Ennstal Classic: Schleudern und Weichspülen

28. Juli 2017, 10:45
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Irgendwie sind jetzt alle besser drauf, wie frisch gewaschen aus der Zeitmaschine. Walter Röhrl und Herbert Völker feierten das 25-Jahr-Jubiläum der Ennstal Classic

Ennstal – Wir waren beide entzückend jung, als wir uns zum ersten Mal trafen. Er fuhr einen Ford Capri, was mit jedem Tag der Rückschau glanzvoller und aufregender wird. Ich mochte den Röhrl auf Anhieb, weil ich dachte, so ein langer Hund, und fahrt wie die Sau, und überhaupt, diese lustige Sprach', dieses Bayerisch. Er war von Anfang an nett zu mir und ist berühmt geworden und hat mich mitgenommen in die Aufregungen seines Lebens, über die Jahrzehnte hinweg.

foto: markus leser
Die immer fortgesetzte Karriere: Walter Röhrl ist nach Rallye- und Rennkarriere eine der markantesten Figuren der Motorsport-Community geblieben.

Unlängst sagte der Walter: "Jetzt fahr ma no amal miteinander, gell." (Bevor's z'spät is, lässt sich dazudenken.)

foto: markus leser
Rarer Auftritt eines kostbaren Exoten: der Porsche-"Dreikantschaber" als Rennversion des Typs 356 von 1963, stilgerecht bewegt von Walter Röhrl.

Es ging natürlich auch darum, der Ennstal Classic die Ehre zu erweisen, zum 25-Jahr-Jubiläum. Röhrl und ich waren beim ersten Mal dabei gewesen, hatten miterlebt, wie alles gewachsen ist zu Europas größter Classic-Rallye, irgendwie schwer zu erklären, aber es ist tatsächlich so. Hat viel mit den Persönlichkeiten der Gründer, Helmut Zwickl und Michael Glöckner, zu tun und einem gewachsenen Netzwerk der Richtigen, von Stirling Moss bis Mister Bean (der ist ein besonders gutes Beispiel für kundige autoverrückte Celebrities). Es gibt auch nicht die Berührungsängste, wie die aktuellen Stars sie haben, mit diesem Vettel' schen Nur-nicht-Anreden in der gequälten Miene. Irgendwie sind alle besser drauf, wie frisch gewaschen aus der Zeitmaschine vor 20, 30, 40 Jahren, mit Weichspülen.

foto: markus leser
Mark Webber (links) im Gespräch mit Walter Röhrl.

Ein eigenes Kapitel sind die Landschaften, so weitläufig und unbehelligt auf beiden Seiten der armen Bundesstraße, die sich mit zwei kurzen Haken austricksen lässt, als wäre die beladene Karawane nur ein Albtraum in der Querrichtung. Fünf Minuten, und du bist raus, zum Niederknien, für unsereins mit Altenberg'schen Reaktionen verbunden ("Ein Leben lang im Café Central, und jetzt die Dolomiten!" oder so ähnlich). Damals sind wir zum ersten Mal ins Sölktal abgebogen, andächtig, und da ging zufällig gerade ein Zitat des Jahrhundertmusikers Abdullah Ibrahim herum, wie er seine neuen Freunde in ihren Lederhosen erkannte: "Der Anblick eines nackten Wilden in seiner natürlichen Umgebung ist ein Erlebnis, das nie wieder vergessen werden kann."

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Strietzel Stuck (rechts) trägt auch Lederhosen.

Röhrl hatte seine Weltmeistertitel zwar auf Fiat und Opel gewonnen, höchsten Ruhm dann mit Audi erreicht, nun ist er aber schon lange Jahre Galionsfigur von Porsche. Also fuhren wir Porsche, eingebettet im Werksteam des Museums. Das beschert einem auch nette Kollegen, den einfühlsamen Arzt Patrick Dempsey, den Grand-Prix-Sieger Mark Webber, den Rundumkünstler Hans Stuck, der selten ohne die Schmuckform Strietzel erwähnt wird.

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Patrick Dempsey ist als Arzt abgetreten, hat sich als ernsthafter Racer aufgestellt und gibt grundsätzlich den lockeren Typ. Im Cockpit des Porsche Speedster.

Dem Ruf Röhrls hielt man es für angemessen, ihn (und somit auch den unschuldigen Beifahrer) in ein Auto zu verfrachten, das nie für den Transport von Menschen gedacht war, sondern nur zur Ausreizung des Reglements von Le Mans und ähnlichen Spielstätten. Dadurch entstand 1963 ein Sondermodell mit fünf Kürzeln (356 B 2000 GS GT), aber bei den Schwaben in der Firma hatten die Hackler damals mehr zu reden als das Marketing, und die Modellbauer sagten: Der schaut aus wie ein Dreikantschaber (ideales Werkzeug für die Feinarbeit), drum heißt er: Dreikantschaber. Es wurden nur neun Stück gebaut, heute existieren noch drei auf der Welt.

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Der Motor ist eines der berühmten Triebwerke aus der Porsche-Urzeit. Alu-Karosse, 800 Kilo, also die Hälfte von irgendwas heutzutage, wirklich zurechtgeschabt bis zur Unkenntlichkeit eines 356, aus der Geschichte erklärbar: Der Typ 911 war kurz vor der Geburt, und zur Überbrückung musste man aus dem 356 noch einmal das Maximum rausquetschen, um in der GT-Klasse von Le Mans Flagge zu zeigen.

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Jedenfalls hatte ich somit Patrick Dempsey als Teamkollegen (er fuhr einen Speedster von 1955). Wie er als Arzt ist, kann ich schwer beurteilen, weil ich immer am falschen Sender war, aber als Teamkollege ist er top. Wenn ich allerdings zum Nachdenken anfange, was die zwölf- bis sechzehnjährigen Mädels in Steyr antreibt, einen zweifellos feschen, aber uralten (51) Mann anzuquietschen, komme ich nicht weit. Nicht ein einziger Bub war in der Menge ... denen müsste man vielleicht sagen, dass ihre Urgroßväter die Dempsey-Heldengeschichte aus der Schwergewichts-Boxerei erzählten, wie sie übers Radio kam, 150.000 Zuschauer in Philadelphia gegen Gene Tunney, ich meine, 150.000 Menschen rund um einen Boxring im Freien. Das war Jack, Jack Dempsey. Zurück zu Patrick: Ja, er ist ja supernett und ein echter Racer, wirklich, und er geht entzückend mit seinen Fans um. Mittlerweile haben auch die Bodyguards Manieren gelernt und treten auf wie Kinderärzte vor der Impfung.

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Der Walter war einmal 1,97 und ich war 1,87, wir sind um gut zwei Zentimeter geschrumpft, was wirklich ein Segen ist beim Hineinfalten und Herauskreulen aus einem Auto, das zwar unverkäuflich ist, aber trotzdem ein Zwei-Millionen-Preiszetterl hat. Wenn'st dann aber einmal hineingeschweißt bist in die Sitzschale, festgezurrt mit Sechspunktgurten, und in den nächsten vier Stunden hoffentlich nicht pinkeln musst (insgesamt sind's 20 Stunden, aber es gibt halt doch Pausen), also, wenn's einmal passt, erlebst du ein längst verschüttetes Glücksgefühl von dem, wie wir uns als Kinder das Autofahren vorgestellt haben.

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Der Job des Beifahrers ist eine eigene Sache, da kann unsereins nicht alle Geheimnisse auspacken. Es hilft, wenn du sagen wir tausend Skizzen, beginnend bei links/rechts, richtig zu deuten weißt und sie dem Fahrer in klaren Worten vermittelst. Dann scheiden sich die Geister, wenn's um das geht, was Walter "Tipferlscheißen" nennt, also das regelmäßige Schnitthalten und das hundertstelsekundengenaue Ankommen an seltsamen Stellen. Herrn Röhrl, wie auch Dempsey und Webber, wird es dann doch zu fad, jeder findet seine eigene Gangart für das tollste Straßengeläuf, das sich denken lässt. Und das Vergnügen des Copiloten neben einem wie Röhrl ist dann halt ein ganz rares Glück. Eine Classic Rallye soll ja auch an die Grenzen dessen gehen, was man mit alten Autos machen kann, ohne sich im öffentlichen Verkehr blöd aufzuführen.

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Aus der gesicherten Position 163 im Endklassement wage ich zu behaupten, dass wir's mit beträchtlicher Mühe auch unter die Top hundert geschafft hätten.

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Wirklich gewonnen hat das österreichische Vater-Sohn-Gespann Deopito auf einem sehr speziellen Lagonda des Jahrgangs 1938. Glanzlichter der Vorkriegsautos waren auch der Auftritt des sagenhaften, unbezahlbaren Bentley Blower mit Derek Bell und die Heldentat eines kleinen Bugatti von 1928. Der wohlbekannte Uhrmachermeister Christian Hübner vom Graben ist vor einem Jahr gestorben, seine beiden Töchter haben ihm und dem Spirit of Bugatti die Ehre erwiesen, quasi bis zum letzten Kolbenring, oben in den Nockbergen. (Herbert Völker, 28.7.2017)

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