Schlafmittel, die nicht süchtig machen

    7. August 2017, 07:00
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    Viele Menschen können nachts nicht schlafen und nehmen Schlafmittel, die rasch abhängig machen. Es gibt aber gute Alternativen

    Schwindel, Mundtrockenheit, Magen-Darm-Beschwerden – die im Beipackzettel beschriebenen Nebenwirkungen erscheinen akzeptabel. Hat man wochenlang nicht richtig geschlafen, nimmt man das in Kauf. Doch stutzen lässt einen der Hinweis, das Schlafmittel sei ein Antidepressivum. "Man darf sich davon nicht verunsichern lassen", sagt Gregor Hasler, Chefpsychiater an der Uniklinik in Bern. Die Medikamente werden zwar gegen Depressionen eingesetzt, wirken aber auch gut bei Schlafstörungen. "Und sie haben den entscheidenden Vorteil, dass sie nicht abhängig machen wie die klassischen Benzodiazepine."

    Jeder fünfte Österreicher kann ab und zu oder ständig nicht gut schlafen. Sieben Prozent nehmen Schlafmittel, mehr als die Hälfte davon Benzodiazepine oder Benzodiazepin-ähnliche Substanzen. "Die Mittel helfen zwar beim Einschlafen, können aber schnell abhängig machen", sagt Stephan Krähenbühl, Chef der Klinischen Pharmakologie am Unispital Basel. "Man sollte sie – wenn überhaupt – nur kurze Zeit nehmen und dann nach Alternativen suchen." Wie schnell man abhängig werde, sei individuell unterschiedlich, sagt Hasler. "Manche schon nach wenigen Tagen, andere erst nach dreiwöchiger Therapie, andere gar nicht."

    Unruhig durch Entzug

    Benzodiazepine wirken auf das Botenstoffsystem Gaba, das für die "Beruhigung" des Gehirns zuständig ist. Setzt man die Medikamente ab, treten erste Entzugssymptome auf: Die Betroffenen fühlen sich unruhig und nervös und können noch weniger schlafen. "Dann haben sie das Bedürfnis, die Medikamente wieder einzunehmen, um die Symptome zu lindern – das ist die Abhängigkeit", erklärt Krähenbühl. Weitere Entzugssymptome sind Kopfschmerzen, Schwitzen, Muskelkrämpfe und Schwindel.

    Bevor man Medikamente nehme, müsse erst einmal die Ursache gesucht und behandelt werden, sagt Birgit Högl, Schlafmedizinerin an der neurologischen Uniklinik in Innsbruck. So können verschiedene Krankheiten wie Asthma, Herzkrankheiten und eine Schilddrüsenüberfunktion Schlafstörungen verursachen, übersehen werde auch oft das Restless-Legs-Syndrom, sagt Högl. Häufig stecken zudem psychische Probleme dahinter.

    Schlafmediziner empfehlen zunächst Schlafhygiene: keine schweren Mahlzeiten und nur mäßig Alkohol am Abend, sich tagsüber ausreichend bewegen, persönliches Einschlafritual, dunkles Schlafzimmer und warme Füße. Viel profitieren können Schlaflose von Psychoedukation – das heißt, dass der Arzt dem Patienten die Grundlagen des Schlafs erklärt. So ist zum Beispiel die Schlafdauer individuell unterschiedlich, manche kommen mit sieben Stunden aus, andere brauchen neun, um sich wohlzufühlen.

    Auch die kognitive Verhaltenstherapie kann helfen. So lernt man, was einen nicht schlafen lässt, wie man tagsüber die Probleme löst, statt nachts darüber zu grübeln, und wie man dem Teufelskreis aus Grübeln, Nicht-schlafen-Können und erneutem Grübeln entkommen kann. "Nichtmedikamentöse Behandlungen werden zu selten vorgeschlagen, sie sind aber sehr wirksam", sagt Högl.

    Unerkannte Ängste

    Das Dilemma beginnt, wenn man seine psychischen Probleme bearbeitet, aber trotzdem nicht schlafen kann. "In einer solchen Situation kann es helfen, mit Benzodiazepinen gut zu schlafen, um tagsüber mehr Energie für die Lösung der psychischen Probleme zu haben", sagt Hasler. Ein bis zwei Wochen lang könne man die Mittel nehmen, dann solle man sich Alternativen überlegen. Schon bei einer sehr geringen Dosis stoßen Antidepressiva wie Trazodon und Mirtazapin den Schlaf an.

    "Psychiater haben irgendwann per Zufall entdeckt, dass Antidepressiva nicht nur die Stimmung heben, sondern auch den Schlaf bessern", erzählt Hasler. Eine Erklärung ist, dass Antidepressiva die Histamin-Rezeptoren im Gehirn blockieren – das lässt Betroffene möglicherweise leichter einschlafen. Zum anderen erhöhen sie die Menge von Serotonin im Gehirn. "Serotonin lindert Ängste", erklärt Hasler. "Diese angstlösende Wirkung ist wichtig beim Durchschlafen, denn wenn man nachts häufig aufwacht, stecken oft unerkannte Ängste dahinter." Antidepressiva verursachen keine Abhängigkeit, können aber benommen machen.

    Schlaflose Gesellschaft

    Gute Erfahrungen haben die Ärzte auch mit atypischen Neuroleptika wie Olanzapin und Quetiapin gemacht. "Die verursachen möglicherweise aber mehr Nebenwirkungen, etwa Gewichtszunahme", sagt Hasler. Der Wirkmechanismus könnte ähnlich sein wie bei Antidepressiva. Manche Patienten profitieren von Melatonin-ähnlichen Substanzen, zu denen es aber wenige Studien gibt. Auch pflanzliche Mittel kann man probieren, am besten untersucht ist Baldrian.

    "Wir sind eine schlaflose Gesellschaft geworden", sagt Hans-Günter Weess, Leiter des Schlafzentrums am Pfalzklinikum im süddeutschen Klingenmünster. "Alle müssen rund um die Uhr funktionieren und erreichbar sein. Kein Wunder, wenn man dann nachts nicht schlafen kann und zu Tabletten greift." Betroffene müssten sich jedoch klar sein: "Kein Medikament bekämpft die Ursache der Schlafstörungen." (Felicitas Witte, 7.8.2017)

    • Den Schlüssel fürs Schlafen finden: Antidepressiva können eine Möglichkeit sein.
      foto: apa/dpa-zentralbild/hans-jürgen

      Den Schlüssel fürs Schlafen finden: Antidepressiva können eine Möglichkeit sein.

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