Eingeschnürter Liebreiz: In Trachten gehen

    Kolumne24. August 2017, 08:00
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    Wenn es nach den Trachtenherstellern geht, ist ein Herbst ohne Dirndl ein verlorener Herbst

    Im Sommer nehmen die Trachtenunternehmen Fahrt auf. Denn dann ist die Dirndlsaison in greifbarer Nähe. Ein Herbst ohne Dirndl, wollen die einschlägigen Hersteller glauben machen, ist ein verlorener Herbst. Welche Frau will schon auf jene herzige Kombination aus Ausschnitt, Bluse, Kleid und Schürze verzichten, wenn sogar smarte US-amerikanische Models wie Sara Foster, nebenbei Lebensgefährtin des Ex-Tennisspielers Tommy Haas, schwach werden: Für das österreichische Unternehmen Sportalm posierte die Amerikanerin vor Bergkulisse in einem Trachtenkleid. An ihrer Seite: Der Tennisheld in Lederhose. Wenn man es nicht besser wüsste, hätte dieses Foto auch vor fünf Jahrzehnten geschossen worden sein.

    foto: sportalm
    Sara Foster im Dirndl von Sportalm. Neben ihr: Lebensgefährte Tommy Haas.

    Das Geschäft mit dem eingeschnürten Liebreiz ist aber eben auch 2017 wieder lukrativ. Anders lässt sich nicht erklären, dass Designerinnen, die der Tracht unverdächtig sind, nun Dirndln machen. Marina Hoermanseder zum Beispiel, die sich zuletzt für die österreichische Post cool und lässig gab, hat sich für das Münchner Trachtenunternehmen Angermaier ordentlich ins Zeug gelegt – und pastellfarbene Kleider und blumenverzierte Lederhosen entworfen. Ihre Models posieren in High Heels und tragen die Haare hübsch geflochten. Es wäre nicht verwunderlich, wenn demnächst Modebloggerinnen in diesem Aufzug auf dem Oktoberfest Bierkrüge stemmten und Selfies machten.

    foto: angermaier trachten
    Marina Hoermanseder hat mit Angermaier Trachten eine Kollektion herausgebracht – und eines der Modelle mit Schnallen bedruckt.

    Vielleicht greifen sie aber auch zur abgespeckten Variante. Alleskönner Tchibo hat neben Dirndln für den Herbst ein rosafarbenes T-Shirt herausgebracht. Das ziert ein großes Herz mit dem Schriftzug "Wiesn Spatzl" – in bayerischen Bierzelten wollen Frauen offensichtlich nicht mehr diskutieren, sondern gefallen.

    Doch was, wenn das T-Shirt ganz anders gemeint war als es sich im ersten Moment liest? Was, wenn das "Wiesn Spatzl" in Wahrheit keine platt blöde, sexistische Designfantasie ist, sondern sich als ironisches Kommentar zu all‘ den feministischen Sprüche-Shirts, die in den letzten Monaten die Laufstege bevölkerten, verstanden wissen will?

    foto: tchibo
    Bei Tchibo gibt's ein "Wiesn Spatzl"-T-Shirt

    Dann, ja dann ließe sich darüber nachdenken, das rosa Shirt tatsächlich anzuziehen. Und statt mit einem eingeschnürten Trachtenkleid mit einer Lederhose zu kombinieren. Mal schauen, ob das Bierzelt Ironie versteht. (feld, 24.8.2017)

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