Ostgeschäfte und Konjunktur: Österreichs Banken verdienen kräftig

27. Juli 2017, 18:53
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Österreichs Banken galten seit der Krise als Problemfälle. Damit scheint Schluss zu sein: Erste, RBI und Co melden Gewinnsprünge

Wien – Im österreichischen Bankensektor jagt derzeit eine gute Nachricht die andere. Am Dienstag hat die Raiffeisen Bank International (RBI) bekanntgegeben, dass sie für das erste Halbjahr 2017 einen Gewinn von 585 Millionen Euro erwartet. Bei gleicher Konstellation, die RBI wurde im März mit der Raiffeisen Zentralbank fusioniert, wären das im Vorjahr nur 236 Millionen gewesen. Der Gewinn hat sich also mehr als verdoppelt. Die Erste Bank hat bereits im vergangenen Jahr das "beste Ergebnis der Unternehmensgeschichte" vermeldet. Und es geht, wenn man die Zahlen aus dem ersten Quartal 2017 hernimmt, ähnlich gut weiter. Auch die auf das Österreich-Geschäft geschrumpfte Bank Austria (Unicredit) machte im ersten Quartal Gewinn. Die Branche war seit 2007 nicht mehr so profitabel.

Das ist auf den ersten Blick verwunderlich. Es ist erst wenige Jahre her, dass die Institute in Osteuropa in heftige Turbulenzen geraten sind. Die Banken kämpften im Osten mit der Rezession und mit den vielen Fremdwährungskrediten in ihren Büchern. Als erdrückend empfand die Branche zuletzt vor allem die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Wegen der EZB ließe sich mit Zinsmargen kaum Geld verdienen, so der Vorwurf.

grafik: der standard

Das Zinsgeschäft entwickelte sich tatsächlich mager. Die Kreditinstitute haben die eigenen Kosten gesenkt – aber in moderatem Tempo. Wieso also gelingt es ihnen, so gute Geschäfte zu machen? Die Antwort schlummert in einem Bilanzposten, den Banken mal als "Risikovorsorgen", mal als "Wertberichtigungen" bezeichnen.

Am besten lässt sich der Vorgang mit einem Beispiel erklären: Bank A borgt Kunde X Geld für einen Hauskauf und erwartet 100 Euro Kreditrückzahlung. Doch X verliert seinen Job. Die Bank wird rechnen: Das Haus als Sicherheit ist 30 Euro wert. X wird zudem 40 Euro wohl zurückzahlen können. Statt 100 wird die Bank also nur 70 einnehmen. Den Rest, die 30 Euro, muss sie als Risikovorsorge in der Bilanz verbuchen.

Österreichs Kreditinstitute haben als Folge der Krise jedes Jahr hohe Vorsorgen bilden müssen, weil Firmen wie Privatkunden in Zahlungsnot geraten sind.

Verbessertes Umfeld

Damit ist es vorbei. Die in Osteuropa sehr aktive RBI musste im ersten Halbjahr 2016 neue Kreditrisikovorsorgen in Höhe von 403 Millionen Euro treffen. Im gleichen Zeitraum 2017 sind es nur mehr 75 Millionen. Die Differenz speist den Gewinn. Die Erste hat im vergangenen Jahr neue Risikovorsorgen von knapp 200 Millionen gebucht. 2014 waren es über zwei Milliarden gewesen, 2015 über 700 Millionen.

Daten der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) zeigen, dass die ganze Branche von diesem Effekt profitiert. Die neuen Risikovorsorgen sind im vergangenen Jahr um zwei Drittel gefallen, wie eine OeNB-Berechnung zeigt. Der Haupttreiber der Entwicklung waren geringere Risikokosten in Osteuropa, so die OeNB.

Verantwortlich für den Trend ist vor allem die bessere Wirtschaftslage, sagt Hannes Mösenbacher, Risikovorstand bei der RBI. Das Wachstum hat seit 2015 tatsächlich in ganz Zentral- und Osteuropa angezogen. Die Rezession ist sogar in der krisengeplagten Ukraine seit 2016 zu Ende, was der RBI besonders half. Wenn die Wirtschaft wächst, kommen weniger problematische Kreditfälle dazu. Hinzu kommt, dass alte Rückstellungen aufgelöst werden können: Wenn Kunde X einen Job bekommt und doch den Kredit abzahlen wird, darf die Bank die Vorsorge (30) auflösen – ein Gewinn.

Des Weiteren haben Kreditinstitute wie RBI und Erste faule Darlehensportfolios in Osteuropa zu höheren Preisen als erwartet an Investoren verkauft.

Spielraum der Banken

Die Kreditinstitute haben freilich Spielräume, etwa dabei, wie sie eine Sicherheit und die Zahlungsfähigkeit eines Kunden bewerten. Ist es also gerechtfertigt, was die Banken tun? Laut Experten deutet aktuell viel darauf hin. Zunächst, weil alle Institute ähnlich vorgehen und es nicht bloß einzelne Ausreißer gibt, sagt Stefan Selden, Bankenberater von 720° Restructuring & Advisory. Historisch betrachtet haben die heimischen Banken im Verhältnis zum Gesamtbestand der problematischen Kredite in ihren Büchern hohe Vorsorgen getroffen, so Selden, was insgesamt auf eher vorsichtiges Vorgehen hindeute.

Die Finanzaufseher bei der OeNB sehen ebenfalls eine gerechtfertigte Vorgehensweise, warnen aber trotzdem: "Die Risikokosten werden irgendwann wieder steigen und die nur mühsam zu verbessernde Zinsertrags- und Kostensituation nicht mehr kompensieren", sagt Philip Reading, Direktor der Hauptabteilung Finanzmarktstabilität der OeNB.

Tatsächlich sind die Gewinne im Bankensektor, wenn man die Risikovorsorgen außer Acht lässt, 2016 sogar etwas gesunken. Hinzu kommt, dass für viele Institute ab 2018 eine Umstellung bei den Bilanzierungsregeln erfolgen wird, die laut Experten dazu führt, dass Banken eher strenger vorsorgen müssen. Die OeNB rät den Instituten daher, Kosten zu senken, also Filialen zu schließen und Mitarbeiter abzubauen. (András Szigetvari, 27.7.2017)

Kommentar von Andreas Schnauer: Erholung mit Fragezeichen

  • Die mageren Jahre für heimische Banken, im Bild der Erste Campus in Wien, dürften vorüber sein.
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    Die mageren Jahre für heimische Banken, im Bild der Erste Campus in Wien, dürften vorüber sein.

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