Dieselskandal: Aus für Aussitzer

Kommentar1. August 2017, 18:05
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Vorsprung durch Technik wird auch nach dem Autogipfel in Berlin ein frommer Wunsch bleiben

Es wird langsam eng für die Verharmloser im Dieselabgasskandal. Vielleicht nicht sofort, aber à la longue werden sich Abgasschummelei und Selbstbetrug nicht auszahlen. Nicht für die Politik, die gern ein (Umwelt-)Auge zudrückt, wenn es um Arbeitsplätze und deren Erhalt geht – erst recht in Wahlkampfzeiten. Nicht für die Autobauer, die mit Technologie von gestern den US-Markt und die ganze Welt erobern wollten. Und auch nicht für die Autokäufer, die bereit waren, zu glauben, dass sich Stickoxide und Feinstaub wegzaubern lassen.

Da dies- und jenseits der Weißwurstgrenze Wahlkampf ist, werden die deutschen Autobauer, die selbst ihre Abgasschummeleien zur sprichwörtlichen Perfektion brachten, zunächst mit Nachbesserungen der Steuerungssoftware der Abgasreinigung für die höheren Schadstoffklassen Euro 5 und Euro 6 davonkommen. Das wird finanziell wohl verkraftbar sein. Das Problem wird dadurch aber keineswegs gelöst – im Gegenteil. Solang der Dolby-Surround-Anlage in der Limousine mehr Platz zugestanden wird als dem Harnstofftank, aus dem das Bindemittel für Feinstaub und Stickoxid eingespritzt wird, bleibt ein Softwareupdate ein Placebo, mit dem bestenfalls das schlechte Gewissen beruhigt wird. Technische Lösungen, die wirkungsvoll und praktikabel die Abgasfilter bereits zugelassener Autos verbessern, bieten Audi, VW und Co bis heute nicht. Vorsprung durch Technik wird auch nach dem Autogipfel in Berlin ein frommer Wunsch bleiben.

Verblüffen muss vor diesem Hintergrund die Beharrlichkeit, mit der deutsche wie österreichische Politiker die Interessen der Autobesitzer ignorieren. Schadenersatz bekamen bis dato nur US-Autokäufer; österreichische und deutsche Konsumenten wurden mit Softwareupdates abgespeist, deren Wirkung teils fragwürdig ist. Sie wurden de facto zum Salzamt geschickt, denn selbst die heimische Justiz schaute seit Herbst 2015 nur gespannt nach Braunschweig, wo die Staatsanwaltschaft gegen den Wolfsburger Konzern ermittelt. Nun, da die heimischen Strafverfolgungsbehörden mit Informationen bedacht wurden, kommt wieder Schwung in die unrühmliche Causa.

Aussitzen wird sich der Dieselskandal wohl nicht mehr lassen. Denn als Nächstes werden Gerichte Fahrverbote in Städten verhängen, und die Nachfrage nach Selbstzündern wird (weiter) einbrechen. Und die Politiker haben ein echtes Problem, weil die Jobs dann auch weg sind. (Luise Ungerboeck, 1.8.2017)

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