Rundschau: Abenteuer in Retropolis

    Ansichtssache30. September 2017, 10:00
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    Neues und/oder Kultiges von Daryl Gregory, Ray Bradbury, Rainer Erler, Stephen Baxter und Daniel H. Wilson auf dem Büchermarkt

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    fotos: heyne, tor

    Stephen Baxter: "Das Ende der Menschheit"

    Klappenbroschur, 588 Seiten, € 17,50, Heyne 2017 (Original: "The Massacre of Mankind", 2017)

    Stephen Baxter: "The Martian in the Wood"

    E-Book, 64 Seiten, Tor 2017, Sprache: Englisch

    Erst heuer im Original veröffentlicht, klopft auch schon die Übersetzung an unsere Türen: Am 9. Oktober erscheint die deutschsprachige Version von Stephen Baxters "The Massacre of Mankind" (hier bereits besprochen). Zur Erinnerung: Es ist die Fortsetzung von H. G. Wells' Klassiker "Krieg der Welten". Die Marsianer kehren darin zurück – und diesmal bleiben sie etwas länger.

    Baxter hat sich in seinem Sequel sehr viel Mühe gemacht, dem Original gerecht zu werden und Wells sowohl sprachlich als auch hinsichtlich dessen nüchterner Sichtweise auf die Welt zu emulieren (Letzteres fällt ihm bekanntlich nicht schwer). Da Baxter zahlreiche Details aus dem Kultklassiker aufgreift und nur kurz auftretende Nebenfiguren flugs zu HandlungsträgerInnen seiner Fortsetzung ausarbeitet, empfehle ich dringend, vor "Das Ende der Menschheit" noch einmal "Krieg der Welten" zu lesen. Das wird das Vergnügen verdoppeln!

    Intermezzo im Wald

    Zur Einstimmung ist derweil auf Englisch und nur als E-Book ein peculiar appendix to the greater tale of the War erschienen, ein Intermezzo in Novellettenlänge. Wie schon in "The Massacre of Mankind" spricht auch hier Julie Elphinstone zu uns, die Schwägerin des Erzählers von "Krieg der Welten" (der ja erst von Baxter den glamourösen Namen Walter Jenkins erhalten hat). Die eine oder andere Spitze gegen den notoriously unreliable narrator des Originals darf man sich also getrost erwarten: Wie gehabt erzählt Julie im Tonfall trockener Ironie – treffsicher böse, aber stets höflich, bestens geeignet für ein Tischgespräch.

    Julie ist als Walters Archivarin auf ein paar übersehene Dokumente in dessen Nachlass gestoßen. Sie betreffen einen Vorfall aus dem Jahr 1907, kurz nach der ersten marsianischen Invasion, und werden von Julie nun, Jahrzehnte später, als imaginative reconstruction wiedergegeben. Mit anderen Worten: Baxter legt auch in dieser kurzen Erzählung wieder großen Wert auf die metafiktionale Ebene.

    Zur Handlung

    Und das ist es, was Julie rekonstruiert: In den gefundenen Dokumenten sind drei Monate seit dem Ende der ersten Invasion vergangen, alle Marsianer sind tot ... oder etwa doch nicht? Die junge Zena Gardner, die während der Invasion im Ausland war, kehrt auf den familiären Landsitz in Sussex zurück und muss feststellen, dass sich ihr Bruder Nathan gar seltsam verhält. Immer wieder verschwindet er in den nahen Wald von Holmburgh Wood, wo er einen Marsianer mitsamt Tripod gesehen haben will. Anfangs glaubt Zena ihm nicht, doch lässt sich nicht leugnen, dass die Gegend unter einem seltsamen Bann liegt: Das Wetter wirkt unnatürlich kalt und will sich nicht verbessern. Schafe verschwinden, und bald auch der Sohn eines Bauern. Es baut sich die Stimmung einer viktorianischen Schauermär auf.

    Das kann Zena natürlich nicht auf sich beruhen lassen. Schließlich ist sie eine patente Person – ebenso klug wie tatkräftig, aus gutem Hause kommend und dennoch aufgrund ihres sozialen Gewissens revolutionären Gedanken nicht abgeneigt: Kurz, sie ist ein bisschen so wie Julie selbst. Was natürlich auch daran liegen kann, dass Julie sich die Hauptfigur ihrer Erzählung entsprechend zurechtgeschneidert hat (Stichwort unreliable narrator ...). Also entschließt sich Zena, im Wald nach dem Rechten zu sehen.

    Was sie dort erwartet ... nun, sagen wir so: Baxter hat sich zwar nie genötigt gefühlt, analog zu Stephen Kings "Dunklem Turm" einen Mythos auszuarbeiten, der sein gesamtes schriftstellerisches Werk auf Biegen und Brechen verknüpfen soll. Aber eine gewisse Durchlässigkeit, was Ideen und Motive anbelangt, findet man auch in Baxters Erzählungen. Und sollte jemand die vorgefundene Überraschung für keine gelungene halten, erklimmt der Autor ein letztes Mal die Meta-Ebene und entschuldigt sich augenzwinkernd fürs gesamte Projekt eines Wells-Sequels: As is the way with all things Martian, it seems to me, the story was never wrapped up to everybody's satisfaction.

    Fortsetzung folgt

    Die nächste Rundschau wird dann wieder stärker nach vorne orientiert sein. Es gibt ja unter anderem Neues von John Scalzi und Alastair Reynolds. (Falls ich mich dazu durchringen kann, den zu lesen: Zum Abschluss einer Trilogie ein 900-Seiten-Monster auf die Ladentheke zu knallen, war kein netter Zug von ihm ...) Vor allem aber dürfen wir uns darüber freuen, dass der geniale David Marusek aus seiner langen schöpferischen Pause zurückgekehrt ist, hurra! (Josefson, 30. 9. 2017)

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