Lufthansa behält europäische Krisen-Airlines im Blick

2. August 2017, 15:47
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An Air Berlin weiter "sehr interessiert", an Alitalia nicht so – Gewinnprognosen für 2017 nach oben geschraubt – Eurowings und Cargogeschäft schaffen früher schwarze Zahlen

Frankfurt/Schwechat/Berlin – Die Lufthansa wittert Chancen durch die Schwäche strauchelnder Konkurrenten. So ist die Kranich-Linie weiterhin "sehr interessiert" an Air Berlin – aber nur unter den passenden Bedingungen, wie Finanzchef Ulrik Svensson sagt. Außerdem spekuliert der Konzern als Folge der Krise von Alitalia auf Wachstumsmöglichkeiten in Italien. Rückenwind liefert ein Rekordgewinn im zweiten Quartal.

Die Billigmarke Eurowings soll trotz hoher Anlaufkosten bereits in diesem Jahr einen operativen Gewinn einfliegen. Es gibt Speck für neue Übernahmen, sagen Beobachter.

Das Quartalsergebnis der Lufthansa-Gruppe stieg um 69 Prozent auf 740 Mio. Euro. Auch im Gesamtjahr traut sich die deutsche AUA-Mutter nun mehr zu, denn mit dem Ende des Piloten-Tarifstreits und einem regen Sommerurlaubsgeschäft gewinnt die Fluggesellschaft wieder an Fahrt. Svensson nannte noch einen anderen Grund: "Unsere harte Arbeit an Kostensenkungen zahlt sich aus", betonte er. "Diese Anstrengungen müssen wir weiter fortsetzen." Nicht nur Eurowings, sondern auch das Cargogeschäft schafft schwarze Zahlen, früher als erwartet.

Die österreichische Tochter AUA (Austrian Airlines) hat im zweiten Quartal 2017 den Gewinn verdoppelt und erwartet damit heuer auch im Gesamtjahr mehr Gewinn. Vor einigen Wochen war noch ein Gewinnrückgang erwartet worden. Den gleichen Trend gab es bei der Schweizer Lufthansa-Tochter Swiss.

Im ersten Halbjahr kam der Lufthansa neben höheren Ticketpreisen der Geschäftsausbau mit kostengünstig angemieteten Jets von Air Berlin und der erstmals voll berücksichtigten Brussels Airlines zugute. Auch die Technik-Tochter legte zu. Die Eckdaten für den Konzern waren bereits bekannt: Der Umsatz stieg um 13 Prozent auf 16,95 Milliarden Euro. Der operative Gewinn verdoppelte sich fast – auf den Halbjahres-Rekordwert von 1,04 Mrd. Euro. Unter dem Strich stieg das Konzernergebnis um 57 Prozent auf 672 Mio. Euro.

Bereits Mitte Juli wurde die Gewinnprognose für 2017 erhöht. Im Gesamtjahr erwartet Lufthansa-Chef Carsten Spohr nicht mehr weniger Gewinn, sondern will über den 1,75 Milliarden Euro des Vorjahres herauskommen.

Auch andere europäische Airlines hatten ihre Gewinnerwartungen zuletzt nach oben geschraubt, etwa die British-Airways-Gesellschaft IAG, Easyjet und Wizz Air. Lufthansa bleibt mit der Prognose nach Einschätzung von Analysten aber eher auf der vorsichtigen Seite. Hauptgrund: Die Ticketpreise sind unter Druck geraten.

Den Anlegern konnte das die Stimmung nicht verderben: Die Lufthansa-Aktie legte 2 Prozent zu und war damit Spitzenreiter im Dax.

Air Berlin bleibt bei der Lufthansa auf dem Radar. 38 Flugzeuge der deutschen Konkurrentin hat der Konzern bereits per Leasing im Einsatz. Davon fünf bei der AUA. Die Lufthansa könnte auch die restlichen 75 Maschinen gut zum Ausbau ihrer Flotte, etwa bei der Billigfluglinie Eurowings, gebrauchen. Weitere Anmietungen von Flugzeugen seien deshalb eines der Szenarien, erklärte Finanzchef Svensson. Doch liege noch keine konkrete Zahl auf dem Tisch.

Aus Sicht von Air Berlin wäre die Dauerleihgabe weiterer Maschinen und das Verkleinern der eigenen Flotte kaum möglich, erklärte Luftfahrt-Expertin Ruxandra Haradau-Döser von Kepler Cheuvreux. "Für einen solchen Schritt wären drastischere, strukturelle Entscheidungen bei Air Berlin notwendig." Air-Berlin-Haupteigner Etihad, die staatliche Fluggesellschaft Abu Dhabis, will sich womöglich von seinem 29-prozentigen Anteil trennen. Lufthansa-Chef Spohr hatte Anfang Mai am Rande einer Reise der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel in das Emirat dazu Gespräche geführt. Doch hohe Kosten und Schulden sowie kartellrechtliche Hürden sprechen bisher gegen eine Übernahme von Air Berlin.

Einen Kauf von Alitalia schloss die Lufthansa erneut aus. "Wir haben kein Interesse an Alitalia, wie sie heute aussieht", sagte Svensson. Doch wolle die Kranich-Linie eine aktive Rolle am italienischen Markt spielen – wie, sei noch offen. Kepler-Analystin Haradau vermutet: "Wir glauben, dass die Lufthansa Interesse an Teilen von Alitalia hat." Insidern zufolge gibt es zehn Interessenten für die italienische Fluggesellschaft, darunter die irische Billigfluglinie Ryanair, die ein Gebot auch offiziell bestätigt hat. (APA/Reuters, 2.8.2017)

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