Politik als Frage des Body-Mass-Index

Userkommentar31. Juli 2017, 12:10
60 Postings

Äußere Erscheinung als Kompensation mangelnder persönlicher Substanz? Über Schein und Sein und das Phänomen der Projektion in der Politik

Wie hat der renommierte Psychologe und Kommunikationswissenschafter Paul Watzlawick es einmal so schön formuliert? "Man kann nicht nicht kommunizieren!" Im weiteren Sinne kann man darunter nicht nur das gesprochene Wort und die begleitende Mimik und Gestik verstehen, auch Facetten wie Kleidung und Leiblichkeit sind eine Form, mit seiner Umwelt zu kommunizieren. Ein in den vergangenen Tagen veröffentlichtes STANDARD-Interview, das Straches leiblichen Verfall und dessen Auswirkung auf die Politik thematisiert, ließ einen auf dieses Thema aufmerksam werden.

Äußere Hülle und innere Werte

Politik ist einer Showbühne nicht unähnlich, das wird selten bestritten. Dass ein gewisses sympathisches Auftreten und gepflegte Umgangsformen einen Vorteil beim Stimmenfang darstellen, ebenso wenig. Aber dass man neuestens ein potenzieller "Germany's Next Topmodel"-Kandidat mit Coverboy-Qualitäten sein muss, um Bundeskanzler zu werden, ist eine durchaus interessante Hypothese. Dass sich daraus früher oder später die allseits bekannten Hollywood-Probleme ergeben, ist das eine. Dass die Wähler dann doch, aufgrund schwindender äußerlicher Attraktivität, dazu verleitet werden, sich den Kandidaten genauer anzusehen, eine andere.

Verfällt die äußere Hülle, so zählen die inneren Werte umso mehr. Nur, was tun, wenn da nicht viel ist? Kann man in der Jugend das Gegenüber noch mit einem ansprechenden Äußeren und ungebremster Energie bezirzen, so nagt der Zahn der Zeit unablässig an unserem Erscheinungsbild, und die besagte Wirkung ist dahin. Das genannte Phänomen macht vor niemandem halt.

Wenn der Mensch zur Projektionsfläche wird

Ähnlich wie bei der Typenlehre des deutschen Psychiaters Ernst Kretschmer in seinem Werk "Körperbau und Charakter" im Bereich der Konstitutionspsychologie, bei der versucht wurde, von der äußeren Erscheinung oder Konstitution eines Menschen auf psychische Eigenschaften oder Charakterzügen zu schließen, wird von manchen Sozialforschern ein scheinbarer Zusammenhang zwischen dem Erscheinungsbild und dem prognostizierten Ergebnis bei Wahlen hergestellt.

Die angenommene oder in manchen Fällen auch real stattfindende Attribution von Persönlichkeitseigenschaften, basierend auf Äußerlichkeiten, auf eine Person oder einen Politiker ist nicht sonderlich fundiert. Zudem ist der Großteil der Wähler bei weitem nicht so oberflächlich, wie man dies vermuten würde. Ganz abgesehen von dem damit verbundenen Weltbild, das bei derartigen Theorien latent mitschwingt. Leider gibt es aber durchaus ein spezielles Setting beziehungsweise eine Experimentalbedingung, unter welcher die beschriebene Korrelation stärker ausfällt. Nämlich dann, wenn die Kontrahenten nur mehr aufgrund ihrer Leiblichkeit unterscheidbar sind und nicht durch besondere Fähigkeiten und menschliche Eigenschaften punkten können. Dann wird der Politiker zwangsläufig zur reinen und willkürlichen Projektionsfläche.

Body-Mass-Index als bestimmender Faktor

Bestimmt nun nur mehr der Body-Mass-Index die aktuelle Politik und die subjektive Wahrnehmung von Politikern? Ohne Zweifel ist ein attraktives Äußeres aus biologischer Perspektive oft ein Indikator für Gesundheit, Vitalität und Fruchtbarkeit. Das Ganze ist aber durchaus mehr als die Summe der Einzelteile. Es zählt auch Intelligenz und Persönlichkeit im Rennen um die Gunst der Bürger.

Die Voraussetzung ist aber, dass man über die genannten Persönlichkeitsmerkmale in einem bestimmten Ausmaß verfügt. Ansonsten verkommt die Politik wirklich zum Laufsteg der Eitelkeiten und unbegründeten Projektionen. Jedes Stück weichender Jugend sollte durch einen Teil an Weisheit und Persönlichkeit ersetzt werden. So werden Defizite auf der einen Seite zu Stärken auf der anderen, und der Mensch reift wie ein guter Wein. Doch ist es beim aktuellen Slim-Fit-Kult fragwürdig, ob diese Bezeichnung wirklich nur für ein Körpermaß dient, oder ob dies auch Aussagekraft auf mentaler Ebene besitzt. (Daniel Witzeling, 31.7.2017)

  • "Das Aussehen muss zu dem Image passen, das man in die Bevölkerung ausstrahlen will", sagt Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier im STANDARD-Interview.
    foto: apa/robert jaeger

    "Das Aussehen muss zu dem Image passen, das man in die Bevölkerung ausstrahlen will", sagt Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier im STANDARD-Interview.

    Share if you care.