"Sound of Music": Prügel im Familienidyll

    Bericht30. Juli 2017, 10:00
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    Die Gewalt gegen Kinder, die im Hause Trapp herrschte, wurde kaum je thematisiert. Eher zufällig kam dieses dunkle Kapitel nun aufs Tapet

    Die Tourismusmaschine Salzburg brummt wie nie zuvor. Hier, topografisch begnadet an der Schnittstelle zwischen Hochgebirge und Seenlandschaft, kann man richtig in die Vollen greifen: Berge, Seen, dazu Mozart, Festspiele und eine nördlich der Alpen unvergleichliche Barockarchitektur.

    Die Zahlen sprechen eine mehr als deutliche Sprache: In der Stadt mit rund 150.000 Einwohnern gibt es 12.250 Gästebetten. 2016 meldeten die Statistiker der Stadt Salzburg mit 1,62 Millionen Ankünften und sagenhaften 2,82 Millionen Übernachtungen einen neuen Rekord. Die Steigerungsraten liegen bei mehr als vier Prozent, und ein Ende des Booms ist nicht in Sicht.

    Tourismusmotor "Sound of Music"

    Was außerhalb Salzburgs weniger bekannt ist: Neben Mozart, Festspielen, Adventsingen, Christkindlmarkt ist bis heute vor allem ein mit fünf Oscars prämierter Hollywoodfilm aus dem Jahr 1965 ein wichtiger Motor des Erfolgs: Geschätzt 300.000 Ankünfte pro Jahr mit bis zu 700.000 Nächtigungen werden "Sound of Music" zugerechnet. Für diese Besucher "ist Mozart nur Beiwerk", sagen Salzburger Touristiker. Mehrheitlich Gäste aus den USA und Japan begeistern sich für die Originalschauplätze.

    Die Fremdenverkehrsleute an der Salzach wissen um diesen Schatz. So wird keine Gelegenheit ausgelassen, um die Familie Trapp und "Sound of Music" wieder und wieder ins Bewusstsein zu bringen; sei es mit noch so weit hergeholten Aktionen.

    Aktuelles Beispiel, wie man eine neue "Attraktion" schafft, ist die Gedenktafel für die im Vorjahr 74-jährig in den USA verstorbene Schauspielerin und Innenarchitektin Charmian Carr. Sie spielte im Film im Alter von 23 Jahren Liesel von Trapp, die älteste Tochter des Barons Georg Ludwig von Trapp.

    Die Tafel hat jedenfalls das Zeug zur Pilgerstätte. Schon bald nach dem Tod von Charmian Carr stellten Fans ein kleines Bild zum "Sound of Music"-Pavillon in Hellbrunn, täglich tauchten frische Blumen auf. In diesem Pavillon wurde die Tanzszene "Sixteen Going On Seventeen" gedreht.

    Sehnsüchte nach heiler Welt

    Geht es um die Vermarktung, sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Bustouren zu den Drehorten des Films und Devotionalien unterschiedlichster Art sind eine Selbstverständlichkeit. Das Landestheater hat sich des Musicals ebenso angenommen wie das Marionettentheater. Es gibt sogar ein eigenes Trapp-Kochbuch nach Originalrezepten der bei den Trapps als Hausbedienstete arbeitenden Köchin Johanna Raudaschl.

    Der bis heute andauernde Hype um "Sound of Music" (auf Deutsch "Meine Lieder – meine Träume") mit Julie Andrews in der Hauptrolle basiert auf einem einfachen Prinzip: Sehnsüchte nach heiler Welt, heiler Großfamilie werden mit musikalisch eingängigen Melodien verwoben, und fertig ist der Welterfolg, der von mehr als einer Milliarde Menschen gesehen wurde.

    Der Plot geht auf die Autobiografie der Maria von Trapp und das daraus entstandene gleichnamige Musical aus dem Jahr 1959 zurück. Erzählt wird in stark verkitschter und verzerrter Form die Geschichte der Familie Trapp: Die Novizin verliebt sich in den verwitweten Baron, der aus erster Ehe sieben Kinder hat. Im glücklichen Familienverband wird musiziert, nach der Heirat kommen insgesamt drei weitere Kinder hinzu. Dann kommen die Nazis, die Familie flüchtet über die Berge und findet eine neue Heimat. Über allem schweben Musik und die singende Kinderschar.

    "Schwarze Pädagogik"

    Dass sich der Film an die Wahrheit nur anlehnt, ahnen vermutlich viele Seher. Wie brutal die Wirklichkeit war, überrascht aber dann doch. Dabei wären viele Details darüber, was sich hinter den Mauern der Villa Trapp im Salzburger Stadtteil Aigen und später in der zweiten Heimat im US-Bundesstaat Vermont tatsächlich abgespielt hat, durchaus in der Autobiografie von Maria von Trapp nachzulesen. Sie bleiben freilich in der öffentlichen Wahrnehmung ausgeblendet. Die Fans wollen es nicht wissen – und die Salzburger schon gar nicht: Wäre schlecht fürs Geschäft.

    Und so kommt es, dass sogar Kommunalpolitiker nichtsahnend in die Trapp-Falle tappen – in diesem Frühjahr etwa die Gemeinderätin Marlene Wörndl. Die ÖVP-Funktionärin hatte – nicht zuletzt mit Blick auf die geringe Zahl weiblicher Straßennamen in der Stadt Salzburg – den Antrag gestellt, einen Weg im Stadtteil Aigen nach Maria von Trapp zu benennen.

    Das sei keine gute Idee, beschied das Kulturamt. Die Begründung: Maria von Trapp habe zu Erziehungsmaßnahmen gegriffen, "die unter den Begriff schwarze Pädagogik subsumiert werden und aus heutiger Sicht abzulehnen, ja sogar strafbar sind". Eine Straßenbenennung nach einer Person, die eine in der Gegenwart strafbare Handlung selbst schriftlich dokumentiert und empfohlen habe, könne nicht sein.

    "Harmonie und Horror"

    Das Kulturamt bezieht sich neben der Autobiografie von Maria von Trapp auch auf eine Arbeit der Literaturwissenschafterin Renate Langer aus dem Jahr 2001. Langer hatte die Autobiografie aus psychoanalytischer Sicht untersucht. Vielsagender Titel: "Harmonie und Horror".

    Dem nach außen von der Familienherrscherin Maria von Trapp vermittelten harmonischen Bild der Großfamilie stellt Langer Maria von Trapps eigene Schilderungen gegenüber. So zum Beispiel eine Szene, wo es den 15 Monate alten Johannes erwischt hatte: Als ihn die Mutter auffordert, seine Spielsachen aufzuräumen, wagt der Kleine, Nein zu sagen.

    "Da mußte es sein. Nach diesen ersten Prügeln, die er in seinem jungen Leben bekommen hatte, stampfte er mit seinem dicken kleinen Fuß und sagte bös: ,Nein, nein, nein!' Also mussten den ersten Prügeln die zweiten folgen und dann die dritten: Plötzlich erhellte sich sein kleines, tränenüberströmtes Gesicht. Er stieg mir auf den Schoß, flüsterte mir ins Ohr ,ja' und schlief sofort ein. Diese Erfahrung hat ihm für viele Jahre genügt."

    Maria von Trapps Schilderungen sind voll von solchen Gewaltexzessen gegen die Kinder. Ihr Motto lautete: "Und wer nicht folgt, bekommt Prügel." Maria von Trapp stemmt sich in ihren Erinnerungen auch explizit gegen die gewaltfreie Erziehung: "Hoffen wir, dass die Welt diese Art der Erziehung aufgibt, wo arme unglückliche Kinder immer tun dürfen, was sie wollen. So wird das junge Gemüt von seinen eigenen Launen verdorben."

    Aber auch psychische Erniedrigung war üblich. Der pubertierende Tochter Lorli gab die Mutter mit auf den Weg, sie habe "ein Gesicht wie ein Pferd". Wissenschafterin Langer diagnostiziert: "Die tiefe narzißtische Kränkung und die dauerhafte Zerstörung des weiblichen Selbstbewusstseins ihrer Tochter wird von der Mutter als erzieherischer Erfolg gefeiert." Lorli habe jahrelang in keinen Spiegel mehr gesehen.

    Museumsprojekt

    Nebenbei schildert Langer in ihrer 2001 in den "Studien zur Kinderpsychoanalyse" veröffentlichten Arbeit auch ein Detail des Salzburger Umgangs mit dem Thema: Sie habe im Herbst 1999 vom Projekt des Salzburger Instituts für Volkskunde erfahren, eine Aufsatzsammlung über "Sound of Music" anzulegen.

    Ihr Vorschlag, "einen psychoanalytisch fundierten Beitrag zu liefern", sei ursprünglich angenommen worden, aber "während meiner Vorarbeiten wurde mir mitgeteilt, dass mein Beitrag in den geplanten Sammelband nicht aufgenommen werden könne. Man habe Erfahrung mit der Trapp-Familie. Deren Mitglieder beobachteten argwöhnisch sämtliche einschlägigen Publikationen und gingen sofort zu Gericht, sobald sich irgendwo auf der Welt, und sei es im kleinen Salzburg, eine Stimme rege, die im Widerspruch zur offiziösen Familienlegende stehe. Kritische oder von den Trapps als kritisch empfundene Äußerungen würden das gesamte Projekt gefährden."

    Im Lichte dieser Einschätzung von Langer wird es spannend sein zu beobachten, in welcher Form das in Salzburg geplante "Sound of Music"-Museum gestaltet wird. Findet dort auch eine kritische Auseinandersetzung mit der Trapp-Geschichte statt, oder wird es eine touristische Anlaufstelle für eilige "Sound of Music"-Konsumenten? Stadt und Land Salzburg debattieren schon seit fast zehn Jahren um einen Standort. Inzwischen hat man sich auf das ehemalige Barockmuseum am Mirabellplatz geeinigt. Das Museumskonzept soll vom Salzburg Museum kommen. Möglicher Start ist frühestens 2019. (Thomas Neuhold, 30.7.2017)

    • Inszenierung einer nur vermeintlich heilen Welt: Mitglieder der Trapp-Familie versammeln sich 1984 auf dem Anwesen in Vermont zum Geburtstag von Familienherrscherin Maria von Trapp (Mitte, sitzend).
      foto: ap / toby talbot

      Inszenierung einer nur vermeintlich heilen Welt: Mitglieder der Trapp-Familie versammeln sich 1984 auf dem Anwesen in Vermont zum Geburtstag von Familienherrscherin Maria von Trapp (Mitte, sitzend).

    • Julie Andrews in einer "Sound of Music"-Szene. Der Film gehört zu den erfolgreichsten aller Zeiten.
      foto: picturedesk / erich lessing

      Julie Andrews in einer "Sound of Music"-Szene. Der Film gehört zu den erfolgreichsten aller Zeiten.

    • Das Geschäft mit "Sound of Music": Bustour zu den Originalschauplätzen.
      foto: panorama tours

      Das Geschäft mit "Sound of Music": Bustour zu den Originalschauplätzen.

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