"Klartraum" von Olga Flor: Mit den Städten sind wir durch

    29. Juli 2017, 12:00
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    "Rundherum versinken Staaten im Chaos, Boote im Meer, das entzieht sich unserem Zugriff. Dann erfüllen wir lieber Ihren Eskapismusanspruch, dafür zahlen Sie schließlich." Auszug aus einem neuen Roman

    Wir könnten nun eine ganz einfache Liebesgeschichte erzählen, liebe Leserin, lieber Leser, vom Leben in den großen Städten haben wir nämlich genug, von dieser ganzen hyperventilierenden Jetztzeit, wir wissen nicht, wie es Ihnen da geht: Kennt man sich ja hinten und vorne nicht mehr aus. Wir nehmen Sie lieber bei der Hand und erzählen Ihnen eine Geschichte, das ist unser personalisiertes Angebot, das Sie nur anzunehmen brauchen. Doch, glauben Sie uns ruhig, dann haben Sie auch gleich das Grundvertrauen bewiesen, das eine gedeihliche Beziehung ermöglicht, von der alle profitieren. Vor allem natürlich Sie.

    Rundherum versinken Staaten im Chaos, Boote im Meer, das entzieht sich unserem Zugriff. Seien wir ehrlich (wir haben Sie kurzfristig eingemeindet, Sie sind da sicher ganz bei uns), wir werden daran nichts ändern. Dann erfüllen wir lieber Ihren Eskapismusanspruch, dafür zahlen Sie schließlich, und wer zahlt, hat recht, solange Sie nur darauf achten, dass die Schotten endlich dichtgemacht werden, bevor die Flut kommt, sonst haben wir hier keine Ruhe, um unseren Job zu machen.

    Auch eine Leibesgeschichte, in der es nur peripher um Liebe geht, wäre denkbar. Wir orientieren uns ganz an Ihren Bedürfnissen, wir stützen uns auf Marktanalysen und Exit Polls, also darauf, was die Menschen so schätzen an einem Buch, das sie gerade zugeklappt oder vielmehr, wenn Sie sich so umsehen, auf dem Lesegerät zu Ende gebracht haben. Denn wir wollen doch nicht, dass Sie die Textdatei womöglich vorzeitig in den Papierkorb legen, wo kämen wir da hin? Wir erwirtschaften schließlich Zeilenhonorar, oder, präziser: Die Abrechnung unserer Leistungen erfolgt pro TATSÄCHLICH konsumierter Einheit, und falls Sie jetzt nicht wissen, was das ist, sehen wir Ihnen das nach. Nur die Software nicht, die meldet uns das rück, die folgt Ihrem Augenstreifzug, misst die Verweilzeit und ermittelt die Konsumation auf Punkt und Komma genau. Die Konsumation ist schließlich das Maß für den Wert einer Dienstleistung, das Einzige, worauf es ankommt, solange Sie halt das Endgerät im Griff haben, doch das haben Sie, wir spüren das.

    foto: www.picturedesk.com
    "Wie wäre es mit einem kleinen Ausflug in ein dystopisch devastiertes Land, das sieht man immer gerne?"

    Wir können das sehr gut verstehen, dass Sie von dieser Gegenwart nichts mehr hören wollen, uns geht es da ganz ähnlich. Wie wäre es deshalb mit einem kleinen Ausflug in ein dystopisch devastiertes Land, das sieht man immer gerne, in dem sich mutierte Echsen, verzogene Königstöchter, arme, aber wunderschöne Kriegerinnen, grausame Barbaren, Untote und naive Ritterlehrlinge gute Nacht sagen? Auch die Nächte sind noch Nächte, und die Tage halten, was wir versprechen. Das klingt doch viel erfreulicher und ist auch reicher an Orientierungshilfen, überhaupt, wenn Sie sich unserer Führung anvertrauen. Hier liegen die Dinge einfach: Der Mensch – falsch, wir müssen weiter ausholen, es gibt ja unzählige Daseinsformen, gut oder böse, je nachdem, Feen, Zauberer, Trolle, Dämonen, Nachtschattengewächse und so weiter, was immer Sie wünschen -, die Existenz alles Existierenden wird ausschließlich durch den Status zum Zeitpunkt der Entstehung definiert, wie praktisch, da muss man sich nicht erst mit lästigen Fragen wie Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz herumschlagen. In der Welt, in die wir Sie einladen, gibt es ein Kastensystem, das ist für alle gleich, da werden alle gleichmäßig darauf verteilt, und Sie müssen sich keine Gedanken mehr machen: Rechte, Pflichten, Überlebenschancen, Statusvorteile und Glücksmöglichkeiten werden einzig im Moment der Geburt definiert – oder was auch immer den Eingang in unsere Erlebniswelt ermöglicht. Sauber, nicht?

    Alte, verkommene Haudegen dürfen auch nicht fehlen, die dürfen dann eine wunderschöne, arme, junge Waise vor der Vergewaltigung durch häutende Wüstenwüstlinge retten und anschließend im Kriegshandwerk ausbilden. Sie lebt glücklich inmitten der Falstaff-Horde, so lange, bis einer von ihnen sich seinerseits an ihr vergreifen will – ein Problem, das sie aber mittlerweile auf klassische Weise zu lösen versteht, Aufspießung des abgetrennten Kopfes inklusive. Ja, so sieht es eben aus, das neue Zeitalter, das wurde schließlich nachgefragt: Wir tun nur unsere Arbeit. Die übrigen lassen sie ziehen, hart, aber herzig, wie sie sind, an dieses Herz muss ihnen die Schöne wohl gewachsen sein. Im einen oder anderen Fall neigen die Schwerenöter schon zur Korpulenz, das stimmt milde. Vielleicht ist auch eine mütterliche Haudegin dabei (ja, das Gendern ist ein Hund), die sich schützend vor sie stellt und sie sonst in der Kunst des Bogenschießens, der Zubereitung von Kräutertränken und der Verwendung von Darmhäuten unterweist. (Sie lachen, das ist die Hauptsache, gut für den Blutdruck, auf den Sie aufpassen sollten, während rundum die Gemeinschaft der Werktätigen in die Züge drängt: ganz schön voll heute.)

    Die tapfere Jugend zieht los

    Die Ältere (fellbedeckt, weißlockig, würdevoll) begleitet die Jüngere (schwarzhaarig, mit verwegener Narbe an der Oberlippe, in knappem Leder und artig garniert mit wohlgeformten Rüstungsteilen, die ihr die Mentorin zurechtgehämmert hat) noch in die Wälder, dann folgt eine herzzerreißende Abschiedsszene.

    Die tapfere Jugend zieht los: Wir würden Sie jetzt gerne optisch unterstützen, wir hätten gerne das Bild eines berühmten deutschen Künstlers mit Ihnen geteilt, das der speziell für uns gemalt hat, doch da gibt's Probleme mit der Rechtsabteilung, fragen Sie nicht! Die Fantasie ist schließlich immer noch das Kreativste, sagen Sie? Halt, sagen Sie, und Sie haben da was einzufordern? Es wird langsam Zeit für den Auftritt des Love Interest? Gemach, möchten wir sagen, gönnen Sie sich eine Auszeit, atmen Sie tief durch, das haben Sie sich verdient, gerade jetzt, wo Sie irgendwer von hinten anrempeln muss. Sie haben den gepflegten älteren Herrn im Verdacht, der so unschuldig auf sein Display starrt, das sind die Schlimmsten, aber vielleicht liest der bloß genau dasselbe wie Sie:

    Die tapfere Jugend zieht also los, einzelne Sonnenstrahlenbündel fallen wohl auch durchs dichte Blätterdach bis auf den weichen bemoosten Boden, verfangen sich in Tautropfen an frischen Blattspitzen und veranstalten dort ein Geglitzere, das Sie ganz synästhetisch in den Ohren kitzelt. Die Wälder wuchern natürlich in der postgegenwärtigen Welt anarchischer denn je, so viel Maiengrün war nie!, und unsere gemeinsame Heldin H (an die glauben wir mindestens ebenso wie Sie und wir an Sie und Sie an uns, wie wir hoffen) muss alsbald einen Kampf zwischen einer Echsenmutter und einem Untoten entscheiden, was sie tut, indem sie die Drachenbrut verteidigt, sie hat ein Herz für Tiere. Das bringt ihr wiederum ein frisch geschlüpftes Haustier ein, an dessen wachsender Kraft sie als nunmehr Erziehungsverpflichtete selbst noch wachsen wird müssen. Verspielt, aber ungestüm, und nur mühsam bereit zu lernen, dass verkohlte Überreste einsam gelegener Gehöfte ein unerwünschter Nebeneffekt sind. Lebenslange Verfolgung durch das Volk der Untoten, das sich ansonsten mit Wetten auf Optionen auf abfaulende Körperteile vergnügt, ist der Kriegsmaid nun allerdings gewiss, sonst geht ja hier nichts weiter.

    Die Wälder wuchern

    Kennen Sie alles schon, sagen Sie? Und wo denn jetzt die Liebe bleibe? Sie haben ja recht, doch dürfen wir vermuten, dass Ihnen Ihr urbanes Umfeld gerade speziell auf die Nerven geht? Dass die vielmehr schon ein wenig blank liegen, da Sie sich auf einer ganz normalen Arbeitsrückfahrt befinden (die Luft ist auch nicht mehr die beste), während das Mädchen neben Ihnen unentwegt mit irgendetwas herumspielt, kein Smartphone, irgendwas Analoges, das man von der linken Hand in die rechte werfen kann und wieder in die linke, aus der Sie es ihm möglicherweise insgeheim schlagen wollen, das wäre nur verständlich. Nein, wir wollten Ihnen keinesfalls zu nahe treten, die Informationsbereitstellung müssen Sie schon selbst erledigen, und das tun Sie fleißig. In öffentlichen Verkehrsmitteln wird oft und gerne gelesen, gerade auch von Ihnen, das wissen Sie so gut wie unsere Mutterdatenbank.

    Falls Sie gerade eine Trennung erwägen sollten – das kommt vor, so ein Alltag mit Job und Kindern zehrt schließlich an den Kräften, fragen Sie nur die Mutter des Mädchens, die könnte Ihnen was erzählen! -, uns würde es nicht wundern. Das würde jedenfalls erklären, warum Sie ständig den romantischen Aspekt einfordern, vielleicht fragen Sie sich, wie Sie aus einer Beziehung herauskommen können, die nicht nur das gemeinsame Leben zum Inhalt hat, das immer weniger, sondern vor allem das gemeinsame Abarbeiten von Schulden? Da haben Sie was Bleibendes, so bleibend wie die Vorhängeschlösser an Brückengeländern? Wie viele Versprechen ewiger Verbundenheit hält so eine Stahlkonstruktion eigentlich aus?, könnten Sie sich fragen, Fragen über Fragen, die wir Ihnen leider auch nicht beantworten können. Die Kernkompetenz, die Sie geordert haben, ist schließlich die Bereitstellung von Fluchthilfen.

    Neue Heimstatt gezimmert

    Folgen Sie uns also gerne wieder ins zukünftige Mittelalter, Ihr Endgerät können Sie mitnehmen, wo bliebe sonst die Rückmeldemöglichkeit zum Thema Erlebnisqualität? Wir dürfen bitten, und unsere eigenwillige H muss auch noch trocken werden hinter den Ohren: Sie erreicht jetzt die große Stadt, macht große Augen, dabei ist das ja eher ein Städtchen, und dessen Weichbild unterscheidet sich wohltuend von der Inhumanität technisch hochgezüchteter Glas- und Betonpaläste. Aus den Trümmerfeldern der Gegenwart, und die hat wirklich keiner mehr gebraucht, Sie wissen schon: Aus dieser mit Fug und Recht untergegangenen unmenschlichen Welt haben die Überlebenden rasch eine neue Heimstatt gezimmert, die Ruinen als Steinbrüche verwendet, altes Handwerk reaktiviert und vor allem: eine vernünftige autokratische Regierung installiert, das war aber wirklich fällig, ein kleines Lokalkönigspaar, das wir der Einfachheit halber mit 1 bezeichnen wollen.

    Auftritt: der Ritterlehrling RL, da hatten Sie bis jetzt ganz schön viel Geduld mit uns! Der ist der Zukünftige des verzogenen, aber entzückenden jüngsten Königstöchterleins KT und soll auf seine Rolle bei Hofe vorbereitet werden, Ausritt der Hofschranzen, Schmaus im Grünen. Schauturniere, Gaukler, Straßenhändler, was eben so dazugehört, der Geruch nach Fackeln, gebratenem Fleisch und warmem Pferdedung rundet das Ambiente ab, das nun von buntem Volk verschiedenster Spezies bewohnt wird, Sie erinnern sich? Wenn nicht, dann können Sie jederzeit zurückblättern, wir warten gerne, bis Sie wieder angescrollt kommen, ist ja nicht unsere Zeit.

    Wir sehen uns inzwischen um: Da finden sich Verkäufer von heilenden oder zumindest heiligen Steinen, Wild Children of Yoga, die mit maximaler Körperspannung und Beckenbodentraining auf Geld- und Beutefang unter gelangweilten Edeldamen und auch -herren gehen (Geld gibt es natürlich auch, die Welt, in der es kein Geld gibt, müsste noch erfunden werden, und wir fragen Sie: wozu?). Vergorenes satt, in Tonkrügen und Jagdhörnern, ganz nach Bedarf, und eine unbegabte Irgendwie-Metal-Band aus Nachwuchs, der sich als zu ungeschickt für den Turniergebrauch erweist, aber im Leder-Tattoo-Metallimplantat-Look gute Figur macht, inklusive rotgelockter Frontsängerin, die ihr druidisches Selbst mystisch zum Klingen bringt.

    Tu!, und falls du eine Frau bist: Lass!

    Die Wüstenwüstlinge infiltrieren die Stadt und ziehen ein Geschäft mit fein gegerbten Lederwaren auf. Nebenbei verteilen sie Glaubenssätze auf Pergamentrollen (Tu!, und falls du eine Frau bist: Lass!), auch an die Kriegerin, die wiederum den Ritterlehrling dazu bringen will, mit ihr in den Untergrundkampf zu gehen. Der Ritterlehrling tut nichts dergleichen, er hat eine Identitätskrise, das lastet aus. Die Thronerbin will keinen Thron, sie lässt sich lieber vom Yogameister in ayurvedischem Gesang unterrichten, gemeinsam planen sie, die Rothaarige in den höchsten Turm zu sperren. Das KTlein hat allerdings eine ältere Schwester (als Erstgeborene die zweite Wahl, so ist es hier Gesetz), die in der Zwischenzeit den Lebensüberdruss des Ritterlehrlings für sich nutzen kann, raffinierte Rache für den Umstand, dass sie von der Nachgeborenen geschlagen wurde.

    Da sind Sie ja wieder, das ist schön, hier braut sich nämlich einiges zusammen: Königin 1 wird wegen Ehebruchs (der Yogameister, TS) zum Tode verurteilt – gegen den Willen von König 1, der allerdings vom Expertenrat zur Unterscheidung von Gut und Böse (den Manichäismus-Ältesten), dazu gezwungen wird. Das Ganze (mittlerweile kennen wir Sie und Ihr Leseverhalten ja schon recht gut) wird in letzter Sekunde in eine öffentliche Auspeitschung verwandelt: SM vom Feinsten, wir beugen uns dem Markt. Wir wissen ganz genau, was Sie anregend finden, und übrigens, ganz unter uns, nicht nur Sie, auch auf den Ritterlehrling macht die Szene bleibenden Eindruck. Dann befreit er die Rotgelockte, indem er eine Strickleiter organisiert, die das Drachenjunge der Kriegerin über dem Turm abwirft. Und jetzt endlich das Love Interest: Die Heldin H hilft ihm nicht uneigennützig, sie ist in die ältere Königstochter verliebt – warum und wieso, das soll ein anderes Mal erzählt werden, wir gehen in Serie.

    Doch nun geht es um Sie, wir winken Sie auch gleich zu uns: Hier gibt es Regeln, Fremde betreffend, die Information hätten Sie sich aber besorgen können, das war durchaus im Rahmen Ihrer Möglichkeiten: Ihre Holschuld! Es könnte sein, dass wir wen brauchen statt der Königin 1, Auge um Auge, Opfer um Opfer, Sie verstehen. Irgendwer muss immer brennen für die Gemeinsamkeit, das gibt dann diese Herdwärme, die uns zusammenschweißt. Und Sie haben Ihren Status und Standort ja sehr bereitwillig zur Verfügung gestellt, wir nehmen das als Zeichen Ihres Einverständnisses. Autodafé klingt ja auch einladend selbstbestimmt und ein wenig nach Autobahncafé, wir halten Sie in Evidenz.

    Was stehen Sie hier noch herum?

    Sie wollen sicher wissen, wie die Sache ausgeht, alte Geschichte, nur dass die Erzählung Sie nicht vor Ihrem noch etwas unsicheren Ende bewahren wird, im Gegenteil, Sie erzählen ja hier nicht! Das tun wir. Die Zeit drängt: Die Kriegerin ist in die ältere Schwester verliebt und will die jüngere, das Königstöchterlein, die die Entführung der Sängerin zu verantworten hat, durch das von ebendieser auf offener Bühne geschluchzte Zeugnis der Untat zu Fall bringen. Die Untoten unterwandern derweil, typisch.

    Der Vater des Jünglings, Nachbarkönig K2, tritt auf: Er will finanzielle Nachbesserungen, Königsein bringt auch nicht mehr so viel ein, selbst wenn man nebenbei den Zombieweisenrat in politischen Fragen berät, und der ist nicht undankbar. Wir kürzen das jetzt ab, sonst wird das nie was mit dem Plot Knot: Königspaar 1 wäre glücklich vereint, wenn nur nicht Jünglingsvater K2 sein Auge auf Königin 1 geworfen hätte. (Im Übrigen ködern ihn die Zombies mit einem interessanten Produkt für den Kriegsfall und versprechen ihm die Hälfte des Returns, wer würde da nicht schwach; Insiderhandel, zugegeben.) Die Kriegerin ruft mithilfe des Drachenteenagers den Haudegenverein zu Hilfe. Die Wüstenwüstlinge häuten sich gegenseitig, da ein Streit um die reine Leere ausgebrochen ist, die Stadt wird mit Lederwaren geschwemmt, was wiederum die Metal-Formationen aus dem Boden schießen lässt, die den Showdown akustisch begleiten, und übrigens: In dem Chaos interessiert sich niemand mehr für Sie, was stehen Sie hier noch herum?

    Die Zombies greifen an, die jüngere Prinzessin reüssiert auf der Bühne (was Königin 1 sehr rührt), wird aus der Thronfolge entfernt, schnappt sich den Yogameister und geht mit ihm auf Tournee, von der er sich allerdings bei der ersten Gelegenheit absetzt, um seinen einträglichen Fischzug wieder aufzunehmen. König 1 berät mit Königin 1 und K2 die Strategie, wird von Letzterem allerdings an die Untoten verraten, die seine Körperteile als Talismane verhökern: die heilende Hand des Königs, man möchte gar nicht glauben, über wie viele Extremitäten so ein Königskörper (KK) verfügt! Königin 1 übernimmt das Kommando.

    Augmentierte Realitäten

    Die Kriegerin (unsere Heldin) bietet der verbliebenen Königstochter einen Crashkurs in Waffenkunde, bemerkt allerdings, dass diese ihre Künste dazu nutzt, den Ritterlehrling zu beeindrucken. Also kein Happy End in Sachen Liebe für die Kriegsmaid, leider. Dafür kann sie mithilfe der Haudegen, übergelaufener Untoter (Körperteiloptionen bieten schließlich alle Seiten) und des Drachenheers die Schlacht für sich entscheiden, auch nicht schlecht. Das mit der Unterstützung durch die fauligen Verräter ist allerdings ein kleiner Fleck auf ihrer ansonsten so strahlenden Rüstung. Dumm, wir wollen schließlich eine Heldin, der Sie vertrauen können, und zwar blindlings. Die Drachen flambieren ziemlich wahllos alles, was sich bewegt: An der Präzision dieser Luftflotte wird noch zu arbeiten sein.

    Die freiberufliche Heldin zieht von dannen, lässt die Stadt in Schutt und Asche versinken, wir sagten es bereits, mit den Städten sind wir durch. In einem idyllischen grünen Tal gründet sie eine Präzisionsfeuerdrachenzucht auf veganer Basis, kleiner sind die, wendiger, die können auch die Post austragen. Wir wissen jetzt nicht, ob wir das gut finden sollen, denn schließlich: Wo bleibt der menschliche Kontakt? Königin 1 tröstet sich jedenfalls mit einem der Haudegen, der eine gewisse Erfahrung im Umgang mit Schlagwerkzeugen mitbringt. K2 nimmt Sohn (Ritterlehrling RL) und die neue Thronprätendentin (KT2) zum Zweck der Friedenssicherung heim in sein Nachbarreich, wo ihn Königin 2 missmutig begrüßt, sie wird ihre Gründe haben. Doch bei der Jugend sieht alles nach Honigmond und Wonnemonat aus, einverstanden?

    Fein, das freut uns. Die Bonusausschüttung noch viel mehr, die wir uns jetzt nach Ihrem Zieleinlauf, dem Erreichen der Schlusszeile genehmigen, und die biegt sich auch schon, so, wie wir lügen! Doch das ist schließlich unsere ureigenste Aufgabe, das freie Erfinden alternativer oder vielmehr augmentierter (verbesserter) Realitäten. Und: Danke, Ihre Bankdaten sind längst bekannt. (29.7.2017, Vorabdruck aus dem Buch "Klartraum" von Olga Flor)

    Olga Flor, geb. 1968, ist österreichische Schriftstellerin.

    Sie liest am 3. 8. um 20 Uhr aus ihrem Roman "Klartraum", dem dieser Text entnommen ist, und zwar im Rahmen der "O-Töne" im Museumsquartier in Wien, Halle 8.

    • "Sie wollen sicher wissen, wie die Sache ausgeht,  alte Geschichte": Olga Flor.
      foto: lisa rastl

      "Sie wollen sicher wissen, wie die Sache ausgeht, alte Geschichte": Olga Flor.

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