Prozess um einen Raub, der keiner war

    3. August 2017, 13:00
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    Zwei Drogenabhängige wurden wegen eines Überfalls angezeigt. Das Opfer hat der Polizei aber Wesentliches verschwiegen

    Wien – Sozial kann man nicht viel weiter unten ankommen als Rudolf Schöffnagel und Roman David (Namen geändert, Anm.), die vor dem Schöffensenat unter Vorsitz von Norbert Gerstberger sind. Vor ihrer Festnahme waren beide obdachlos, mehrfach vorbestraft, drogenabhängig, sie bekamen keinerlei finanzielle Unterstützung mehr. Nun drohen dem 21-Jährigen und dem 27-Jährigen bis zu 15 Jahre Haft wegen versuchten schweren Raubes.

    In den frühen Morgenstunden des 24. März zeigte Marco R. bei der Polizei an, Opfer einer Straftat geworden zu sein. Unbekannte hätten ihn in Wien-Mariahilf auf der Straße gefragt, ob er ein Handy habe. Er verneinte, daraufhin hätten ihn die beiden Angeklagten verprügelt, erzählte er.

    Betteln für Kokain

    Blödsinn, sagt nun Schöffnagel. "Wir haben ein paar Stunden geschnorrt, bis wir das Geld für Kokain zusammenhatten", erzählt der durchaus reflektiert wirkende Angeklagte. Gemeinsam mit drei anderen wollte das Duo das Rauschmittel in einem Lokal in der Wallgasse erwerben. Besorgen sollte es Marco R., ihm gaben die beiden ihre 40 Euro.

    "Ich kannte ihn aus der Szene", sagt Schöffnagel. "Warum sind Sie nicht alle selbst gegangen?", fragt Gerstberger. Er erhält eine überraschende Antwort: "Wer dort was kaufen will, muss mindestens ein Getränk konsumieren", behauptet der Angeklagte. Bei der Wiener Polizei erklärt man auf Anfrage des STANDARD, von solch einer Praxis noch nie gehört zu haben.

    R. ging jedenfalls und kam zurück. Ohne Drogen und ohne Geld. "Wir haben ihm gesagt, er soll uns unser Geld wiedergeben, da wollte er wegrennen. Da haben wir ihn umgerissen." Schöffnagel prügelte auf den Liegenden ein, David fand eine herumliegende Gartenharke und schlug R. mit dem Stiel, ehe das Opfer leicht verletzt flüchten konnte.

    Verschlafener Zeuge

    Als Gerstberger den Namen des Zeugen aufruft, stellt sich heraus, dass dieser noch nicht hier ist. Der Vorsitzende greift zum Telefon und ruft ihn um 10.15 Uhr an. "Der Zeuge wurde durch den Telefonanruf des Gerichtes geweckt und sagte mit verschlafener Stimme, er komme in 20 Minuten", diktiert Gerstberger der Schriftführerin den Gesprächsinhalt.

    Das Versprechen erfüllt er nicht, er erscheint um 11 Uhr. Und gibt den Angeklagten recht. Warum er bei der Polizei anderes erzählt hat? "Ich wollte die Drogengeschichte heraushalten." Denn: "Wir waren alle geil aufs Gift." Wie auch die Staatsanwältin eingestehen muss, löst sich damit der Raubvorwurf in Luft auf.

    Schöffnagel erhält also sechs Monate unbedingt für Körperverletzung und Nötigung, acht Monate einer offenen Vorstrafe kommen dazu. David, der auch Diebstähle aus unversperrten Autos gesteht, muss 18 Monate ins Gefängnis, zehn weitere offene aus einer bedingten Entlassung muss er ebenso verbüßen. (Michael Möseneder, 3.8.2017)

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