Salzburger Festspiele: Idyll und Wahn – und Ironie

1. August 2017, 15:02
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Liederabend mit Christian Gerhaher und Gerold Huber im Haus für Mozart in Salzburg

Salzburg – Betrogene Hoffnung, sterbende Geliebte, von Gespenstern bewohnte Burgen, an der Grenze zum Wahn torkelnde Erinnerungen: Das sind einige der zentralen Motive in den Liedern und Gesängen op. 96, 127 oder 142, in den Sechs Gedichten und Requiem op. 90 oder im berühmten Liederkreis op. 24 von Robert Schumann.

Christian Gerhaher weiß die Topoi der Romantik (der lieblichsten wie der schwärzesten) so zu vermitteln, dass eindrückliche Psychogramme echter Menschen entstehen. Mit größtem Understatement nimmt der Bariton eine scheinbar distanzierte Erzählhaltung ein. Er berichtet, freilich mit Empathie, von den Leiden anderer – und trifft seine Hörer ins Mark.

Verstanden und verständlich

Der versierte Techniker geht in der Lautstärke nur selten über das Mezzoforte hinaus, bewegt sich dagegen oft im Pianobereich. Mit Textverständnis und immer wieder staunen machender Textverständlichkeit erschließt er seinem Publikum auch weniger genial geschmiedete Verse. Dazu gelingt es Christian Gerhaher, jede von Schumann komponierte Ironie tatsächlich hörbar zu machen.

Genau wie sein Klavierpartner Gerold Huber, der ironische Brechungen – wie etwa im Heinrich-Heine-Lied Warte, warte wilder Schiffmann – im schillernden Nachspiel frech aufblitzen lässt, nachdem er zuvor ganz gewaltige Wogen aus den Tasten geschlagen hatte. Wenn der Sänger des Liederkreises in diesem Lied gleich von zwei Jungfrauen Abschied nimmt ("von Europa und von ihr"), hat die Ironie schon kabarettistische Qualität.

Politische Schärfe

Oder gar die Schärfe eines aktuellen politischen Kommentars, wenn es im Lied Ihre Stimme auf ein Gedicht von August von Platen heißt: "So viele Worte dringen ans Ohr uns ohne Plan, und während sie verklingen, ist alles abgetan." Fake-News und Geschwafel sind keine Errungenschaften des 21. Jahrhunderts.

"Hört ihr den Frevel das Recht zum Kampfe fordern", heißt es im energiegeladenen Lied Gesungen auf einen Text von Wilfried von der Neun. Das Recht zum Kampfe? Vielleicht gegen Bettler, Flüchtlinge oder sonstige "Schmarotzer"?

Billige Propaganda war auch dem 19. Jahrhundert und seinen Zensuropfern nicht fremd. Ein verfolgter und flüchtiger Heinrich Heine wusste davon – wie etwa in der Ballade Die beiden Grenadiere – manch garstig ironisch Lied zu singen. (Heidemarie Klabacher, 1.8.2017)

  • Bariton Christian Gerhaher vermittelt Psychogramme.
    foto: ap / lionel cironneau

    Bariton Christian Gerhaher vermittelt Psychogramme.

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