Weißhaidingers Traum vom perfekten Wurf

4. August 2017, 11:10
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"Mit Selbstbewusstsein und Ehrfurcht" nähert sich Lukas Weißhaidinger der Aufgabe. Am Freitagabend wirft der Olympiasechste um sein erstes Finale bei einer WM. Er greift zum selben Diskus wie in Rio und geht ein Risiko ein

Ganz abgesehen von den zwei Kilogramm, die er wiegt – ein Diskus ist kein Frisbee. Der Markt ist überschaubar, dennoch gibt es mehrere Hersteller und Modelle. "Space Traveller" heißt jene Scheibe, die Lukas Weißhaidinger zwar nicht in den Orbit, aber doch circa 65 Meter weit befördern will, wenn er am Freitagabend in den Ring tritt. Die Qualifikation im Diskuswurf ist bei der WM im Londoner Olympiastadion aus österreichischer Sicht der erste Höhepunkt. Ihm soll am Samstag ein zweiter folgen, das Finale der besten zwölf, aus dem nach drei Durchgängen ein Finale der besten acht wird, die weitere drei Versuche haben.

Weißhaidinger (25) stieß als Olympiasechster in Rio 2016 in die Weltspitze vor, den Space Traveller von Rio hat er eigens nach London mitgenommen. Seit Olympia hat der Oberösterreicher fünf Erfolge gefeiert, sich mit 66,52 Metern seinem windbegünstigten Rekord (67,24) genähert und eine Enttäuschung erlebt, als er vor drei Wochen ebenfalls in London bei einem Diamond-League-Meeting nur Achter (61,10 m) wurde. Allerdings soll just der Rückschlag, glaubt Weißhaidinger, die Basis für eine weitere Weitenjagd bilden.

"Das war ein Segen", sagt er. "So haben wir noch einmal an der Technik gearbeitet, einiges umgestellt, sind dem perfekten Wurf wieder einen Schritt nähergekommen." Wir, das schließt Trainer Gregor Högler mit ein. Der ehemalige Speerwerfer und jetzige Sportdirektor des Verbands (ÖLV) kann sich als Coach fast rund um die Uhr um Weißhaidinger kümmern, seit dieser im Herbst nach Wien respektive in die Südstadt übersiedelt ist.

Angeln als Ausgleich

Groß geworden ist Lukas Weißhaidinger in Taufkirchen an der Pram und bei seinem früheren Heimtrainer Josef "Pepi" Schopf. In der Woche vor der WM hat Högler seinen Schützling bewusst zurück in seine Heimat geschickt, dort wurde nicht nur trainiert, sondern auch gefischt. Weißhaidinger ist passionierter Angler, "die Ruhe ist eine Wohltat und ein feiner Ausgleich in hektischen Zeiten". Er hat zwei schöne Kaliber aus dem Wasser gezogen, aber wieder zurückgeworfen. "Es war nichts zum Essen dabei."

Auch aus der Ruhe soll die Kraft kommen. Und aus einem Risiko, das Högler und Weißhaidinger bewusst eingegangen sind. Die quasi unmittelbare Wettkampfvorbereitung ist nämlich nicht auf die Qualifikation, sondern schon aufs Finale am Samstag ausgerichtet. Weißhaidinger hat ergo erst am Donnerstagvormittag seine letzte Einheit in der Kraftkammer absolviert. "Danach geht es nur noch darum, die Beine hochzulagern und die Form kommen zu lassen. Wir haben im Training den Bogen gespannt, die Phase jetzt ist das letzte Ausatmen, bevor der Pfeil abgeschossen wird."

Im Idealfall übersteht Weißhaidinger mit achtzig bis neunzig Prozent seines Potenzials die Qualifikation und schöpft im Finale die hundert Prozent aus. In Rio war es umgekehrt, da musste er als Underdog schon im Vorkampf alles geben, erzielte die zweitbeste Weite, an die er in der Entscheidung nicht mehr ganz herankommen konnte. "Jetzt ist der Ansatz ein anderer", sagt Högler.

Eine enge Geschichte

Die Konkurrenz ist groß, das Feld umfasst 33 Athleten. Weißhaidinger wirft in der ersten von zwei Qualigruppen ab 20.20 Uhr (ORF Sport+, Eurosport), will den Tag "mit Selbstbewusstsein und Ehrfurcht erleben". Nach den heuer gezeigten Leistungen steht der Schwede Daniel Stahl als Favorit da, Weißhaidinger liegt auf Rang acht der Jahresbestenliste. Bemerkenswert ist, dass sich die Deutschen Christoph Harting und Daniel Jasinski, also der Olympiasieger und der Olympiadritte, nicht für die WM qualifizieren konnten. Das zeigt, wie eng alles zusammenliegt.

Die Hoffnung auf den perfekten Versuch, jeder Werfer hegt sie. "Auch der perfekte Wurf", sagt Gregor Högler, "lässt später vielleicht noch mehr zu. Vielleicht ist der perfekte Wurf sogar zwei- oder dreimal möglich. Nachher kann man vielleicht sagen, wo die Grenze gelegen ist. Aber im Vorhinein gibt es keine Grenzen." "Ich weiß nur", sagt Lukas Weißhaidinger, "dass er sich ganz leicht anfühlen wird, der perfekte Wurf." (Fritz Neumann aus London, 4.8.2017)

  • Weißhaidinger vergleicht sich mit einem Bogen, der gespannt ist.
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    Weißhaidinger vergleicht sich mit einem Bogen, der gespannt ist.

  • Als Olympiasechster hat Weißhaidinger überrascht. In London ist sein Ansatz ein anderer als in Rio.
    foto: reuters/ pawel kopczynski

    Als Olympiasechster hat Weißhaidinger überrascht. In London ist sein Ansatz ein anderer als in Rio.

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