Stefan Diez über Sesseldesign: "Der Hintern bleibt der gleiche"

    Interview3. August 2017, 15:26
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    Besuch bei einem der wichtigsten Designer der Gegenwart, der unter anderem erzählt, was ein Sessel mit dem Mount Everest zu tun hat

    Das angesagte Münchner Glockenbachviertel an einem heißen Sommertag: Den Hinterhof, in dem das Atelier von Stefan Diez untergebracht ist, findet man nicht leicht. Die Suche lohnt sich allerdings. Das Studio ist eine Mixtur aus altem Sägewerk mit einer Prise Villa Kunterbunt und einem ordentlichen Schuss Designbüro à la Bilderbuch. Im Inneren begegnet man Prototypen, Regalen, Spielsachen und den fünf Mitarbeitern von Diez.

    Der Chef sitzt gleich beim Eingang. Bevor er über seine Arbeit sprechen will, ist ihm noch nach einer Brotzeit. Die Pasta beim Italiener ums Eck mundet vorzüglich, der Espresso sucht seinesgleichen und macht den gefragten Designer richtig munter für ein paar Antworten.

    foto: daniel delang
    Stefan Diez, gut drauf in seinem Studio im Münchner Glockenbachviertel. Unter anderem zu sehen sind Sesselentwürfe für Hay und Emu.

    STANDARD: Sie haben sich vor allem durch Ihre Sitzmöbel einen Namen gemacht. Ist der Sessel immer noch der Olymp des Designs?

    Stefan Diez: Sessel sind noch immer ein besonders schönes Projekt. Wahrscheinlich, weil die Rahmenbedingungen seit Tausenden von Jahren die gleichen sind. Der Hintern bleibt der gleiche, er ist weder viel kleiner noch viel größer geworden. Weiters kann man an einem Stuhl sehr schön die Zeit ablesen. Alle anderen Objekte sind technologisch einem größeren Einfluss ausgesetzt.

    STANDARD: Gilt das nicht auch für den Tisch?

    Diez: Schon, aber den Tisch gibt es in 20 mal 20 Zentimeter und in fünf mal zwei Meter. Beim Stuhl geht es immer um den Hintern! Und den Platz, den dieser braucht. Und da ist nun einmal nicht so viel Unterschied.

    STANDARD: Der Architekt Frank Gehry meinte einmal, einen Sessel zu entwerfen sei so schwierig, wie den Mount Everest zu besteigen. Es ist ja mittlerweile ziemlich voll dort oben. Soll heißen, es gibt eigentlich schon ganz schön viele Stühle.

    Diez: Das stimmt, die bringen ja schon nicht mal mehr alle Toten vom Mount Everest herunter. Ich sehe die Masse an Sesseln, die es bereits gibt, als zusätzliche Herausforderung. Man braucht einfach viele Stühle. Ich würde deshalb auch sagen, dass der Stuhl das einzige Möbelstück ist, bei dem es sich lohnt, es industriell herzustellen.

    STANDARD: Wieso braucht man denn viele Stühle?

    Diez: Zählen Sie doch mal alle Stühle, die Sie zu Hause haben. Die meisten Menschen wissen gar nicht, wie viele Stühle sie zu Hause rumstehen haben. Zählen Sie wirklich mal nach.

    STANDARD: Okay, gefühlt würde ich sagen, fünf bis sechs. Wenn ich alle Hocker und Bänke im Kopf zusammenzähle, sind es 14. Sie haben recht.

    Diez: Sehen Sie! Jeder hat mehr Stühle als Fahrräder.

    STANDARD: Was hat denn das Fahrrad damit zu tun?

    Diez: Beides sind Objekte, die einer dynamischen Belastung ausgesetzt sind, die nicht unanspruchsvoll ist. Das sind interessante Randbedingungen. Durch die Belastung ist das Thema Stuhl affin gegenüber neuen Technologien und Materialien. Man strebt immer danach, die Masse gering zu halten.

    STANDARD: Mit möglichst wenig möglichst weit kommen?

    Diez: Genau.

    fotos: rasmus norlander; diezoffice; constantin meyer; wrong.london; gerhardt kellermann
    Wie gestanzt wirken die Sessel "Bent" für Moroso; mit Keramik arbeitete Stefan Diez für Arita; die Leuchte wird "Ropetrick" genannt; das geradlinige Arbeitsmöbel gehört zur Serie "New Order" für Hay; der geschwungene Sessel "404" ist bei Thonet im Sortiment (von oben).

    STANDARD: Ihr Stuhl "404", den Sie für Thonet entwarfen, ist nach einem Computerfehler benannt, der auftritt, wenn man eine fehlerhafte URL in den Computer eintippt. Wieso das?

    Diez: Die Geschichte ist die: Jeder kennt Thonet, jeder würde einen Thonet-Stuhl mit einer geschwungenen Lehne auf einer Papierserviette grob skizzieren können. Thonet ist die älteste noch bestehende Möbelfirma. Das Thema bei Thonet war immer Biegen, und dann sollte ich ein Möbel machen, das nicht gebogen wird. Der Sessel sieht zwar gebogen aus, ist aber aus gepresstem Vollholz. Das ist der sogenannte falsche Link.

    STANDARD: Sie absolvierten, wie schon Ihr Vater, eine Schreinerausbildung und zählen heute zu den gefragtesten Designern. Was glauben Sie, welchen Einfluss hat diese Ausbildung auf die Entwurfsarbeit im Vergleich zu einem klassischen Designstudium?

    Diez: Die Schreinerausbildung war eine Tradition in unserer Familie. Ich hab schon mit zehn Jahren viel herumgewerkt. An meinem Körper findet man ganz schön viele Spuren in Form von Narben. Ich war der Heroe unter meiner Spezies. Ich hab die Waffen fürs Spielen und lauter so Schmarren bauen können. Um auf den Punkt zu kommen: Ich habe gelernt, mich mit meinen Händen auszudrücken, egal um welches Material es sich handelt. Und das fließt natürlich in meine Arbeit ein. Und gibt Vertrauen.

    STANDARD: In Ihrer Monografie "Full House", die anlässlich Ihrer großen Ausstellung in Köln erschienen ist, steht zu lesen, dass Sie als Bub mit Ihrem Vater in Italien einen Felsen mit einer Sprengladung hochgehen ließen. Die Lust am Experimentieren scheint Ihnen auch in die Wiege gelegt worden zu sein.

    Diez: Also ich bin kein Bombenleger, ich komme aus einer totalen Pazifistenfamilie. Das möcht ich schon gesagt haben. Aber so eine Bombe ist ein verrücktes Ding. Man schiebt sie unter einen Stein rein, und danach ist der Pulver. Faszinierender Effekt.

    STANDARD: In Ihrem Atelier mit dem kleinen Bach dahinter sieht es ein wenig aus wie in einer Bastelstube für große Buben. Ist es von Nutzen, sich als Designer auch etwas Kindliches zu erhalten?

    Diez: Ich hoffe, dass es so ist. Ich bin ein Riesenkindskopf und hab überhaupt kein Problem damit.

    STANDARD: Tragen Sie darum auch so gern eine Schildmütze?

    Diez: Das hat mehr damit zu tun, dass man sich nicht überlegen muss, wie die Haare aussehen.

    STANDARD: Bleiben wir beim Handwerk. Handwerk gilt heute als schick und hip, genau wie die DIY-Bewegung. Wie authentisch ist dieser Hype, um einen Begriff zu gebrauchen, der heute gerade im Zusammenhang mit Handwerk strapaziert wird. Geht es wirklich um diesen Gegenpol zur digitalisierten Welt?

    Diez: Nicht nur. Menschen haben auch schon in den 1970er- und 1980er-Jahren bei meinem Vater eine Schreinerlehre gemacht, obwohl sie eine gute Schulausbildung hatten. Es ist einfach eine unglaublich schöne und unmittelbare Befriedigung mit seinen Händen etwas zu schaffen, egal ob man sich eine Brezel macht oder einen Schrank.

    STANDARD: Schön und gut, aber warum ist es jetzt so besonders in?

    Diez: Wahrscheinlich ist es wirklich eine Reaktion auf das Umfeld, das immer weniger greifbar wird. Die Werkzeuge verschwinden im Computer. Man sucht neue Werte in den alten.

    STANDARD: Wie hat sich das auf die Arbeit des Designers ausgewirkt?

    Diez: Sehr. Wenn man sich ansieht, was die Jungen heute antreibt und was sie machen möchten, dann handelt es sich oft um einfache Dinge für den Alltag. Die wenigsten wollen heute noch eine Waschmaschine gestalten oder Software, also eigentlich Dinge, die viel relevanter für unser Leben wären. Viele würden lieber einen Kleiderständer entwerfen.

    foto: daniel delang
    Daniel Delang hat den Möbeldesigner Stefan Diez in seinem Atelier im Münchener Glockenbachviertel fotografiert.

    STANDARD: Apropos jung: Die deutschen Designer Dieter Rams, Ingo Maurer und Luigi Colani sind ein Stück weit über 80. Was ist der Unterschied zwischen ihren seinerzeitigen Herangehensweisen und heute?

    Diez: Das ist eine komplexe Sache. Allein durch die Möglichkeiten der Kommunikation und der Digitalisierung unserer Welt hat sich unglaublich viel verändert. Wir müssen heute den Auftraggebern fixfertige Datensätze zu einem Produkt liefern. Früher reichte, um es salopp zu formulieren, eine Skizze auf einer Serviette, die ein Produzent dann umsetzen ließ. Das wäre heute nicht mehr möglich. Wir beschäftigen uns intensiv damit, einen Prozess zu entwerfen, wie etwas hergestellt werden kann.

    STANDARD: Gibt's denn noch Skizzen?

    Diez: Die Skizze war früher eine Möglichkeit, eine Information oder eine Idee von einem Kopf in den anderen hineinzubekommen. Da geht es um Interpretationsspielraum. Eine Skizze ist keine technische Zeichnung. Man gibt sie einer Person seines Vertrauens, die etwas zum Gelingen des Projekts beiträgt, zum Beispiel ein Modell. Wir bauen unsere Modelle heute selbst, wir liefern 3D-Datensätze, in denen eine Fläche auf einen hundertstel Millimeter genau beschrieben ist. Vielleicht ist auch deshalb Design heute manchmal etwas arm in mancherlei Hinsicht.

    STANDARD: Was meinen Sie mit arm?

    Diez: Dass Design heute oft im eigenen Saft kocht und zu wenig Bereicherung von außen erfährt.

    STANDARD: Die vielleicht größte deutsche Designlegende, Dieter Rams, nannte Sie einen würdigen Nachfolger seiner Denkweise. Ein größeres Lob kann man als Designer kaum bekommen.

    Diez: Oh ja, damit hat mir Rams wirklich einen großen Gefallen getan.

    STANDARD: Ihre Entwürfe sind nicht verspielt, wirken oft reduziert, haben aber doch auch ein poetisches Moment. Sie verglichen Ihre Arbeitsweise einmal mit der eines Akrobaten.

    Diez: Die Idee ist, etwas, das unglaublich kompliziert und schwierig ist, mit Leichtigkeit herüberzubringen. Das ist für mich ein Qualitätsmerkmal von gutem Design. Es soll scheinbar mühelos sein.

    STANDARD: Wenn wir schon bei Metaphern sind: Sie haben Ihren Job auch einmal als Aufräumarbeit bezeichnet. Was räumen Sie denn auf?

    Diez: Es geht darum, unnötigen Ballast wegzunehmen. Das gehört zu unserer Arbeit.

    STANDARD: Wann weiß ein Designer, wenn es genug, zu viel oder zu wenig Ballast ist? Wie kommt man an diesen Punkt?

    Diez: Das hat viel mit Gespür zu tun. Das lässt sich nicht mathematisch definieren.

    STANDARD: Sie sagten einmal, gutes Design müsse nicht teuer sein. Was ist denn teuer?

    Diez: Gut, das ist ein bisschen ein lapidarer Spruch. Der könnte auch von Aldi sein. Es geht um die Idealvorstellung von demokratischem Design, vom Wunsch, dass die Produkte, die man herausbringt, für ganz normale Menschen erschwinglich sein sollen. Da schwingt auch noch das Bauhaus mit. Wenn man als Designer Produkte entwirft, die man sich selbst nicht leisten kann, wird's schwierig. Leider passiert das mittlerweile häufig.

    STANDARD: Weil wir gerade in München zusammensitzen: Ich hatte einmal die Gelegenheit, mit dem bayerischen Kabarettisten Gerhard Polt über Design zu sprechen. Er meinte, Design sei schon so ein komisches Wort. Was sagen Sie als Bayer und Designer?

    Diez: Ja, der Begriff ist total ausgelutscht.

    STANDARD: Würden Sie ihn gern ändern?

    Diez: Nein, des passt schon so! (Michael Hausenblas, RONDO, 4.8.2017)

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    Stefan Diez (Jg. 1971) stammt aus Freising bei München. Er absolvierte eine Schreinerlehre, studierte Industriedesign, assistierte bei Richard Sapper und Konstantin Grcic. In seinem Studio im Münchner Glockenbachviertel beschäftigt er fünf Gestalter. Zu seinen Kunden zählen unter anderem e15, Thonet, Hay, Wilkhahn und Moroso. Gemeinsam mit der bekannten Schmuckdesignerin Saskia Diez hat er drei Kinder.

    www.diezoffice.com

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