Placebo: Wirkungsvoller Schein

    2. August 2017, 10:00
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    Lange galt der Placeboeffekt als Störfaktor in der Medizin. Forscher beginnen nun, sich die Wirkung von Scheinbehandlungen in der Therapie zunutze zu machen

    Der Placeboeffekt hat bis heute ein Imageproblem. Er gilt oft als Synonym für mangelnde Wirksamkeit einer Behandlung, etwa in der Wendung "nur ein Placeboeffekt". Außerdem haben viele Mediziner lange Zeit die Erfolge des kuriosen Effekts auf das subjektive Empfinden der Patienten geschoben. Weil sie ein vermeintlich echtes Medikament genommen haben, glauben die Betroffenen am Ende vielleicht nur, dass es ihnen durch die Behandlung besser geht. Doch mittlerweile lässt sich die Wirkung von Scheinbehandlungen auch objektiv nachweisen.

    "Der Placeboeffekt ist real", sagt Winfried Rief, Psychologe an der Uni Marburg. "Er lässt sich unter kontrollierten experimentellen Bedingungen hervorrufen und durch objektive Parameter feststellen: etwa durch Veränderungen des Blutdrucks oder durch physiologische Reaktionen im Gehirn." Selbst bei chirurgischen Eingriffen konnte man in einigen Studien auch in der Gruppe mit einer Scheinbehandlung eine ähnliche Wirkung beobachten wie in jener Gruppe, bei der der Chirurg tatsächlich zum Skalpell gegriffen hat.

    Konditionierung gefragt

    Eine Erklärung hierfür ist, dass eine Konditionierung im Spiel ist. Der Körper nutzt offenbar bei der Placebowirkung die Wirkbahnen, die er zuvor schon durch eine echte Behandlung gelernt hat. Wenn ein Patient etwa schon Erfahrungen mit Schmerzmedikamenten gemacht hatte, werden als Reaktion auf eine Scheinmedikation natürliche Schmerzmittel im Gehirn freigesetzt.

    "Die Placebowirkung hat dabei eine so große Power, dass wir sie im medizinischen System nicht unkontrolliert ablaufen lassen sollten", sagt Rief. "Natürlich wäre es unethisch, einen Patienten darüber zu täuschen, dass in einer Tablette überhaupt kein Wirkstoff enthalten ist." Aber es gebe andere Möglichkeiten. So lassen sich die der Placebowirkung zugrunde liegenden Mechanismen systematisch nutzen, um die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Behandlungen zu verbessern.

    Erwartungen wecken

    Ein wichtiger Mechanismus, über den Scheinbehandlungen ihre Wirkung entfalten, sind die Erwartungen des Patienten. Erwartungen wecken beispielsweise die Äußerungen des Arztes bezüglich der Wirkung einer Behandlung. Daneben spielen aber auch Symbole mit hinein wie weiße Arztkittel, kraft derer deren Träger sicherlich etwas gegen die Krankheit ausrichten können müssen, wie der Patient vermeint.

    Winfried Rief und Kollegen haben für eine 2017 im Fachblatt "BMC Medicine" erschienene Studie gezielt die Vorstellungen von Patienten manipuliert. Genauer gesagt optimierten sie die Erwartungen der Patienten an die Wirksamkeit einer Herzoperation. Schon aus vorangegangenen Untersuchungen wussten die Forscher, dass unabhängig von dem Verlauf der Operation die Erwartungen von Patienten für die Zeit nach der OP der beste Faktor ist um vorherzusagen, wie es dem Patienten nach dem Eingriff geht – ob er sich dann als Invalide fühlt oder wieder aktiv am Leben teilnimmt. Für ihre randomisiert-kontrollierte Studie wiesen sie per Los 124 Patienten jeweils einer Gruppe zu.

    Die erste Gruppe erhielt eine psychologische Betreuung, bei der Rief und seine Kollegen gemeinsam mit den Patienten für die Zeit nach der OP ein realistisches Bild entwickelten: "Wir haben zusammen mit den Betroffenen visualisiert, wie sie langsam wieder aktiv werden, sich allmählich wieder körperlichen Belastungen wie Gartenarbeit aussetzen können." In einer zweiten Gruppe bekamen die Patienten hingegen nur emotionale Unterstützung durch einen Therapeuten, und die dritte Gruppe kam überhaupt nicht in den Genuss einer psychologischen Betreuung. Sechs Monate nach der OP sollte sich dann entscheiden, ob die unterschiedliche Betreuung einen Unterschied machte.

    Geringere Entzündungsreaktionen

    Tatsächlich konnte das Team um Rief zeigen, dass es Patienten, bei denen man die Erwartungen optimiert hatte, nach dem chirurgischen Eingriff am besten ging: "Sie konnten am Leben wieder am aktivsten teilnehmen und fühlten sich am wenigsten durch den Eingriff eingeschränkt." Das offenbarte sich am deutlichsten im direkten Vergleich mit Patienten, die überhaupt keine psychologische Betreuung erhalten hatten. Auch im Vergleich mit der rein emotional betreuten Gruppe zeichnete sich zwar die Tendenz ab, dass die Patienten mit den gezielt manipulierten Erwartungen von weniger Problemen nach der OP berichteten. Allerdings war dieser Unterschied nicht statistisch signifikant.

    Dafür fanden Rief und Kollegen aber auch objektiv messbare Unterschiede zwischen den Gruppen. Die Patienten mit den optimierten Erwartungen zeigten geringere Entzündungsreaktionen im Zuge des chirurgischen Eingriffs als die anderen beiden Patientenkollektive. Winfried Rief sieht den Versuch äußerst positiv: "Das sind erste Ansätze, wie man Placeboeffekte nutzbar machen kann."

    Auch andere innovative Ansätze testen Forscher derzeit. Einer davon besteht darin, die Placebo-Medikamente offen, also mit dem Wissen des Patienten, zu verabreichen. In einigen Studien konnten Wissenschafter auch hier bei Patienten eine physiologische Wirkung nachweisen – etwa bei Vorliegen eines Reizdarmsyndroms. Das mag zunächst verwundern. Denn immerhin wissen die Patienten ja, dass sie keine echten Medikamente erhalten. Eine mögliche Erklärung wäre aber, dass die Probanden dennoch eine positive Erwartung mit der Placebobehandlung verbinden. Schließlich finden solche Studien an Uni-Kliniken und Universitäten statt. Und dieses Umfeld scheint positive Erwartungen zu wecken. (Christian Wolf, 2.8.2017)

    • "Die Placebowirkung hat eine so große Power, dass wir sie im medizinischen System nicht unkontrolliert ablaufen lassen sollten", sagt Winfried Rief, Psychologe an der Uni Marburg.
      foto: getty images/istockphoto

      "Die Placebowirkung hat eine so große Power, dass wir sie im medizinischen System nicht unkontrolliert ablaufen lassen sollten", sagt Winfried Rief, Psychologe an der Uni Marburg.

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