Al-Kaida in Syrien: "Gefahr, über die niemand spricht"

    Interview2. August 2017, 11:00
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    Die von Osama bin Laden gegründete Gruppe wird aktuell unterschätzt, meint die Analystin Katherine Zimmerman

    Es wirkt wie der Anfang vom Ende: Die nordirakische Metropole Mossul wurde erst unlängst aus den Fängen des "Islamischen Staates" befreit, die Anti-IS-Koalition konzentriert sich nun auf die Eroberung der syrischen Stadt Raqqa, die als Hauptstadt der Extremisten gilt. Für Katherine Zimmerman vom American Enterprise Institute geht allerdings von einer fast vergessenen Gruppe ebenfalls eine große Gefahr aus: Al-Kaida und ihr lokaler Ableger in Syrien würden unterschätzt, sagt die Analystin im STANDARD-Interview. Al-Kaida habe bewusst die Entscheidung getroffen, mit Anschlägen im Westen noch zu warten, um nicht die Aufmerksamkeit der politischen Entscheidungsträger auf sich zu ziehen.

    STANDARD: Im Westen ist man derzeit auf den Kampf gegen den IS in Syrien und dem Irak fokussiert, Al-Kaida scheint in Vergessenheit geraten zu sein. Sie haben allerdings bereits 2016 in einem Artikel behauptet, dass sich Al-Kaida und der IS in einem Kampf um die Führung der globalen salafistischen Bewegung befinden und der IS auf lange Sicht verlieren wird. Warum?

    Katherine Zimmerman: Ich glaube, der IS wird einerseits wegen der westlichen Antiterroroperationen verlieren, andererseits aufgrund der Art und Weise, wie er vor Ort handelt und durch Zwangsmaßnahmen die lokale Bevölkerung gegen sich aufbringt: Der IS nimmt Gebiete ein und zwingt die Menschen dann, eine vorgegebene Lebensweise anzunehmen. Er geht wie ein Staat vor, allerdings ohne die wirklichen Kapazitäten eines Staates zu haben. Bestrafung erfolgt sofort und brutal. Die lokale Bevölkerung lehnt das ab.

    Al-Kaida-Mitglieder hingegen versuchen die lokale Bevölkerung zu vereinnahmen: Sie bieten Waffen, Essen oder Nahrungsmittel an oder schlagen vor, das Abwassersystem zu reparieren. Und während sie das machen, predigen sie über den Islam beziehungsweise ihre Vorstellung des Islam. So verändert Al-Kaida auf lange Sicht die Vorstellung der lokalen Bevölkerung über die eigene Religion. Al-Kaida macht das heute auf einer lokalen Ebene, lagert viele Aktivitäten an Stellvertretergruppen aus, und so wirkt es, als sei Al-Kaida Teil der Bevölkerung. Bei US-Militärschlägen gegen Al-Kaida sagen Menschen dann: Das war kein Al-Kaida-Mitglied, das ihr getötet habt, sondern unser Stammesführer.

    STANDARD: Einer der Al-Kaida-Ableger, der dieses System perfektioniert hat, ist Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP), die vor allem im Jemen aktiv ist. Die westliche Strategie, die dort seit Jahren angewandt wird – mit Drohnen führende Al-Kaida-Kader zu töten –, scheint nicht zu funktionieren. Die Gruppe ist lebendiger denn je.

    Zimmerman: Töten ist nicht die Lösung. Es gibt keine Möglichkeit, sich den Weg zum Sieg freizubomben. Die Herausforderung ist es, viel mehr Voraussetzungen zu schaffen, um die Missstände vor Ort zu beseitigen. Diese Missstände haben es Al-Kaida oft erst ermöglicht, sich in die lokale Bevölkerung einzubringen.

    Die andere Herausforderung ist, dass Al-Kaida sich praktisch in lokale Stämme eingeheiratet hat, aber es gibt Möglichkeiten, das abzuschwächen. Es gibt Beispiele, bei denen – mit der richtigen Balance zwischen Diplomatie und Zwang – Stämme in eine Position gebracht werden, selbstständig richtige Entscheidungen über einzelne Personen zu treffen. Viele Stämme werden dann solche Personen, die mit Al-Kaida verbunden sind, ablehnen, weil erstens ihre Ideologie fremd ist und zweitens diese Personen Gefahr in das Dorf, die Stadt oder die Region bringen. Die Idee ist, in einigen Bereichen militärischen Druck anzuwenden, aber gleichzeitig die Beschwerden und Missstände anzusprechen. So wird das Angebot, das Al-Kaida auf den Tisch legt, für die lokale Bevölkerung nicht mehr attraktiv sein.

    STANDARD: Eine entscheidende Rolle bei dieser Strategie von Al-Kaida spielen die lokalen Ableger. Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel ist der prominenteste davon. Für lange Zeit galt die Gruppe im Jemen auch als gefährlichster Ableger.

    Zimmerman: Ich glaube, dass AQAP inzwischen nicht mehr der gefährlichste Ableger ist. Er galt lange als so gefährlich, weil Al-Kaida seine externen Operationen von hier aus gesteuert hat. Ibrahim al-Asiri, der Bombenbastler, der sich die Unterhosenbomben und die Laptopbomben ausgedacht hat, ist Teil der AQAP. Er versucht weiterhin unsere Sicherheitsprotokolle im Westen zu umgehen, und Al-Kaida versucht diese Fähigkeiten weiter auszubauen. Aber man hat sich entschieden, diese Fähigkeiten vorerst nicht zu nutzen. Ihnen ist sehr klar, dass ein Anschlag – wie groß er auch immer ist – sofort die Aufmerksamkeit politischer Entscheidungsträger auf sich ziehen würde und man dann härter gegen Al-Kaida vorgehen müsste. Al-Kaida hat sich deswegen bewusst entschlossen, noch nicht zuzuschlagen.

    Die Gefahr, über die allerdings niemand spricht, ist der Al-Kaida-Ableger in Syrien. Diese Gruppe ist heute viel gefährlicher, weil sie Zugang zu einem Pool an ausländischen Kämpfern hat, die sich in Syrien aufhalten. Nicht alle dieser ausländischer Kämpfer haben sich dem IS angeschlossen. Trotzdem spricht kaum jemand über die Möglichkeit, dass sich Al-Kaida in Syrien etabliert und dann Syrien benutzt, um Europa anzugreifen.

    STANDARD: Also baut Al-Kaida gerade Strukturen und Ressourcen auf, um auf den passenden Tag dafür zu warten, den Platz des IS einzunehmen und eines Tages Ziele in Europa anzugreifen?

    Zimmerman: Ja, und ich würde sagen, dass die Taten des IS die Al-Kaida sogar stärken. Auf der Ebene der politischen Entscheidungsträger glauben viele, dass sich Al-Kaida und der IS gegenseitig beschädigen, weil sie um die Führung im globalen Jihad kämpfen.

    Ich glaube hingegen, dass der IS viele Ziele von Al-Kaida erreicht – allerdings mit Mitteln, die Al-Kaida nie einsetzen würde. Aber sobald die Ziele erreicht sind, kann Al-Kaida dort weitermachen, wo der IS aufgehört hat. Wenn wir den IS loswerden, haben wir noch immer das Problem der breiteren salafistisch-jihadistischen Bewegungen. Es ist ja nicht so, dass die Personen, die im Westen derzeit mobilisieren und radikalisieren, mit einem Schlag aufhören, nur weil der IS besiegt ist.

    Ich denke, Al-Kaida bildet gerade ein riesiges Netz, um alle Energie, die der IS ins System (der globalen salafistisch-jihadistischen Bewegung, Anm.) gepumpt hat, aufzufangen und unter ihrer Führung zu nutzen.

    STANDARD: Die Gefahr, die von Al-Kaida ausgeht, wird also unterschätzt?

    Zimmerman: Ja. Wenn man mit Analytikern spricht, die sich mit dem Problem beschäftigen, sind ihnen die Stärken und Schwächen von Al-Kaida ziemlich genau bewusst. Das wahre Problem ist aber, dass wir unseren Ressourcen gegen jene Bedrohung, die am unmittelbarsten ist, Priorität einräumen müssen. Diese unmittelbare Bedrohung ist derzeit der IS. Also setzen wir die bestehenden Ressourcen im Kampf gegen den IS statt gegen Al-Kaida ein.

    Das Risiko, das ich sehe, ist, dass wir eines Tages den IS zurückgedrängt haben werden und Al-Kaida wieder die Führungsrolle in der globalen salafistisch-jihadisitischen Bewegung übernehmen wird – diesmal allerdings aus einer Position der Stärke, weil sich Al-Kaida über Jahre hinweg mit der lokalen Bevölkerung vermischt hat und es dadurch sehr viel schwieriger für uns sein wird, zwischen Al-Kaida und der Zivilbevölkerung zu unterscheiden.

    STANDARD: Wie funktioniert die Beziehung zwischen der Führungsebene um Al-Kaida-Chef Ayman az-Zawahiri und den lokalen Ablegern eigentlich?

    Zimmerman: Ich glaube, Zawahiri gibt noch immer zentrale Richtlinien vor, aber es sind keine direkten Anweisungen. Das spielt sich auf einer viel strategischeren Ebene ab, in etwa wie das Franchisemodell von McDonald's, bei dem Richtlinien ausgegeben werden, wie die Mitarbeiter die Kunden behandeln sollen. Zawahiri hat einen Leitfaden herausgegeben, dass die Al-Kaida-Ableger keine Handlungen setzen sollen, die sie von den Massen isolieren – das Töten von Zivilisten ist einer der Hauptkonfliktpunkte zwischen Al-Kaida und den lokalen Gruppen.

    Es gibt aber noch immer die alten Strukturen, einen Shura-Rat, der Al-Kaida berät. Das Interessante ist, dass wir aufhören sollten, die Al-Kaida-Führung als zentralisiert anzusehen. Ich glaube, die Führungsebene ist dezentral zerstreut, was klarerweise einige Schwierigkeiten mit sich bringt, wenn es um Koordination oder Treffen geht. Die Führungsebene gibt aber noch immer einen Leitfaden an die unteren Ebenen aus.

    STANDARD: Wie finanziert Al-Kaida das alles?

    Zimmerman: Ich glaube, eine der interessantesten Veränderungen der vergangenen Jahre war, dass nun die Ableger (Al-Kaida auf der Arabischen Halbsinsel, Al-Kaida im Islamischen Maghreb, Al-Shabaab, Anm.) mehr Geld lukrieren als der Kern rund um Zawahiri. Sie bekommen zwar weiterhin Geld von privaten Spendern, aber den Großteil lukrieren sie inzwischen mit ihrer Fähigkeit, lokales Terrain zu kontrollieren, Menschen und Geschäfte zu besteuern. Darüber hinaus verdient jeder Ableger Geld durch Entführungen und das Erpressen von Lösegeld.

    Die Finanzsanktionen zielen nur auf die Spender ab, nicht auf die Einkünfte aus den anderen Bereichen. Es ist Al-Kaida also möglich, Einnahmen zu generieren, auch wenn sie komplett isoliert sind. In Syrien profitierte Al-Kaida außerdem von Ressourcen, die eigentlich in andere Gruppen der bewaffneten syrischen Opposition gepumpt wurden. Die Türkei ist zum Beispiel ein wichtiger Unterstützer von Ahrar al-Sham, einer jihadistischen Gruppe in Syrien. Ahrar al-Sham und Al-Kaida arbeiteten allerdings zusammen, und ich glaube nicht, dass alle Ressourcen bei den Gruppen geblieben sind, für die sie bestimmt waren. (Stefan Binder, 2.8.2017)

    Katherine Zimmerman studierte an der Universität Yale und forscht derzeit am American Enterprise Institute bezüglich Al-Kaida und der Art und Weise, wie die Organisation weltweit operiert.
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      "Töten ist nicht die Lösung", meint Katherine Zimmerman in Bezug auf die Drohnenangriffe im Jemen gegen den lokalen Al-Kaida-Ableger.

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