Rundschau: Abenteuer in Retropolis

    Ansichtssache30. September 2017, 10:00
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    Neues und/oder Kultiges von Daryl Gregory, Ray Bradbury, Rainer Erler, Stephen Baxter und Daniel H. Wilson auf dem Büchermarkt

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    Daryl Gregory: "Spoonbenders"

    Gebundene Ausgabe, 416 Seiten, Knopf 2017, Sprache: Englisch

    Once, we were amazing. Was für ein wunderschöner, trauriger Satz. Er stammt vom 14-jährigen Matty, Spross einer Familie, die einmal wegen ihrer übersinnlichen Fähigkeiten berühmt war – bis Teddy Telemachus and his Amazing Family im Fernsehen als Schwindler bloßgestellt wurden und wieder in der Versenkung verschwanden. Doch es ist alles längst nicht so klar, wie es zunächst aussieht.

    "Spoonbenders" ist der jüngste und vielleicht bislang beste Roman des großartigen Daryl Gregory. Der US-Autor hatte zuvor schon mehrfach auf höchst originelle Weise die Popkultur mit dem Übernatürlichen verquickt: In "Pandemonium" etwa sind Menschen von literarischen und filmischen Archetypen besessen wie von Dämonen, in "We Are All Completely Fine" bilden die Opfer bekannter Horrorfiguren eine Selbsthilfegruppe. In "Spoonbenders" steigt Gregory nun auf die unterste Ebene des Übernatürlichen ab – also dorthin, wo Kartenleger, Homöopathen und das Long Island Medium zuhause sind. Oder eben Löffelbieger. Als Einstimmung ist dem Roman ein Zitat Uri Gellers vorangestellt, auch wenn in "Spoonbenders" ironischerweise gar keine Löffel verbogen werden. Dafür dürfen wir uns unter anderem auf Telekinese, Wahrsagerei und Astralreisen einstellen. Und vor allem auf sehr viel Menschlichkeit.

    Blick zurück mit Wehmut

    1973 war es, als die Telemachus-Familie öffentlich gedemütigt wurde. Seitdem – wir schreiben inzwischen das Jahr 1995 – sind die damaligen Kinder erwachsen geworden und ringen mit den ganz normalen (plus ein paar ganz und gar nicht normalen) Problemen von Menschen, die irgendwie ihre Familie durchbringen müssen. Die drei Kinder Irene, Frankie und Buddy sind es auch, die zusammen mit Patriarch Teddy und dem kleinen Matty aus der dritten Generation den Roman abwechselnd erzählen: fünf Perspektiven auf ein Puzzle, das sich als ungeahnt komplex erweisen und bis zum Schluss eine Volte nach der anderen schlagen wird.

    Beginnen wir mit Matty: Der erlebt mehr als nur einen Höhepunkt, als er seine Cousine heimlich durch ein Loch in der Wand beobachtet. Zum ersten Mal verlässt er da nämlich seinen Körper – und wir erfahren damit gleich zu Beginn, dass sich die Talente der Telemachus-Familie doch nicht nur auf Betrug beschränken dürften. Mattys Mutter Irene beispielsweise kann jede Lüge erkennen: eine Gabe, die ihr das Leben aber eher erschwert als erleichtert – vor allem, was Beziehungen anbelangt. Zu allem Überfluss hat sie ihren Job verloren und muss zusammen mit ihrem Sohn kleinlaut wieder bei Teddy einziehen. Der ist übrigens das einzige Familienmitglied, das tatsächlich über keinerlei übersinnliche Fähigkeit verfügt. Er ist schlicht und einfach ein Trickbetrüger – wenn auch einer mit dem berühmten goldenen Herzen.

    Irenes Bruder Frankie wird sogar noch stärker vom Gefühl umgetrieben, ein Versager zu sein. Seine telekinetische Gabe ist schwach und unzuverlässig, kurz: völlig unbrauchbar. Er hat eine Firma in den Sand gesetzt, verdingt sich nun als Vertreter für angebliche Gesundheitstränke und schuldet Kredithaien eine Riesensumme mit beängstigend schnell wachsenden Zinsen. Als er von Mattys Astralreisen erfährt, versucht er sofort, seinen Neffen für einen letzten verzweifelten Coup einzuspannen.

    Bleibt noch Buddy. Und dessen Gabe hängt eng mit der Struktur des Romans zusammen.

    Kreuz und quer durch die Zeit

    Gregory erzählt nämlich nicht linear. In jedem Kapitel erinnert sich der jeweilige Protagonist an prägende Phasen seines Lebens, Vergangenheit und Gegenwart gehen dabei nahtlos ineinander über. (Wobei genau genommen ja schon die Gegenwartsebene, auf der Irene mit einem kreischenden Modem die Möglichkeiten des Internets anno '95 kennenlernt, für uns recht retro wirkt.) Doch die Vergangenheit regt sich noch auf ganz andere Art und Weise: So erhält Teddy unerklärlicherweise immer noch Briefe seiner schon vor Jahrzehnten verstorbenen Frau Maureen; und Maureen geht darin stets auf aktuelle Ereignisse ein. Was es mit diesen Briefen aus dem Totenreich auf sich hat, gehört zu dem Gespinst an Zusammenhängen, die Gregory erst nach und nach in kunstvoller Weise offenlegt.

    Buddy spielt darin eine besondere Rolle. Seine Gabe – oder sein Fluch – ist es, die Zukunft zu sehen und zu wissen, dass sie unveränderlich ist. Aber seine Visionen sind offen für Interpretationen, und Buddy sieht es als seine Pflicht an, stets die günstigste Interpretation wahr werden zu lassen. Wenn er etwa in der Zukunft einen Mann mit möglicherweise blutüberströmtem Hemd sieht, sucht er ihn sicherheitshalber auf, um ihn mit Ketchup zu bewerfen. Seinem Umfeld erscheinen seine Taten natürlich bizarr, worauf er nur mit rührender Hilflosigkeit reagiert: Buddy sought out Irene's eyes with a classic Buddy look: mystified and sorrowful, like a cocker spaniel who'd finally eviscerated his great enemy, only to find everyone angry and taking the side of the couch pillow.

    Nach herkömmlichen Maßstäben verwirrt und orientierungslos, hält sich Buddy strikt an die Vorgaben seiner future memories. Unbemerkt von den anderen erzeugt er so ein kompliziertes Konstrukt aus vermeintlich sinnlosen Handlungen, deren wahre Bedeutung sich – ähnlich wie im Film "Paycheck" – erst zum entscheidenden Zeitpunkt erweisen wird. Buddy nennt diesen Zeitpunkt "the Zap" – es ist der Tag, an dem seine Erinnerungen an die Zukunft enden und alles ungewiss wird. Und dieser Tag steht kurz bevor.

    Am Ende passt alles zusammen

    Man fragt sich unwillkürlich, wie lange Daryl Gregory wohl vor dem eigentlichen Schreiben dagesessen hat, um seinen Plot bis ins kleinste Detail zu konstruieren. Denn am Ende fügt sich alles zusammen: Die Lebensgeschichten der Familienmitglieder, Buddys zeitenübergreifendes Handeln, eine Reihe vermeintlich unwichtiger Nebenfiguren und Requisiten, Teddys teilweise erstaunlich langfristig angelegte Betrügereien und zum Drüberstreuen noch ein Programm zur Psi-Kriegsführung aus dem Kalten Krieg und eine tödliche Bedrohung durch die örtliche Mafia: All das ergänzt sich zu einem Showdown, in dem jedes zuvor ausgelegte Puzzlestück seine Rolle spielen wird. Das ist meisterhaft durchgeführt – und ich habe absichtlich nicht "finaler Showdown" geschrieben, denn seinen letzten Twist holt Gregory erst danach aus dem Ärmel.

    Die geniale Konstruktion allein wäre schon Grund genug, "Spoonbenders" zu lesen – die Art, in der das Ganze erzählt wird, macht es aber erst perfekt. Auffällig ist zunächst der Witz (und Gregorys blumige Vergleiche sind eine Klasse für sich). Noch wichtiger ist aber die tiefe Menschlichkeit der Erzählung. Gregory verleiht jeder Figur nicht nur einen eigenen Charakter, sondern auch Würde – selbst De-facto-Gaunern wie Teddy und Frankie. Und niemand kann ungerührt bleiben, wenn er liest, wie sich Buddy mit allem, was er hat, in die seit Langem herbeigesehnte Begegnung mit der Liebe seines Lebens stürzt – wissend, dass es die erste und einzige Begegnung sein wird. So manche in diesem Buch beschriebene Fähigkeit mag Schwindel sein. Doch der Roman selbst hat echten Zauber.

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