Salzburger Festspiele: Hexensabbat in Stalins Reich

2. August 2017, 16:14
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Christian Tetzlaff und Leif Ove Andsnes in Salzburg

Salzburg – Zwischen den beiden Sonaten für Violine und Klavier von Leos Janácek und Dmitri Schostakowitsch spielte Leif Ove Andsnes Drei Klavierstücke D 946 von Franz Schubert. Über die gut kaschierten Abgründe dieser vollendet in sich geschlossenen Werke half der Pianist seinem Publikum mit betont weichem Sound hinweg. Umso zielgerichteter führte dagegen Christian Tetzlaff durch die vier Tanzsätze der Partita für Violine Nr. 2 d-Moll BWV 1004 von Johann Sebastian Bach – um mit der legendären Ciaccona geradezu einen Aufmerksamkeitsbann über den Großen Saal des Mozarteums zu legen. In Klangfarben aus Silber, Bronze oder Gold machte Tetzlaff die kontrapunktischen Strukturen des Monumentalwerks "anschaulich": mit dem analysierenden Leuchtstift des Musikwissenschafters wie mit der tänzerischen Ungeniertheit des Erzmusikanten.

In der Sonate für Violine und Klavier von Leos Janácek ist dem Klavier die Rolle des Farbträgers zugeteilt, des verständnisvollen Verstärkers der kontinuierlich aufkochenden Emotionen. Ein paar hoffnungsvoll aufblühende Gedanken etwa in der Ballada oder launige Figuren im Finalsatz werden umgehend in die Schranken gewiesen von Angst und Verzweiflung. Pianist und Geiger haben einander diese immer schwerer und bedrohlicher werdenden Bälle im spannungsvollen Dialog zugespielt.

Höhepunkt des dritten Kammerkonzerts bei den Festspielen war dennoch die Sonate für Violine und Klavier G-Dur op. 134 von Dmitri Schostakowitsch. Von einem klassisch akademischen Zwölftonmotiv ausgehend, hat der erste Satz das Zeug zum Hexensabbat. Christian Tetzlaff und Leif Ove Andsnes entwickelten denn auch – nach dem artigen Ein- und Durchführen des Hauptmotivs – das zweite Thema als geisterhaften, beängstigenden Marsch.

Schläge im Geiste Bachs

Ein Wozzeck könnte in seinen Albträumen dazu exerzieren. Subversiver kann komponierte Ideologiekritik nicht ausfallen. Ironischer gemeint sind Gattung und Tonart "Sonate G-Dur" in der ganzen Musikgeschichte nicht: Tetzlaff und Andsnes haben das zum Schaudern greifbar gemacht. Fast eine Erlösung waren danach die wohl brutalen, aber immerhin diesseitigen Schläge, die sie im virtuosen scherzoartigen Allegretto austeilten. Die 13 Variationen des dritten Satzes, eine Verneigung Dmitri Schostakowitschs vor Johann Sebastian Bach, entfalteten Tetzlaff und Andsnes als facettenreiche Charakterstücke – und ernteten Jubel in Sturmstärke. (Heidemarie Klabacher, 2.8.2017)

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