Siemens-Bombardier schwingt die Standortkeule

27. Juli 2017, 18:42
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Nächste Woche sollen Bahnsparten der beiden Konzerne zu zwei Joint Ventures geschmiedet werden

Wien – Eigentlich wäre die geplante Fusion nicht zuletzt aus österreichischer Sicht von ziemlich großer Tragweite: Bombardier und Siemens stehen dem Vernehmen nach kurz vor der Zusammenlegung ihres Bahngeschäfts. Kanadier wie Deutsche verfügen über große Kapazitäten in Österreich, insbesondere in Wien. Doch das ohnehin nicht ganz unproblematische Zusammengehen wird derzeit von einer Auftragsvergabe der ÖBB überschattet.

Die Staatsbahn will nach der Übernahme des Nachtzugverkehrs der Deutschen Bahn ihre Reisezugwagenflotte modernisieren, die unter anderem auf der Strecke nach Italien eingesetzt werden. Um den auf rund 400 Millionen Euro geschätzten Auftrag rittern – wie fast immer – Siemens und Bombardier. Sollten die Deutschen leer ausgehen, könnte sich das laut Insidern gravierend auf die Siemens-Verkehrstechnik-Standorte in Österreich auswirken. Vor allem das SGP-Werk in Wien-Simmering mit 1.200 Mitarbeitern, in dem die in Krefeld vorgefertigten ÖBB-Schnellbahnzüge (Cityjet) endgefertigt werden, wäre massiv betroffen. Selbst eine Schließung sei nicht ausgeschlossen, warnen Insider. Dazu kämen negative Auswirkungen auf Graz, wo Siemens mit rund 1.000 Beschäftigten Dreh- und Fahrgestelle herstellt. Andere Quellen halten dagegen, dass Siemens bei öffentlichen Vergaben regelmäßig Standorte zur Disposition stelle.

Was dem Konzern zu schaffen macht, sind günstige Produktionskosten von Bombardier in China, wo die Kanadier über ein Joint Venture mit dem chinesischen Bahntechnikgroßkonzern CRRC verfügen. Bei einer Auftragsvergabe an Bombardier würde der Steuerzahler somit die Wertschöpfung in China finanzieren, warnen Bahnleute. Andere halten die Standortfrage für überstrapaziert und unpassend, gehe es bei Vergaben doch um Qualität und Preis, nicht so sehr um lokale Wertschöpfung, zumal alle Hersteller an unterschiedlichen Orten in Europa produzieren. Was Insider aber nicht vom Tisch wischen: Eines der beiden Wiener Werke – für Bombardier fertigen mehr als 500 Personen Straßenbahnen für Wiener Linien – könnte mittelfristig keinen Platz mehr haben.

Dieser Tage wird sowohl um Aufträge als auch um das künftige Kräfteverhältnis gerungen. Offenbar will der Siemens-Aufsichtsrat am Mittwoch Nägel mit Köpfen machen und über das Zusammengehen entscheiden, Bombardier schon davor. Geplant sind laut Agenturberichten zwei Gemeinschaftsunternehmen: eines für die Signaltechnik, an dem Siemens die Mehrheit halten werde. Bei Triebfahrzeugen und Rollmaterial hingegen solle die wegen ihrer Flugzeugsparte ins Trudeln gekommene Bombardier das Sagen haben. Kanada hat Bombardier mit Garantien und Staatskrediten unter die Arme gegriffen. Geld fließe nicht bei der Transaktion. Teil der Vereinbarung seien weitreichende Arbeitsplatzgarantien vor allem für deutsche Standorte, sagten Insider. Noch größer als in Österreich sind die Überschneidungen in Deutschland.

Mit 16 Milliarden Dollar (15 Milliarden Euro) Umsatz wäre Siemens-Bombardier übrigens halb so groß wie CRRC, der 2015 geschmiedete Rivale in China. (as, ung, 27.7.2017)

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