. Der Körperkontakt sei nur kurz, aber folgenschwer gewesen: 2500 Euro, die er in der Hosentasche hatte, seien danach weggewesen.

    Er hat allerdings von Anfang an gesagt, er erkenne die Angeklagte nur zu 70 Prozent wieder, und bleibt auch heute dabei. Sie habe jedenfalls rötliche Haare gehabt, Frau V. trägt sie dagegen blond gefärbt, nur der Haaransatz ist dunkel. Auch dieser Zeuge wurde durch die Medienberichte aufmerksam und meldete sich bei der Polizei.

    3,5 Jahre unbedingte Haft

    Dem Senat ist diese Prozentangabe aber zu niedrig, er spricht die zweifach vorbestrafte Angeklagte von diesem und einem weiteren Delikt daher nicht rechtskräftig frei. Für den Raub und unter anderem den Diebstahl bei Frau K. bekommt sie dagegen, ebenso nicht rechtskräftig, bei einem Strafrahmen von einem bis zu zehn Jahren 3,5 Jahre unbedingt.

    In ihrer Begründung empört sich Skrdla über die "perfide Vorgehensweise", da nur alte Opfer ausgewählt wurden, und die Tatsache, dass Frau V. ein Kind zur Komplizin gemacht habe. Die Zeugin im Rollstuhl bekommt dagegen ein Extralob: "Bei ihr waren wir uns sicher. So eine Zeugin würden wir uns in fast jedem Verfahren wünschen", ehrt Skrdla das Alter. (Michael Möseneder, 5.8.2017)

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